Frank Maier brachte bereits 2005 Software-Kompetenz und IT-Sicht zum Spezialisten für Maschinenautomatisierung Lenze. Seit 2009 ist er CTO der Lenze SE. Er studierte Elektrotechnik an der Universität Stuttgart und begann seine Laufbahn 1989 bei Hewlett Packard und Agilent Technologies u.a. in den USA. Er ist Vorstand der Forschungsvereinigung Antriebstechnik e.V.

Bild: Lenze

Kommentar Ohne Software geht nichts

04.09.2019

Industrie 4.0, IIoT, digitaler Zwilling, Digitalisierung allüberall – das alles braucht enorm viel Software-Ressourcen. Gleichzeitig stagnieren die Studentenzahlen und der demografische Wandel führt zu einer weiteren Verknappung der ohnehin schon knappen Fachkräfte. Gibt es einen Weg aus dem Software-Dilemma?

Frank Maier war mit diesem Beitrag im A&D-Kompendium 2019/2020 als einer von 100 Machern der Automation vertreten.

Digitalisierung ist in aller Munde und wird heute gar als Revolution empfunden. Aber wo kommt die Idee von der plötzlichen „Revolution“ eigentlich her? Schließlich digitalisieren wir in der Technik schon lange - ich erinnere an die Jacquard-Webmaschine von 1805 (Lochkarte) oder Konrad Zuses ersten Computer von 1941 (Relais). Spätestens seit der Erfindung des Transistors (1947) und dessen Integration in Microchips war sie nicht mehr aufzuhalten. Was ist also neu?

Die Antwort heißt: Eigentlich nix. Was wir allerdings berücksichtigen müssen ist, dass sich die digitalen Möglichkeiten mit dem Moore’schen Gesetz in einer exponentiellen Funktion entwickeln. Mittlerweile ist die Wachstumsfunktion über die menschliche Vorstellungskraft hinausgewachsen und erzeugt so das Gefühl der Revolution und auch der Angst, wie ab und zu beim Thema KI zu beobachten ist.

Plug & Produce ist das Stichwort

Als Ingenieure sind wir von technischen Möglichkeiten an sich fasziniert, müssen uns aber immer auch der wesentlichen Frage nach dem Kundennutzen stellen. Ein wesentlicher Trend macht dies deutlich: Der Wunsch der Konsumenten nach immer individualisierteren Produkten führt zu sinkenden Losgrößen in der Fertigung, bis hin zur Losgröße 1. Qualität und Kosten sollen dabei freilich konstant bleiben.

Möglich ist dies nur mit Anlagen, die sich selbst und ohne klassisches Umrüsten auf das zu produzierende Objekt einstellen. „Plug&Produce“ ist das Stichwort, für das in der nationalen Plattform Industrie 4.0 die Referenzarchitektur RAMI 4.0 geschaffen wurde. „RAMI 4.0?“ – das scheint gerade kleinen und mittleren Maschinenbauern zu abstrakt und wenig handhabbar. Lenze hat das Konzept schon einmal „übersetzt“ und durchgängig implementiert. Basis sind offene Standards wie OPC UA, angereichert um die Maschinen-Skills aus PackML.

Kompetemz muss erst aufgebaut werdem

Wir reden von Konzepten, die ganz klar neue Kompetenzen benötigen, zumindest für den Maschinenbau. Modulare oder noch besser komponentenbasierte Softwarearchitekturen, Objektorientierung, modellbasiertes oder Test-Driven-Design sind Begriffe, die uns noch schwer von der Zunge gehen. Da kommt schnell die Aussage „Ihr habt gut reden, wo sollen wir denn diese Kompetenz herzaubern?“

Tatsächlich ist es nicht einfach und benötigt viel Zeit. Vor fast 15 Jahren habe ich mich gefragt, wie Lenze auf den merkwürdigen Einfall kam, sich seinen Technikchef bei Hewlett Packard zu suchen. Heute bewundere ich die Weitsicht des damaligen Managements. Sie brachte uns Zeit, das Know-how in der notwendigen Breite und Tiefe aufzubauen. Heute beschäftigen wir fast 500 Software- und IT-Spezialisten.

Vom „Not-invented-here“-Syndrom lösen!

Es wird aber für uns alle immer schwieriger, ausreichend Fachkräfte zu gewinnen. Der erhöhte Bedarf an Software-Kompetenz kann also nicht mit schierer Menge gedeckt werden. Was wir brauchen ist eine signifikant bessere Produktivität. Und der größte Hebel heißt schlicht und einfach: Wiederverwendung.

Wir müssen uns vor allem vom „Not-invented-here“-Syndrom lösen und offene Standards sowie vorgefertigte Software, wie Lenzes FAST-Bibliothek, nutzen. Und wir müssen schnell und agil lernen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass das erste richtig große Softwareprojekt fast sicher gegen die Wand fährt. Und glauben Sie mir, ich weiß wovon ich spreche…

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