Infrastruktur für künftige E-Fähren

Strom in Bewegung: So funktioniert beweglicher Landstrom

Der HADAG-Fähranleger im Hamburger Hafen mit der neuen Landstrominfrastruktur zur emissionsfreien Energieversorgung während der Liegezeiten.

Bild: VAHLE
14.04.2026

Landstrom statt Dieselgeneratoren: Vahle hat eine ursprünglich für Wartungsbereiche von S- und U-Bahnen entwickelte Technologie für den maritimen Einsatz angepasst. Das System versorgt Fähren während der Liegezeiten emissionsfrei mit Energie, ersetzt die Bordgeneratoren und gleicht Gezeiten und Strömung aus.

Paul Vahle hat eine bewegliche Landstromlösung für die Fähren der HADAG Seetouristik und Fährdienst im Hamburger Hafen entwickelt. Das System ermöglicht eine emissionsfreie Stromversorgung der Schiffe während der Liegezeiten. Der Systemanbieter für mobile Industrieanwendungen hat die Infrastruktur speziell für die schwimmenden Fähranleger der Elbe konzipiert. Sie gleicht Bewegungen durch Gezeiten und Strömung aus. „Die Landstromlösung ersetzt künftig die Bordgeneratoren während der Hafenliegezeiten und senkt damit Emissionen und Lärm im Hafenbetrieb deutlich“, sagt Olaf Biesterfeldt, Vertriebsmitarbeiter für Norddeutschland bei Vahle.

Bewegliche Landstromlösung: Einsatz im ÖPNV

Die 27 Schiffe der HADAG-Flotte verbinden zentrale Knotenpunkte des öffentlichen Nahverkehrs wie die Landungsbrücken, Blankenese und die Elbphilharmonie. Künftig sollen die Fähren während der Liegezeiten ohne laufende Dieselgeneratoren auskommen. Die neue Infrastruktur entsteht im Rahmen des Ausbaus der landseitigen Energieversorgung im Hamburger Hafen und ist Teil der langfristigen Klimastrategie des Standorts.

Die technische Umsetzung stellte besondere Anforderungen: Die Liegeplätze befinden sich auf schwimmenden Pontons, deren Position sich durch Gezeiten und Strömung ständig verändert. Dadurch variieren sowohl die Anschlusshöhe als auch der Abstand zwischen Schiff und Infrastruktur. „Wir haben deshalb ein bewegliches Energieversorgungssystem entwickelt, das den Anschluss flexibel zur jeweiligen Fähre bringt und gleichzeitig eine sichere Stromübertragung gewährleistet“, erklärt Biesterfeldt.

Stinger-System und Umstellung auf leistungsfähige Drehstromversorgung

Die technologische Grundlage ist eine Vahle-Technologie: Das sogenannte „Stinger-System“ führt die Stromschiene über Kopf und verlagert sie damit aus dem Arbeitsbereich. So werden Stolperfallen, unbeabsichtigter Kontakt mit Strom und Kollisionen vermieden. Die ursprünglich für Wartungsbereiche von S- und U-Bahnen entwickelte Technologie wurde für den maritimen Einsatz auf eine leistungsfähige Drehstromversorgung umgestellt. „Drehstromsysteme können deutlich höhere Leistungen übertragen als Einphasensysteme. Das ist ideal für die Anforderungen moderner Schiffe“, erklärt Biesterfeldt.

Das entwickelte System erstreckt sich über rund 30 m entlang des Pontons. Ein verfahrbarer Wagen bringt den Stromanschluss exakt zur Position der jeweiligen Fähre und gleicht Bewegungen zwischen Schiff und Anleger aus. Die Hauptstromschiene überträgt Leistungen von bis zu 860 A bei 400 V und ermöglicht somit perspektivisch auch das Laden vollelektrischer Fähren. Zusätzlich zur Energieversorgung integriert die Lösung Steuer- und Datenübertragungssysteme, die einen zuverlässigen Betrieb sicherstellen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der praktischen Handhabung im täglichen Fährbetrieb. Um das Fährpersonal zu entlasten, hat Vahle industrielle Balancer in das bewegliche System integriert. Diese tragen das Gewicht der Anschlusskomponenten und ermöglichen es den Fährführerinnen und Fährführern, den Anschluss ohne großen Kraftaufwand zum Stromanschluss zu führen und dort anzukoppeln. Sergej Nickel, Leiter Project Engineering bei Vahle, sagt: „Das System muss im Alltag überzeugen. Die Besatzungen sollen keine schweren Kabel schleppen müssen.“

Partnerschaft zur Realisierung der Landstromtechnik

Für die Umsetzung arbeitete Vahle eng mit dem Generalunternehmer Actemium Cegelec Mitte zusammen. Während Vahle die bewegliche Infrastruktur für die Energie-, Steuer- und Datenübertragung entwickelte und lieferte, war Actemium für die übergeordnete elektrotechnische Integration sowie die Anbindung an die landseitige Energieversorgung verantwortlich. „Die Zusammenarbeit war klar strukturiert und partnerschaftlich“, so Nickel.

Aktuell sind vier Liegeplätze im Hamburger Hafen mit der neuen Landstromtechnik ausgestattet. Diese Infrastruktur wird perspektivisch weiter an Bedeutung gewinnen: Ab 2027 plant die HADAG den Einsatz vollelektrischer Fähren, deren Batterien während der Liegezeiten geladen werden sollen. Landstromsysteme gelten als zentrale Infrastrukturmaßnahme für die Dekarbonisierung von Hafenverkehren. Mit Blick auf den zunehmenden Ausbau von Green Ports sieht Vahle in dem Projekt eine Referenz für ähnliche Anwendungen in internationalen Häfen.

Bildergalerie

  • Sergej Nickel und Olaf Biesterfeldt (von links) von Vahle neben dem verfahrbaren Wagen des Landstromsystems auf einem schwimmenden Ponton im Hamburger Hafen.

    Sergej Nickel und Olaf Biesterfeldt (von links) von Vahle neben dem verfahrbaren Wagen des Landstromsystems auf einem schwimmenden Ponton im Hamburger Hafen.

    Bild: VAHLE

  • Landstromanschluss mit hängenden Kabeln unter einer über Kopf geführten Stromschiene am Ponton im Hamburger Hafen; im Hintergrund Elbe und Hafenanlagen.

    Landstromanschluss mit hängenden Kabeln unter einer über Kopf geführten Stromschiene am Ponton im Hamburger Hafen; im Hintergrund Elbe und Hafenanlagen.

    Bild: VAHLE

  • Blick von unten auf die von Vahle installierte Stromschienenkonstruktion zur sicheren Energieübertragung außerhalb des Arbeitsbereichs.

    Blick von unten auf die von Vahle installierte Stromschienenkonstruktion zur sicheren Energieübertragung außerhalb des Arbeitsbereichs.

    Bild: VAHLE

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