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Edge oder Cloud, was empfehlen die Experten? Wir haben nachgefragt!

Bild: iStock, NeoLeo

Umfrage: zentrale vs. dezentrale Datenverarbeitung Jetzt doch wieder Edge first?

09.03.2022

Gefühlt findet wieder eine Kehrwende statt: Jahrelang sollte am besten alles ab in die Cloud für Data Analytics & Co. transferiert werden. Jetzt findet doch wieder zunehmend die Verlagerung komplexer Workloads wie Machine und Deep Learning oder Machine Vision direkt in die Edge statt. Echtzeitanforderungen, KI, die Entlastung des Netzwerks und auch die Datensicherheit/-souveränität machen es notwendig. Damit steigen natürlich wieder die Anforderungen an Edge-Geräte. Worauf müssen Anwender achten? Wir haben Experten nach ihrer Meinung gefragt.

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Das sagen die Experten:

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  • Thomas Maag, Leiter Produktmanagement, Business Unit Automation & Electrification Solutions, Bosch Rexroth: Bei Edge Devices sind Flexibilität und Modularität der eingesetzten Software entscheidend, da die moderne Fabrikanpassungs- und wandlungsfähig sein muss. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Datensicherheit. Die Edge ist bekannt für ihren Vorteil der Datensouveränität beziehungsweise -hoheit, da sensible Kunden- und Fertigungsdaten das Unternehmen nicht in entfernte Clouds verlassen müssen. Das bedeutet aber nicht, dass automatisch Datensicherheit gegeben ist. Essenziell ist daher eine Benutzerverwaltung und Rechtevergabe über alle Ebenen. Zwecks Zusammenarbeit mit Drittsystemen und der Service-Fähigkeit der Edge-Geräte sollten Anwender auf Konnektivität und APIs achten. Eine zentrale Verwaltung gewährleistet somit den wirtschaftlichen Betrieb.

    Bild: Bosch Rexroth

  • Plamen Kiradjiev, Director of Solution Architects, German Edge Cloud: Die Lösung der spezifischen Digitalisierungs-Anforderung vor Ort sollte im Vordergrund stehen. In Fertigungs-Umgebungen heißt das: Die Cloud von der Edge her denken und eine Factory Edge Appliance als hybride Plattform einsetzen, die ganz auf die spezifischen Fertigungs-Anforderungen abgestimmt ist, mit normierten Datenmodellen, microservices-basierten Schnittstellen und passenden Werkzeugen. Das sichert schnellen Fortschritt, auch indem Bedenken hinsichtlich Datensouveränität ausgeräumt werden. Zudem sinken die Cloud-Kosten durch weniger Massendaten-Verkehr. Edge DCs müssen ihr Innenleben auch physisch in rauesten Industrieumgebungen schützen – vor Zugriff und Belastungen wie Staub, Rauch, Feuer, Wasser oder Temperaturschwankungen.

    Bild: German Edge Cloud

  • Dr. Andreas Graf Gatterburg, Principal Technology Consultant, Hilscher: Den Trend hin zu rechenstarken Edge-Installationen haben wir früh erkannt. Allerdings gibt es auch heute noch Anwendungsfälle, die vor allem eine Ausleitung von Daten in IT-Systeme benötigen. Für den Anwender bedeutet das, dass seine Edge-Strategie flexibel sein sollte. Die feste Bündelung von Hard- und Software zu einem Edge-Paket hat sich aus unserer Sicht nicht bewährt. Gefragt sind stattdessen skalierbare Plattformen, besonders mit offenen, standardisierten Schnittstellen, die ein Vendor Lock-in verhindern. Gute Lösungen erlauben ein flexibles Management der verwendeten Softwarekomponenten sowie Edge-Clustering. Dadurch kann der Anwender mit nur einer Edge-Architektur verschiedene, aber auch zukünftige Anwendungsfälle abdecken.

    Bild: Hischer

  • Ralf Bucksch, Technical Executive AI Applications Europe, IBM: Edge Computing und Cloud Computing sind ohne Zweifel eng miteinander verbunden. IBM hat schon zu Beginn des Cloud-Hypes auf einen balancierten Ansatz gesetzt und das Lösungsangebot mit Hybrid- und Multi-Cloud-Lösungen und Produkten wie dem IBM Edge Application Manager konsequent darauf ausgerichtet, echtzeitkritische Daten lokal, also in der Edge verarbeiten zu können. Anwender sollten einen hybriden Ansatz aus Multi-Cloud und lokalen Edge-Clouds verfolgen, die auf offenen, aber sicheren Architekturen basieren und die dynamische Verlagerung von Daten und Anwendungen im erforderlichen Dreiklang aus Datensicherheit, Datensouveränität und Datenhoheit unterstützen. Das Zusammenspiel sollte möglichst nahtlos sein, um den Integrationsaufwand gering zu halten. Um einen Anbieter-Lock-in zu vermeiden, sollten Edge-Computing-Lösungen auf Open Source basieren.

    Bild: IBM

  • Peter Müller, Vice President Product Center Modules, Kontron: Edge Computer sollten auf skalierbaren, standardisierten Formfaktoren wie zum Beispiel COM Express, SMARC, OSM oder 2.5/3.5“/mITX basieren, damit sie bezüglich Performance, Energieverbrauch und Konnektivität langfristig angepasst werden können. Neben der flexiblen Anzahl der Cores sind zur CPU-Entlastung für KI-gestützte Inferencing-Aufgaben mit hohen Workloads und geringer Latenzzeit zunehmend Grafik-Prozessoren (GPUs) und KI-Beschleuniger-Chips zum Beispiel von Hailo oder Google von Bedeutung. Für deterministische Netzwerke bieten viele Chips bereits integrierte Time Sensitive Networking (TSN)-Funktionalität an; Optionen für den zukünftigen Mobilfunkstandard 5G sollten im System möglich sein. Der neue Standard COM-HPC ist ideal für High-End Edge Clients und Server.

