Die nächste KI‑Welle kommt – ist Europa bereit?

Vier Hebel für Europas KI‑Sprung nach vorn

Europa hat Ideen, Denker und eine fortschrittliche KI-Gesetzgebung. Was fehlt, sind Skalierungskapital, ein einheitliches Innovationsökosystem und der Mut zur globalen Skalierung.

Bild: Gemini, publish-industry
22.04.2026

Europa steht bei der KI an einem Scheideweg. Doch vier Punkte sind für die Zukunft entscheidend. Was steht auf der To-do-Liste für Europas KI-Zukunft?

Europa befindet sich derzeit an einem Scheideweg. Die KI-Transformation revolutioniert alle Bereiche unserer Gesellschaft – von unserem Privatleben bis hin zu den Bereichen Lernen und Arbeiten. Die großen Treiber dieser Entwicklung sind Technologiegiganten und KI-Konzerne. Mit neuer Hardware, neuen großen Sprachmodellen und agentischen KI-Systemen verschieben sie kontinuierlich die Grenzen des Denk- und Machbaren. Europa ist ein wichtiger Standort dieser Entwicklung und hat sein Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Es mangelt ihm nicht an Ideen, Denkern und Visionären. Wenn es jedoch ganz vorne mit dabei sein will, wenn es darum geht, von der nächsten KI-Generation zu profitieren, wird es um vier zentrale Schritte nicht herumkommen.

Abhängigkeiten reduzieren und KI‑Infrastruktur aufbauen

Eine wesentliche Schwachstelle aufstrebender KI-Unternehmen und -Start-ups in Europa ist ihre derzeit immer noch schwach entwickelte KI-Infrastruktur im Vergleich zu ihrer internationalen Konkurrenz. Nach wie vor besteht eine starke Abhängigkeit von nicht-europäischen Fabriken und Herstellern. Zwar schreitet der Bau von KI-Fabriken auch in Europa stetig voran, im internationalen Vergleich hinkt Europa aber nach wie vor hinterher.

Eine Zunahme supranationaler Projekte der stärksten Industrienationen Europas könnte helfen, die europäische KI-Start-up-Szene langfristig zu stärken. Ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung ist hier etwa der kürzlich von der Europäischen Kommission angekündigte EU-Inc.-Vorschlag: eine neue paneuropäische Unternehmensstruktur, die es Unternehmern ermöglichen soll, in einem EU-Land eine juristische Person zu registrieren, die dann nach einheitlichen Regeln für Gründung, Unternehmensführung und Investitionen in allen 27 EU-Mitgliedstaaten operieren kann.

Heute muss ein europäisches Start-up, das expandieren möchte, 60 verschiedene Gesellschaftsformen in bis zu 27 unterschiedlichen Versionen des Gesellschaftsrechts berücksichtigen – eine hochkomplexe Angelegenheit, die Investoren abschreckt und das Wachstum europäischer Unternehmen verlangsamt. EU-Inc. soll das ändern. Die Beseitigung struktureller Hindernisse wird es Europa ermöglichen, seine erstklassigen wissenschaftlichen Erkenntnisse rascher und zielgerichteter als bisher in global wettbewerbsfähige Unternehmen zu überführen.

Mehr Wachstumskapital und Erfahrungsschatz

Ein Grund, warum viele Start-ups Europa in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben, ist das schwierige Investitionsklima. Zwar ist Europa bereit, junge Unternehmen mit zukunftsweisenden Ideen in der Frühphase zu unterstützen, doch mangelt es in den folgenden Phasen häufig an Skalierungskapital. Dabei handelt es sich um die Art von Wachstumsfinanzierung, die Unternehmen über Series B und C hinausführt, damit sie auch auf globaler Ebene mit der Konkurrenz Schritt halten können.

