Die Automobilbranche gilt oft als Gradmesser für den Zustand des Industrielands Deutschland. Tatsächlich ist jedoch der Maschinen- und Anlagenbau für die industrielle Substanz des Standorts noch wichtiger, da er breiter aufgestellt, stärker mittelständisch geprägt und weniger abhängig von einzelnen Märkten ist. Dies geht aus dem Wirtschaftsreport 2026 der Management-Community United Interim hervor. In dem Report wird unter anderem der Frage nachgegangen, welche Branchen für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands von ausschlaggebender Bedeutung sind und welche Maßnahmen notwendig sind, um diese „auf Spur zu halten“. Hierzu wurde eine Umfrage unter 550 Interim-Managern durchgeführt. Als Führungskräfte auf Zeit bewältigen sie mehr berufliche Herausforderungen in mehr Unternehmen als festangestellte Manager und gelten daher als besonders erfahren.
Schlüssel für den Wirtschaftsstandort Deutschland
Demnach sind sich 88 Prozent der befragten Interim-Manager einig, dass dem Maschinen- und Anlagenbau die höchste Bedeutung für die Industrienation Deutschland zukommt. Erst an zweiter Stelle steht die Zulieferindustrie mit 78 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich) und an fünfter Stelle die Automobilbranche insgesamt mit 68 Prozent. „Letztlich verdeutlichen die Zahlen die umfassende industrielle Substanz Deutschlands, die auf dem Spiel steht“, sagt Jan Beutnagel.
Die Positionen drei und vier teilen sich die chemische Industrie und die Elektrotechnik-/Elektronikfertigung mit jeweils 76 Prozent. Das produzierende Gewerbe insgesamt stufen zwei Drittel der Befragten als entscheidend für den wirtschaftlichen Wohlstand Deutschlands ein. „Wenn einer dieser Wirtschaftszweige schwächelt, wird es eng“, sagt Studienleiter Dr. Harald Schönfeld und stellt fest: „Derzeit leiden leider alle diese Branchen unter strukturellen Schwächen und damit eben auch der Industriestandort Deutschland.“
Laut Umfrage liegen auf den weiteren Rängen der Bedeutungsskala für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands: Energiewirtschaft (63 Prozent), Informationstechnologie, Telekommunikation und Software (60 Prozent), Umwelttechnik (59 Prozent), Logistik, Transportwesen und Supply-Chain-Management (56 Prozent), Gesundheitswesen (54 Prozent) sowie Luft- und Raumfahrttechnik (41 Prozent). Dem Finanzsektor ordnen zwar nur 20 Prozent der Interim-Manager eine herausragende Rolle zu, aber 63 Prozent erkennen seine über die eigene Branche hinausgehende Wichtigkeit für die Gesamtwirtschaft an. „In einigen dieser Branchen, wie IT/TK/Software oder Raumfahrt, stecken erhebliche Wachstumspotenziale“, sagt Jane Enny van Lambalgen und empfiehlt Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau sowie dem Automotive-Sektor, eine Expansion in Wachstumsmärkte wie Space oder Robotik ernsthaft zu erwägen.
Infrastruktur für Wirtschaft und Gesellschaft
Eine Sonderrolle nimmt der Bau- und Immobiliensektor ein: 87 Prozent schreiben ihm eine hohe oder sogar sehr hohe Bedeutung über die bloße ökonomische Wirkung in der eigenen Branche hinaus zu. Klaus-Peter Stöppler erläutert: „Die bauliche Infrastruktur bildet die Grundlage für das Funktionieren beinahe aller Wirtschaftszweige. Zudem prägen Immobilien maßgeblich unseren sozialen Lebensraum und gefährden bei Fehlentwicklungen – Stichwort Wohnungsnot – den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“ Sein Kollege Roland Streibich ordnet ein: „Die immer neuen, sich überlappenden Krisen führen auch in der Bau- und Immobilienbranche zu einem erhöhten Restrukturierungsbedarf und zunehmendem Pessimismus.“
Als „Branche“ ganz besonderer Art sehen die Führungskräfte auf Zeit zudem den Bildungsbereich. Ein funktionierendes Aus- und Weiterbildungswesen ist eine wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands – darin sind sich 83 Prozent der Interim-Manager einig. „Die Welt hat sich in den letzten 50 Jahren dramatisch verändert, aber das Schulsystem ist praktisch unverändert geblieben“, sagt Ulvi Aydin und fügt hinzu: „Umso wichtiger ist es, dass die berufliche Weiterbildung up to date ist. Die Unternehmen aller Branchen sollten daher intensiv in die Qualifizierung ihrer Belegschaften investieren, um von neuen Entwicklungen, wie etwa Künstlicher Intelligenz, profitieren zu können.“
Auswirkungen von KI auf Schlüsselbranchen
Welche Wirtschaftszweige werden durch Künstliche Intelligenz (KI) in absehbarer Zeit am stärksten verändert? Das Bildungswesen und die IT-/TK-/Software-Branche, meinen über drei Viertel (77 Prozent) der Befragten. Finanzdienstleistungen nennen 70 Prozent der Führungskräfte auf Zeit.
