Wie offene Schnittstellen dezentrale Flexibilität bündeln

Stromnetz im Schwarm

Durch die Koordination können flexible Geräte wie Elektroautos, Wärmepumpen und Batteriespeicher größere Flexibilitätspools bilden.

Bild: publish-industry, KI-generiert mit ChatGPT
21.10.2026

Ein Elektroauto muss nicht sofort voll laden, und eine Wärmepumpe kann Wärme vorproduzieren. Koordiniert ergeben viele solcher Geräte einen großen Flexibilitätspool. Woran scheitert die Zusammenarbeit bislang?

Mit der zunehmenden Elektrifizierung wächst auch die Zahl der steuerbaren Geräte. Ein Elektroauto muss beispielsweise nicht unmittelbar nach dem Anstecken mit voller Leistung laden. Eine Wärmepumpe kann innerhalb bestimmter Grenzen Wärme vorproduzieren und ein Batteriespeicher kann Strom aufnehmen und später wieder abgeben. Für sich genommen sind solche Anlagen für Strommärkte oder Netzbetreiber meist zu klein. Werden jedoch viele Geräte koordiniert, können daraus größere Flexibilitätspools entstehen.

Das Potenzial dezentraler Flexibilität

Das Potenzial ist beträchtlich: Eine EU-Analyse beziffert das Potenzial nachfrageseitiger Flexibilität für das Jahr 2030 auf rund 120 GW. Zum Vergleich: Für die Europäische Union werden derzeit rund 44 GW installierte Pumpspeicherleistung angegeben. Flexible Geräte können Pumpspeicher nicht vollständig ersetzen, doch die Größenordnung verdeutlicht das bislang nur teilweise erschlossene Potenzial in Haushalten, Betrieben und Energiegemeinschaften.

„Viele flexible Geräte sind heute bereits vorhanden, ihr Potenzial für das Energiesystem lässt sich aber nur dann sinnvoll nutzen, wenn unterschiedliche Technologien und Akteur:innen zuverlässig zusammenspielen. Mit FOCUS:LFM wollen wir dafür eine offene, gemeinsame Grundlage schaffen, die technische Hürden reduziert und neue Möglichkeiten für Flexibilitätsangebote im Energiesystem eröffnet“, sagt Guntram Preßmair, Projektkoordinator bei E7 energy innovation & engineering.

Gemeinsame Schnittstellen statt vieler Einzellösungen

Eine zentrale Hürde ist derzeit die technische Integration: Geräte unterschiedlicher Hersteller verwenden verschiedene Kommunikationswege, Datenmodelle und Steuerungsschnittstellen. Viele bestehende Lösungen sind zudem proprietär, also geschlossene, herstellerspezifische Systeme. Dadurch kann es insbesondere für kleinere Hersteller, Energiedienstleister und neue Marktteilnehmer aufwendig und kostenintensiv sein, unterschiedliche Systeme miteinander zu verbinden.

FOCUS:LFM entwickelt ein Open-Source-Framework für die technische Aggregation dezentraler Flexibilität. Vereinfacht gesagt soll eine gemeinsame digitale Verbindungsebene zwischen flexiblen Geräten, Gebäude- und Energiemanagementsystemen, technischen und wirtschaftlichen Aggregatoren, dem Stromhandel, der Flexibilitätsvermarktung und den Prozessen der Verteilernetzbetreiber entstehen. Dabei sollen bestehende Systeme nicht ersetzt, sondern über klar definierte Schnittstellen verbunden werden.

„Entscheidend ist, dass aus vielen Einzellösungen eine verlässliche Infrastruktur entsteht, die allen betroffenen Akteur:innen einen Mehrwert liefert. Darum entwickeln wir schrittweise eine offene IKT-Architektur mit passenden Schnittstellen, anhand derer isolierte System angebunden und miteinander vernetzt werden können. Etablierte Prozesse, geltende und bereits bekannte zukünftige Regularien sowie weitere Entwicklungen in der Energiewirtschaft werden berücksichtigt, so dass sich die FOCUS:LFM-Lösung nahtlos im Gesamtsystem einfügen kann“, so Christof Brandauer von Salzburg Research. Er nimmt im Projekt die Rolle des Produktmanagers im agilen Entwicklungsprozess ein.