Gerade im Deeptech-Bereich, in dem der Aufbau von KI in der Regel an die Grenzen des Machbaren geht – sei es bei Sensorsystemen oder Neurotechnologie – und oft länger dauert, als klassische Venture-Zeitrahmen es erlauben, kann diese Investitionslücke extrem schädliche Auswirkungen haben. Unternehmen müssen sich dann der Herausforderung stellen, die finanzielle Distanz zwischen einer frühen wissenschaftlichen Validierung und der Entwicklung hin zu einem global wettbewerbsfähigen Unternehmen zu überbrücken.

Häufig geschieht das über die Abwanderung der klügsten Köpfe und vielversprechendsten Ideen in einem sogenannten „Flip“-Prozess. Dabei sind vielversprechende europäische Unternehmen gezwungen, ihren Sitz ins nicht-europäische Ausland zu verlegen oder sich umzustrukturieren, um Zugang zum dringend benötigten Wachstumskapital zu erhalten. Bei KI-Unternehmen kann dieser Prozess für das Ursprungsland rasch handfeste Probleme zur Folge haben, wenn die Wertevorstellungen der Staaten nicht miteinander übereinstimmen.

Wenn Europa nicht nur technologisch mithalten will, sondern auch seine eigenen Werte in der KI fest verankert sehen möchte, muss es bereit sein, diesen Anspruch auch finanziell zu unterstreichen. Andernfalls wird es das Feld der KI anderen überlassen und kann nur hoffen, dass nicht-europäische Akteure seine Werte berücksichtigen werden.

Mehr Wachstumskapital allein wird jedoch nicht ausreichen. Ein breit aufgestelltes Ökosystem benötigt auch ausreichend Zeit, um sich erfolgreich zu entwickeln. Europa steht immer noch am Anfang, wenn es darum geht, ein Netzwerk erfahrener Gründer aufzubauen. Es braucht Alumni von Unternehmen wie Google oder Apple, die in Beiräten sitzen, die nächste Generation begleiten und die Art von ehrlicher, fachspezifischer Herausforderung bieten, die die besten Ökosysteme auszeichnet. Diese Erfahrungstiefe lässt sich nicht auf die Schnelle erzeugen. Sie muss über lange Zeiträume hinweg gezielt kultiviert werden.

EU AI Act: Balance zwischen Strenge und Offenheit

Wir alle glauben an eine robuste und wohlüberlegte Regulierung von KI – und das nicht nur in Europa, sondern weltweit. Das Tempo und das Ausmaß der aktuellen KI-Entwicklung haben tiefgreifende Auswirkungen auf Gesellschaft, Sicherheit und Menschenrechte. Ein klarer und konsistenter internationaler Rahmen ist hier unerlässlich.

Die richtige Regulierung der KI-Entwicklung erfordert vor allem drei Dinge: Zeit, Beratung und die intensive Einbeziehung all derjenigen, die von ihr betroffen sind. Der EU AI Act ist ein ehrlicher Versuch, ein komplexes und sich schnell entwickelndes Feld sorgfältig zu regulieren – eine extrem anspruchsvolle Aufgabe. Forscher, Praktiker und Fachexperten haben jedoch zu Recht die Frage aufgeworfen, ob ihr Feedback im Entwurf ausreichend berücksichtigt wurde, bevor er als Gesetz verabschiedet wurde. Einige seiner Bestimmungen bergen nämlich das Risiko, genau dort Hürden aufzubauen, wo europäische Innovation eigentlich am dringendsten Freiräume bräuchte. Eine Regulierung, die europäische Unternehmen unverhältnismäßig stärker belastet als ihre internationale Konkurrenz, ohne gleichzeitig auf globaler Ebene entsprechende Schutzmaßnahmen zu implementieren, gefährdet genau die Ziele, die sie eigentlich schützen soll. In der gegenwärtigen Lage ist diese Sorge besonders akut.

