Zwölf Hebel gegen den Industrie-Absturz

So sichert der Mittelstand seine Zukunftsfähigkeit

Deutscher Mittelstand im Strukturwandel: Um die industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, sind KI, Automatisierung und Resilienz als zentrale Handlungsfelder zu betrachten.

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24.05.2026

Ob KI-Revolution, Energiekrise oder Fachkräftemangel – der Druck auf den Mittelstand steigt. Viele Mittelständler hoffen auf bessere Konjunkturdaten. Ein Fehler, sagt Beraterin Jane Enny van Lambalgen und zeigt, worauf es stattdessen ankommt.

Deutschlands Mittelstand steht vor der größten strukturellen Umbruchphase seit Jahrzehnten. „Die Kombination aus KI-Revolution, geopolitischen Risiken, Energieproblemen, Fachkräftemangel, Bürokratie und wachsender Regulierung erzeugt einen historischen Veränderungsdruck“, erklärt Jane Enny van Lambalgen, CEO der Beratungs- und Managementfirma Planet Industrial Excellence. Viele Unternehmen versuchten noch immer, einzelne Krisen isoliert zu überwinden. Tatsächlich handele es sich jedoch um einen tiefgreifenden Wandel der gesamten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

„Wer jetzt lediglich auf bessere Konjunkturdaten hofft oder der einen oder anderen Entwicklung hinterherläuft, verkennt die Realität“, warnt van Lambalgen. Unternehmen müssten ihre Organisation, Prozesse und Geschäftsmodelle grundlegend modernisieren. Die Managerin hat deshalb einen umfassenden Zwölf-Punkte-Fahrplan für die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen formuliert.

1. KI ist kein Experiment mehr

Nach Einschätzung von Jane Enny van Lambalgen wird KI innerhalb weniger Jahre zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor in nahezu allen Unternehmensbereichen. Viele Firmen experimentierten bislang jedoch lediglich punktuell mit einzelnen Anwendungen. „Künstliche Intelligenz muss aus der Innovationsabteilung heraus in den operativen Alltag gelangen“, rät sie den Unternehmen.

Besonders große Potenziale gibt es in den Bereichen Kundenservice, Wissensmanagement, Vertriebssteuerung, Produktionsplanung, Qualitätskontrolle, technischem Zeichnen, Statikkalkulationen – etwa im Bau – , Compliance-Prüfung, Einkauf und Verwaltung. KI kann Prozesse beschleunigen, Fehler reduzieren und Mitarbeiter erheblich entlasten. Unternehmen müssen deshalb systematisch analysieren, welche Tätigkeiten automatisiert, unterstützt oder vollständig neu gestaltet werden können.

2. Interner Reformstau kostet Wettbewerbsfähigkeit

Neben einer überbordenden staatlichen Regulierung sieht die Expertin auch erhebliche hausgemachte Bürokratieprobleme in den Unternehmen. Über Jahre gewachsene Freigabestrukturen, komplizierte Abstimmungswege und redundante Dokumentationspflichten bremsen die Geschwindigkeit vieler Organisationen massiv aus.

„Es ist üblich, auf den Wust an externer Bürokratie zu schimpfen“, sagt Jane Enny van Lambalgen, „doch dabei übersehen viele Unternehmen, dass ihre interne ‚Firmokratie‘ häufig ebenso undurchsichtig, langatmig und in weiten Teilen schlichtweg überflüssig ist.“ Gerade in Zeiten schneller Marktveränderungen und steigendem Kostendruck wird dies zunehmend zum Wettbewerbsnachteil. Unternehmen müssen deshalb ihre internen Abläufe konsequent auf Wertschöpfung überprüfen und unnötige Prozessschritte eliminieren.

3. Wertschöpfungsketten vollständig neu denken

Die Managerin empfiehlt Unternehmen, ihre Geschäftsprozesse nicht nur zu digitalisieren, sondern sie grundsätzlich zu hinterfragen. „Viele ineffiziente Prozesse werden derzeit einfach digital fortgeführt“, kritisiert sie. Die zentrale Zukunftsfrage laute nicht mehr, wie bestehende Strukturen effizienter gemacht werden können, sondern welche Prozesse überhaupt noch sinnvoll sind. Gerade durch KI, Robotik und Automatisierung entstünden völlig neue Möglichkeiten der Organisation von Arbeit, Produktion und Verwaltung.