    Bild: Kontron

  • Patrick Schidler, Sales Director Azure Cloud-Plattform im Mittelstand, Microsoft: Wir nehmen keine Kehrtwende wahr, sondern eine Zunahme neuer Anwendungsfälle bei der Digitalisierung von Wertschöpfungsketten: Bestimmte Anwendungen, die sich aus technischen oder organisatorischen Gründen nicht in die Public Cloud migrieren lassen, bleiben auf den Servern der Unternehmen und werden durch Edge-Anwendungen um Cloud-Funktionen erweitert. Dafür sind auch nicht zwangsläufig neue Geräte nötig, denn auch vorhandene Hardware kann eingesetzt werden, um die Public Cloud um Edge-Komponenten zu erweitern. Unser Kunde Uniper schützt so beispielsweise ortsunabhängig seine Unternehmensdaten - auch ohne neue Edge Geräte und über multiple Clouds hinweg.

    Bei der Neuanschaffung von Hardware sind die Entscheidungen dann ziemlich einfach: Der Anwendungsfall entscheidet, was zum Einsatz kommt. Von Hochleistungsservern mit GPUs für aufwändige KI-Modelle über mobile Akku-betriebene Geräte und Drohnen in verstärkten Gehäusen bis zu integrierten Mikroprozessorsystem: Die Anforderungen müssen bekannt sein. Unser Kunde Volkswagen Financial Services nutzt beispielsweise generische Hardware für die Beschleunigung von Entwicklungsprozessen und die Lufthansa lässt KI-Modelle auf Kameras laufen, um Flugverspätungen zu verhindern. Bei manchen Geräten lassen sich später noch leicht Erweiterungen vornehmen, doch bei hochgradig integrierter Hardware kann beispielsweise die Erweiterung um 5G-Module oder drahtgebundene Netzwerkkomponenten schwieriger sein.

    Die entscheidendsten Faktoren sind dabei Integration und Sicherheit: Nur wenn sich die Edge-Geräte nahtlos in die Cloud-Management- und Entwicklungs-Prozesse sowie die die bestehende Infrastruktur integrieren lassen, können damit die Sicherheit erhöht und der Verwaltungsaufwand reduziert werden. Bei der Geräteauswahl ist also wichtig, dass der gewünschte Cloud/Edge-Stack auch darauf läuft. Unser Kunde Bertrandt nutzt beispielsweise den Cloud/Edge-Stack von Microsoft für seine durchgängige Technologieplattform „HARRI“ für autonomes Fahren.

    Bild: Microsoft

  • Dr. Jörg Nagel, Managing Director, Neoception: Waren IIoT-Anwendungen vor einigen Jahren noch stark von Experimenten und Machbarkeitsanalysen geprägt, finden die Technologien zunehmend Einzug in produktive Umgebungen. Mit zunehmender Verbreitung steigen die Anforderungen in die Sicherheit der Datenübertragung. Edge-Gateways stellen dabei die Basis für das Vertrauen in die erzeugten Daten dar. Sollen beispielsweise Daten für spätere Audits vertrauenswürdig in Blockchains übertragen werden, muss der Ursprung der Daten nachgewiesen werden können. Dies wird durch starke Security-Mechanismen in der Gateway-Hardware ermöglicht. Beispiel für eine Anwendung könnte ein Audit Log in Safety-Anwendungen sein, um im Versicherungsfall nachvollziehen zu können, was zum Schadensereignis führte.

    Bild: Neoception

  • Vincent Barro, Vice President Secure Power DACH, Schneider Electric: Service ist ein oft unterschätzter Aspekt beim Thema Edge. IT und Shopfloor werden in den nächsten Jahren zunehmend miteinander verschmelzen. Dadurch werden fertigungsnahe IT-Systeme zu einem entscheidenden Faktor innerhalb der Produktion. Edge-Datacenter sollten Fertigungsanlagen deshalb beim Thema Service in nichts nachstehen. Sinnvoll sind beispielsweise Wartungsmodelle, die IT-Monitoring, Asset Management und Vor-Ort-Service miteinander verbinden. Bei unserem Monitoring & Dispatch Service ist die Dienstleistungstiefe vom Anlagenbetreiber je nach Standort sogar frei wählbar und reicht von der Überwachung über telefonische Alarmierung bis hin zu komplettem Vor-Ort-Service durch geschultes Fachpersonal von Schneider Electric.

    Bild: Schneider Electric

  • Martin Flöer, Strategic Program Manager, Weidmüller: Auch wenn einzelne Funktionalitäten statt in der Cloud direkt in der Edge ablaufen, bedeutet das ja nicht, dass die Edge-Geräte für sich allein stehen. Um ihr volles Potential zu entfalten, sind sie trotzdem auf Informationen aus der Cloud angewiesen, die Verbindung zum Internet und die Kommunikation mit der Cloud sind zwingend. Die Anwender müssen daher ein Stück weit umdenken, „never change a running system“ funktioniert an der Stelle nicht mehr. Es braucht ein kontinuierliches Management für Cyber Security, beispielsweise mit Security-Updates und Firewalls. Automatisierungslösungen mit einfachem und sicherem Zugang zum Industrial IoT werden immer wichtiger, dafür arbeiten wir an neuen Lösungen.

    Bild: Weidmüller

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