Krisensituationen erfordern oft drastische Veränderungen. Japan kann durch seine Erfahrung beim Reaktorunfall von Fukushima zeigen, wie Deutschland sich durch richtiges und schnelles Handeln aus der Krise retten kann.

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Interview zur Energiekrise „Japan kann ein Vorbild sein“

24.03.2022

Der Krieg in der Ukraine hat enorme Auswirkungen auf die deutsche Energiepolitik und -wirtschaft. Im Interview erklären die Ökonomin Prof. Svetlana Ikonnikova und die Politologin Prof. Miranda Schreurs, an wem sich Deutschland in der Krise orientieren kann, wie der Einsatz von Flüssigerdgas und Wasserstoff zusammenhängen und welche Rolle eine geplante Pipeline zwischen Russland und China spielt.

Der politische Druck steigt, den Import von Gas, Öl und Kohle aus Russland zu stoppen. Es scheint nahezu unmöglich, dass Deutschland dies kurzfristig verkraften könnte. Gibt es Vorbilder, die einen plötzlichen Ausfall großer Teile der Energieversorgung bewältigt haben?

Miranda Schreurs: Nach dem Reaktorunfall von Fukushima hat Japan 2011 aus Sicherheitsgründen zunächst sämtliche Atomkraftwerke heruntergefahren, die rund 30 Prozent der Stromversorgung des Landes ausmachten. Japan kann ein Vorbild sein, weil es in dieser Situation unglaublich gut geschafft hat, Energie zu sparen. Es gab nicht nur einen Appell an die Privathaushalte, sondern auch Anordnungen und kreative Lösungen für Unternehmen und die öffentliche Infrastruktur: Firmen haben ihre Produktion in Tageszeiten mit geringem Stromverbrauch verlegt, Angestellte bekamen Anreize, Vorschläge für Effizienzsteigerungen zu machen, die Geschwindigkeit des Zugverkehrs wurde leicht gedrosselt.

Alle haben angenommen, dass die 15 bis 20 Prozent des Stromverbrauchs, die so eingespart wurden, nur ein kurzfristiger Effekt sein würden, bis sich die Lage beruhigt hat. Aber Japan hat auch in den Folgejahren weiterhin rund 10 Prozent weniger verbraucht. Manche Maßnahmen wäre in Deutschland schwer umsetzbar, aber wir haben ja eigene Möglichkeiten, wie etwa ein Tempolimit auf Autobahnen. Genauso wichtig ist natürlich der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien.

Um zumindest einen Teil russischen Erdgases ersetzen zu können, will Deutschland LNG, also verflüssigtes Erdgas, importieren. Andere Länder setzen allerdings schon länger auf LNG. Kann Deutschland überhaupt größere Mengen beschaffen?

Svetlana Ikonnikova: Produktionskapazitäten sind weltweit in ausreichender Menge vorhanden, in den USA, in Australien, in mehreren afrikanischen Ländern, in Katar. Der größere Flaschenhals sind die Logistik und die Frage, ob es genügend Anlagen für die Verflüssigung und die Rückumwandlung gibt. Sprich, in welchem Zeitrahmen können wir dieses Gas in unsere Netze einspeisen, wenn wir es gekauft haben?

Für die EU zeigt ein Modell, das wir am Center for Energy Markets der TUM errechnet haben, dass das russische Erdgas binnen sieben bis zehn Jahren ersetzt werden könnte, abhängig von der Dynamik des globalen Marktes – wobei Länder wie Frankreich und Spanien bereits deutlich weniger abhängig sind als Deutschland.

Die Bundesregierung hat angekündigt, Milliarden für LNG auszugeben. Investiert Deutschland damit in einen Energieträger, der eigentlich nur als Brückentechnologie für relativ wenige Jahre gedacht war?

Ikonnikova: Diese Frage wird sich am sogenannten blauen Wasserstoff, der mit der Spaltung von Erdgas gewonnen wird, entscheiden. Unser Modell prognostiziert, dass blauer Wasserstoff bis 2050 eine wichtige Rolle in der Industrieproduktion und als Energiespeicher spielen wird. Zum einen, weil er längere Zeit günstiger sein wird als grüner Wasserstoff, der mit Elektrolyse aus Wasser erzeugt wird, betrieben von erneuerbaren Energien.

Zum anderen, weil für den grünen Wasserstoff die Infrastruktur und Logistik größtenteils erst noch aufgebaut werden muss. Auch hier wird Deutschland nicht um Importe herumkommen, wenn es Wasserstoff in großem Maßstab einsetzen will. Aber die Voraussetzungen sind gegeben, unter anderem weil Wasserstoff beispielsweise in Form von Ammoniak gespeichert werden kann, bei dem wir Erfahrung beim Transport haben.

Der Einsatz von Wasserstoff galt bislang als wenig rentabel.