4. Lieferketten resilienter machen

„Der Krieg im Nahen Osten legt einmal mehr die Verwundbarkeit globaler Lieferketten schonungslos offen“, meint Jane Enny van Lambalgen. Viele Firmen gäben sich überrascht, obwohl die Krisen der vergangenen Jahre längst die Kehrseite der Globalisierung für die Wirtschaft gezeigt hätten. „Die Pandemie, geopolitische Spannungen und Handelskonflikte haben deutlich gemacht, wie schnell internationale Abhängigkeiten zum Problem werden können“, sagt sie.

„Maximale Kosteneffizienz darf nicht länger das einzige Ziel von Lieferketten sein“, erklärt Jane Enny van Lambalgen. Unternehmen müssten ihre Beschaffungsstrukturen stärker diversifizieren, alternative Lieferanten aufbauen und kritische Komponenten strategisch absichern. Gleichzeitig gewinne die digitale Steuerung und Überwachung von Lieferketten massiv an Bedeutung.

5. Gutes Produkt, schwacher Auftritt – das Mittelstands-Dilemma

Nach Ansicht der Managerin verfügen viele deutsche Mittelständler zwar über hervorragende Produkte und hohe Ingenieurskompetenz, sind im internationalen Wettbewerb aber oft vertrieblich und preislich zu schwach aufgestellt.

„Technologische Qualität und Features allein verkaufen sich heute nicht mehr automatisch“, so van Lambalgen. Moderne Unternehmen müssten ihre Marktpräsenz deutlich professioneller gestalten. KI-gestützte Kundenanalyse, automatisiertes Marketing, datengetriebene Vertriebssteuerung und professionelle digitale Sichtbarkeit entscheiden zunehmend über Markterfolg. Gerade internationale Wettbewerber aus den USA und Asien sind in diesen Bereichen häufig aggressiver und moderner mit einfach zu bedienenden Produkten aufgestellt.

6. Automatisierung als Antwort auf den Fachkräftemangel

Angesichts des demografischen Wandels wird Deutschland dauerhaft mit einem Mangel an Arbeitskräften konfrontiert bleiben. Laut OECD-Prognosen werden bis 2036 rund 20 Millionen Menschen in den Ruhestand gehen, während deutlich weniger junge Arbeitskräfte nachrücken. „Unternehmen werden viele Stellen künftig schlicht nicht mehr besetzen können“, sagt Jane Enny van Lambalgen. Deshalb müssten Automatisierung und Robotik deutlich schneller vorangetrieben werden – nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Verwaltung, Logistik und Kundenkommunikation.

7. Cybersecurity zur strategischen Kernaufgabe machen

Mit wachsender Digitalisierung und KI-Nutzung steigt zugleich das Risiko hochautomatisierter Cyberangriffe erheblich. Unternehmen sind längst nicht mehr nur einzelnen Hackern ausgesetzt, sondern zunehmend professionell organisierten und KI-gestützten Angriffssystemen.

„IT-Sicherheit ist schon lange keine technische Randfrage mehr, sondern eine Frage der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit“, betont die Expertin. Besonders kritisch sind dabei Lieferkettenangriffe, Ransomware, Industriespionage, Angriffe auf Firmware und Produktionssysteme. Unternehmen müssen deshalb deutlich stärker in Cybersicherheit, Monitoring, Notfallmanagement und digitale Resilienz investieren. Regelmäßige Penetrationstests sind das Gebot der Stunde.

8. Mitarbeiter umfassend weiterqualifizieren

Der technologische Wandel wird viele Berufsbilder massiv verändern. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an nahezu alle Beschäftigten. „KI ersetzt nicht einfach pauschal Menschen, aber sie verändert die Anforderungen an Arbeit fundamental“, erklärt Jane Enny van Lambalgen.

Unternehmen müssten deshalb massiv in Weiterbildung investieren. Dabei gehe es nicht nur um technische Kenntnisse, sondern auch um den produktiven Umgang mit KI-Systemen, Datenanalyse, Prozessverständnis und digitale Zusammenarbeit. „Im Idealfall gelingt es den Unternehmen, das anstehende Ausscheiden der Boomergeneration durch KI- und Roboter-getriebene Automatisierung aufzufangen“, nennt sie eine Zielvorgabe.