Andererseits wird es europäischen Unternehmen ermöglichen, europäische Führungsstärke auf dem Gebiet der KI zu demonstrieren und zu etablieren, wenn sie die Werte und Standards, die intelligente Systeme in den kommenden Jahrzehnten prägen werden, aktiv mitgestalten. Der hier etablierte fortlaufende Dialog zwischen Gesetzgebern, Wissenschaft und Innovationsökosystem ist ein wesentlicher Bestandteil einer gut funktionierenden KI-Regulierung. Der EU AI Act bringt deshalb die besten Voraussetzungen mit, um zu einem echten globalen Standard zu werden. Um seine Möglichkeiten voll zu entfalten, ist jedoch ein guter Ausgleich zwischen regulatorischer Strenge und Offenheit erforderlich.

Die nächste KI‑Welle strategisch nutzen

Abseits von Infrastruktur, Kapital und Regulierung stellt sich schließlich noch eine grundlegende strategische Frage: Welche Art von KI-Führungsrolle möchte Europa eigentlich übernehmen?

Die aktuelle Welle des KI-Fortschritts, das Skalieren von Foundation Models, nähert sich einer Grenze, mit der sich die Branche gerade erst beginnt auseinanderzusetzen. Die nächste Welle wird durch die Integration von KI in reale physische und menschliche Systeme definiert werden. Sie wird Krankenhäuser, Fabriken, Cockpits und Verteidigungsumgebungen betreffen. Die heutige KI ist außergewöhnlich gut darin, Daten zu verarbeiten. Nach wie vor fehlt ihr jedoch der menschliche Kontext. Sie reagiert auf Klicks und Token, bleibt aber blind gegenüber der Absicht, der Aufmerksamkeit und dem mentalen Zustand der Person auf der anderen Seite der Schnittstelle. Je tiefer KI in sicherheitskritische Umgebungen vordringt, desto größer wird die Lücke zwischen dem, was Maschinen vorhersagen, und dem, was Menschen tatsächlich meinen. Dies wird zu einem echten operativen und sicherheitsrelevanten Risiko.

Und genau hier werden Europas Stärken nun strategisch relevant. Europäischer Deeptech ist besonders stark in domänenspezifischen Bereichen wie Medizintechnik, industrieller KI, sicherheitskritischen Systemen und Neurotechnologie. Hier bieten wissenschaftliche Tiefe, regulatorische Sorgfalt und die enge Zusammenarbeit mit realen Branchen echte Wettbewerbsvorteile. Organisationen und Ökosysteme, die lernen, menschliche Kognition als nativen Input für KI-Systeme zu integrieren – also nicht nur zu beobachten, was Menschen tun, sondern auch zu verstehen, was sie erleben –, werden die nächste Generation intelligenter Systeme definieren. Europa hat das wissenschaftliche Potenzial, um in diesem Bereich führend zu sein. Die Frage ist nur, ob es ihm auch gelingen wird, die entsprechenden Unternehmen aufzubauen und zu etablieren.

Puzzleteile verbinden: Europas Weg zum KI‑Zentrum

Bei der KI-Entwicklung und -Transformation hat Europa zwar ein Defizit, dieses ist jedoch nicht unüberwindbar. Der Kontinent verfügt über die fortschrittlichste KI-Gesetzgebung der Welt und erstklassige wissenschaftliche Institutionen. Seine politischen Entscheidungsträger und Investoren zeigen ein wachsendes Bewusstsein dafür, was sich ändern muss, um erfolgreich zu sein. Es fehlen noch Skalierungskapital, eine klügere Beschaffungspolitik, ein funktionierendes, einheitliches Innovationsökosystem und der Mut, europäischem Deeptech den Weg zur globalen Skalierung zu eröffnen.

Wenn Europa Infrastruktur, Gesetzgebung, Investitionsstrategie und echten Marktzugang miteinander verbindet, werden sich die einzelnen Puzzleteile zu einem klaren Bild zusammenfügen lassen – mit Europa als KI-Zentrum. Wenn es Europa jedoch nicht gelingt, dieses Bild zu schärfen und zu konkretisieren, droht der Verlust seiner besten Ideen, Denker und Visionäre – und damit auch seiner Fähigkeit, die Werte der nächsten KI-Generation mitzugestalten.

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