Ikonnikova: Die Wirtschaftlichkeit einer Wasserstoffproduktion hängt davon ab, wo und wie der Wasserstoff genutzt wird und wie hoch der Preis für erneuerbare Energien ist, wenn wir von grünem Wasserstoff sprechen. Zum Beispiel wird ein Unternehmen, das eine Stahlproduktion mit Windkraft plant, den Wert von Wasserstoff als Energiespeicher berechnen wie auch dessen ökonomische Vorteile als Carbon-arme Quelle für die Erzeugung von Elektrizität oder Wärme.

Bislang wurden diese Vorteile zumeist nicht als groß genug gesehen, um umzusteigen. Aber nach den jetzigen Erfahrungen ist es wahrscheinlich, dass Unternehmen eher bereit sind, in teurere, aber saubere Lösungen mit geringen geopolitischen Risiken zu investieren.

Schreurs: Nicht nur auf den Preis zu schauen, ist eine Lehre, die die Energiepolitik ziehen muss. Wasserstoff könnten wir theoretisch auch ausschließlich aus demokratischen Staaten beziehen, wenn wir bereit sind, höhere Kosten zu tragen. Aber es ist schon viel gewonnen, wenn wir uns nicht mehr dermaßen abhängig von einem einzelnen Staat machen, sondern jederzeit den Spielraum haben, auf einen Anbieter zu verzichten. Das ist möglich, wenn wir nicht mehr als 15 Prozent unserer Energie aus einem Land importieren.

Höhere Kosten kommen auch auf die Verbraucherinnen und Verbraucher zu, die Akzeptanz für die Energiewende könnte sinken. Wie kann die Politik zwischen Zwängen und Druck agieren?

Schreurs: Für viele Menschen war die Energiewende eine Frage des Klimawandels. Jetzt sehen wir, dass sie auch eine Frage von Freiheit und Demokratie ist. Wollen wir tatsächlich unser Geld in die Hände von Autokraten legen, die bereit sind, ein Atomkraftwerk zu bombardieren? Diesen Preis für Energie muss die Politik jetzt benennen, die Kommunikation über die Zusammenhänge stärker prägen. Darüber hinaus muss sie Armut aufgrund höherer Energiekosten verhindern. Schwieriger als bei den Strompreisen wird dies bei den Heizkosten. Möglich wäre, dass die Gebäudesanierung in Vierteln mit einkommensschwächerer Bevölkerung gezielter vorangetrieben wird.

Könnten diese Schritte das kurzfristige Ziel gegenüber Russland erreichen? Sprich, würde Russland ein Importstopp überhaupt treffen oder würden andere Handelspartner einspringen?

Ikonnikova: Vor rund zwei Jahren hat Russland den Bau einer weiteren Gaspipeline nach China beschlossen, die „Power of Siberia 2“. Die Besonderheit der Verbindung ist, dass sie das Yamal-Gasfeld mit China verbindet, aus dem Europa versorgt wird. Nach 2030 laufen viele Verträge europäischer Staaten mit Russland aus, weshalb Russland plante, seine Märkte breiter aufzustellen, um eine bessere Verhandlungsposition zu haben.

Wenn jetzt der europäische Markt wegfällt, kann Russland mehr in asiatische Länder liefern, sobald die Pipeline einsatzbereit ist, was ab 2025 geplant ist. Betrachtet man die derzeitige ökonomische Entwicklung, gäbe es in Asien auch genug Bedarf, um das gesamte russische Gasangebot abzunehmen. Aber die große Frage ist, wie viel China und andere Länder überhaupt kaufen werden. Besonders China hat nämlich im Gegensatz zu vielen europäischen Staaten sehr genau darauf geachtet, sein Energie-Portfolio zu diversifizieren und kauft auch in den USA, Australien und Afrika, um eine Abhängigkeit von einem Exporteur zu vermeiden.

Wie kann die EU strategisch auf diese Entwicklungen reagieren?

Schreurs: In der Europäischen Union haben wir zwar gemeinsame Klimaziele, aber nur eine begrenzte Zusammenarbeit in der Energiepolitik. Die Staaten sollten sich dringend koordinieren, um eine EU-weite Infrastruktur zu entwickeln. Das umfasst Stromnetze und LNG-Terminals – aber beginnt an ganz praktischen Stellen: Wenn ich im Nachbarland mein Elektroauto nicht laden kann, wird die Verkehrswende nicht gelingen.

Bildergalerie

  • Prof. Svetlana Ikonnikova, PhD, Inhaberin der Professur für Ressourcenökonomie an der Technischen Universität München (TUM)

    Bild: Andreas Heddergott / TUM

  • Prof. Dr. Miranda Schreurs, Inhaberin des Lehrstuhls für Umwelt- und Klimapolitik an der Technischen Universität München (TUM) und der Hochschule für Politik München (HfP) an der TUM

    Bild: Astrid Eckert / TUM

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