Von der Simulation bis zum Praxistest

Die entwickelten Komponenten und Schnittstellen werden schrittweise in Simulationen, in Laborumgebungen mit realen Geräten sowie in Feldtests erprobt. Vorgesehen sind unter anderem Tests mit Ladeinfrastruktur für Elektromobilität, Elektroboilern, Energiemanagement-Lösungen sowie im Reallabor Waldviertel und mit mehreren Energiegemeinschaften. Dabei untersucht das Konsortium, ob Geräte verschiedener Hersteller zuverlässig eingebunden und koordiniert werden können und wie die Lösung mit den Anforderungen von Netzbetreibern, Aggregatoren sowie Anwenderinnen und Anwender zusammenspielt.

„Praxistests ergänzen das Projekt, um die entwickelten Lösungen immer wieder in komplexen Anwendungsszenarien zu erproben, zu evaluieren und basierend darauf weiterzuentwickeln. Erst durch diese Teststellungen unter realen Bedingungen ist es möglich das Zusammenspiel unterschiedlicher Technologien und Stakeholder umfassend miteinzubeziehen und die durchgehende Funktionalität sicherzustellen“, so Peter Kepplinger, Forschungszentrumleiter Energie an der FHV – Vorarlberg University of Applied Sciences, im Projekt für die Koordination der Praxistests verantwortlich.

Beitrag zu einem flexibleren Stromsystem

FOCUS:LFM adressiert damit eine zentrale Herausforderung der Energiewende: Erneuerbare Stromerzeugung schwankt, während zugleich immer mehr Bereiche wie Wärme und Mobilität elektrifiziert werden. Wenn ein Teil des Verbrauchs zeitlich angepasst werden kann, lässt sich vorhandene erneuerbare Energie besser nutzen und die Belastung der Stromnetze reduzieren. Ob und in welchem Umfang dies mit der im Projekt entwickelten Infrastruktur gelingt, wird im Rahmen der vorgesehenen Simulationen, Labor- und Feldtests untersucht.

Das Forschungsprojekt FOCUS:LFM (From Open Coexistence to Unified Systems for Local Flexibility Management) wird von E7 energy innovation & engineering koordiniert und umfasst 18 Partnerorganisationen aus Forschung, Technologie, Energiewirtschaft und Netzbetrieb: FHV – Vorarlberg University of Applied Sciences, Forschung Burgenland, Salzburg Research Forschungsgesellschaft, AVL List, Bundesverband eMobility Austria (BVe-Austria) – Verein zur Förderung der Elektromobilität, E-VO eMobility, Energiegemeinschaft Grafenegg, Energiegenossenschaft Elsbeere Wienerwald, Energiegenossenschaft Staatz, Energienetze Steiermark, Illwerke vkw, Impeect, Keba Energy Automation, Ökostrom Kollektiv, Pink, Reallabor 100 Prozent EE Waldviertel Betriebs, Reisenbauer Solutions, Ruvi, V2G Alliance Austria – Strom vom Fahrzeug zum Netz Bündnis Österreich und Weidmüller.

Projektstart war im Juni 2026, die Laufzeit beträgt 48 Monate. Das Projekt wird aus Mitteln des Klima- und Energiefonds und des Bundesministeriums für Innovation, Mobilität und Infrastruktur gefördert und im Rahmen des Energieforschungsprogramms 2025 durchgeführt. Unterstützt wird die Entwicklung zudem von einem Stakeholder-Netzwerk, darunter Österreichs Energie und Smart Grids Austria.

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