9. Wer zu langsam entscheidet, verliert

Viele Unternehmen leiden unter zu langen Entscheidungswegen und einer Kultur der Risikoaversion. „In einer Welt exponentieller technologischer Entwicklung werden langsame Organisationen zunehmend verlieren“, sagt die Managerin. Erfolgreiche Unternehmen müssten Verantwortung stärker dezentralisieren, Teams mehr Handlungsspielraum geben und Entscheidungen schneller treffen. Geschwindigkeit werde künftig zu einem wesentlichen Wettbewerbsfaktor.

10. Energie bleibt strategischer Kostenfaktor

Die dauerhaft hohen Energiepreise in Deutschland stellen insbesondere die Industrie vor enorme Herausforderungen. Unternehmen müssen deshalb ihre Energieeffizienz systematisch verbessern und stärker auf intelligente Produktionssteuerung setzen. „Energie wird auf absehbare Zeit ein strategischer Kostenfaktor bleiben“, erklärt Jane Enny van Lambalgen. Besonders energieintensive Unternehmen müssen ihre Prozesse deshalb technologisch modernisieren und resilientere Energieversorgungskonzepte entwickeln – oder den Weg ins Ausland antreten.

11. Standortfrage offen stellen

Die Expertin wird deutlich: „Die mittelständische Wirtschaft sollte Produktionsverlagerungen und internationale Standortstrategien ernsthaft prüfen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.“ Angesichts hoher Energiepreise, wachsender Regulierung, steigender Arbeitskosten und bürokratischer Belastungen könne es wirtschaftlich sinnvoll sein, einzelne Produktionsschritte oder ganze Geschäftsbereiche teilweise ins Ausland zu verlagern. „Viele Unternehmen werden künftig deutlich internationaler denken müssen, wenn sie ihre Kostenstruktur und Wettbewerbsfähigkeit erhalten wollen“, sagt Jane Enny van Lambalgen, „wobei aus Resilienzgründen vieles dafür spricht, ins europäische Ausland statt nach Übersee zu expandieren.“

Sie führt aus: „Bei Produktionsverlagerungen ist es ratsam, die Waren in der Nähe der jeweiligen regionalen Märkte, also beispielsweise Asien, herzustellen. Gleichzeitig sollte sichergestellt werden, dass kurzfristig auf geopolitische Veränderungen reagiert werden kann, indem die Fertigung desselben Produkts weiterhin in Europa möglich bleibt.“

12. Innovation als Dauerprozess

Jane Enny van Lambalgen ist der Ansicht, dass viele Unternehmen die Geschwindigkeit technologischer Veränderungen noch immer unterschätzen. Klassische Innovationszyklen sind zu langsam geworden. Während neue Technologien früher oft über viele Jahre hinweg schrittweise auf den Markt kamen, verändern sich heute ganze Geschäftsmodelle innerhalb von ein bis zwei Jahren. Unternehmen müssen deshalb deutlich experimentierfreudiger werden, Lösungen schneller testen und Entscheidungen wesentlich rascher treffen.

Wenige Monate statt etliche Jahre

„Früher konnte ein Unternehmen mit einer guten Strategie fünf oder zehn Jahre erfolgreich sein. Heute verändern sich Märkte teilweise binnen weniger Monate“, erklärt sie. Die Firmen müssten Innovation deshalb als permanenten Prozess verstehen und deutlich schneller einführen, testen und umsetzen.

Trotz aller Probleme sieht die Managerin weiterhin Chancen für den Industriestandort Deutschland. „Deutschland verfügt über enorme industrielle Kompetenz, technisches Know-how und hochqualifizierte Mitarbeiter“, zählt sie auf. Allerdings reichten diese Stärken allein nicht mehr aus. „Entscheidend werden künftig Anpassungsfähigkeit, Entscheidungs- und Innovationstempo sowie Modernisierungsbereitschaft sein“, sagt Jane Enny van Lambalgen. Sie stellt klar: „Auf die Politik zu warten, macht jedenfalls keinen Sinn. Es liegt bei den Unternehmen selbst, sich fit für die Zukunft zu machen.“

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