Künstliche Intelligenz wird laut 62 Prozent auch das Rückgrat der deutschen Industrie, den Maschinen- und Anlagenbau, auf den Kopf stellen. 60 Prozent sehen massive Veränderungen durch KI in der Zulieferindustrie und 58 Prozent in der Automobilindustrie voraus. Im produzierenden Gewerbe insgesamt erwarten 57 Prozent signifikante Umwälzungen durch das verstärkte Eindringen von KI in die Fertigung. „Immer mehr Unternehmen des Mittelstands nutzen KI-Lösungen. Doch die Wucht der KI-Welle wird in vielen Führungsetagen massiv unterschätzt. Das wird für viele Unternehmen harte Konsequenzen haben“, meint Eckhart Hilgenstock.
Der prognostizierte Veränderungsgrad durch KI verteilt sich in weiteren Branchen laut Umfrage wie folgt: Logistik, Transportwesen und Supply-Chain-Management (68 Prozent), Elektrotechnik/Elektronik (68 Prozent), Gesundheitswesen (64 Prozent), Luft- und Raumfahrt (58 Prozent), Chemie/Pharma (53 Prozent), Ernährungsindustrie (50 Prozent), Umwelttechnik (49 Prozent), Energiewirtschaft (47 Prozent) und Bau- und Immobilienbranche (27 Prozent). „In praktisch allen Branchen lassen sich erhebliche Effizienzsteigerungen durch den KI-Einsatz bei Vertrieb und Marketing feststellen“, weiß Christian Florschütz aus zahlreichen Einsätzen. Das sehen 59 Prozent der Befragten genauso.
Fortschritt ist wichtiger als KI
Wie aus dem United Interim Wirtschaftsreport hervorgeht, steht der Einsatz von KI indes nicht an erster Stelle, wenn es darum geht, die Produktivität in Industrieunternehmen zu erhöhen. „Die größten Produktivitätssprünge stecken in der Prozessoptimierung“, sagt Ulrich Schmidt, dem 81 Prozent der befragten Praxisprofis zustimmen. Ulf Camehn ergänzt: „Prozessoptimierung ist die Basis und KI-Inventur die Methode, um aus KI keinen Aktionismus, sondern Wirkung zu machen.“ Dabei geht es darum, betriebliche Abläufe entweder grundlegend neu zu gestalten (Re-Design) oder bestehende Prozesse zumindest systematisch zu verschlanken (Lean), um Effizienz, Qualität und Geschwindigkeit bei sinkenden Kosten zu steigern. „Vereinfacht gesagt wird alles eliminiert, was überflüssig ist, nicht zur Wertschöpfung beiträgt und den Kundennutzen oder die Wettbewerbsfähigkeit nicht erhöht”, sagt Dr. Andreas Vieweg.
An zweiter Stelle nach der Optimierung der Abläufe steht laut Report die Qualifizierung der Belegschaft mit 74 Prozent Zustimmung. „Eine KI-Einführung ohne entsprechende Weiterbildung der Beschäftigten zum Umgang damit kann die Produktivität sogar nach unten treiben, weil die Betroffenen verunsichert sind“, gibt Paul Stricker ein Beispiel für die Zusammenhänge. An dritter Stelle folgt die übergreifende Automatisierung mit 70 Prozent Zustimmung.
Die Führungskräfte auf Zeit stufen im Speziellen folgende Hebel als besonders relevant für Produktivitätssteigerungen ein (Überlappungen gewollt): Smart Production (Industrie 4.0 bzw. 5.0; 66 Prozent), Produktionsoptimierung (65 Prozent), Künstliche Intelligenz (64 Prozent), Robotics (62 Prozent), Einsatz moderner Software (ERP, CRM etc.; 55 Prozent), Optimierung des Produktportfolios (53 Prozent) und Lieferkettenoptimierung (49 Prozent). Das Konzept der sogenannten „Dark Factories“, also einer vollautomatisierten Fertigung ohne menschliche Arbeitskraft, halten 43 Prozent der Befragten für realistisch und produktivitätsfördernd. 35 Prozent empfehlen einen Autonomous Production Twin (APT), also ein KI-gestütztes, digitales Abbild der Produktion, das Prozesse in Echtzeit überwacht, optimiert und weitgehend autonom steuert.
Maschinenbau im Umbruch: Automatisierung als Chance
Christian Jung erklärt: „Der Maschinen- und Anlagenbau ist in vielen Bereichen immer noch Technologieführer. Doch geopolitische Verschiebungen, verschärfter internationaler Wettbewerb und ein tiefgreifender Umbruch zwingen die Branche, sich neu zu erfinden. Wer zögert, verliert. Automatisierung, Robotics und KI eröffnen dabei neue Möglichkeiten. Wer die richtigen Maßnahmen daraus ableitet und seine tragfähige Strategie konsequent umsetzt, wird die Märkte von morgen gestalten.“ Friedhelm Best hat Folgendes festgestellt: „Westliche Unternehmen mit einer Produktionsstätte in Asien erhalten oft von dort viele brauchbare Anregungen zum Technologieeinsatz für die heimische Fertigung.“
Dr. Harald Schönfeld fügt im Hinblick auf das Interim-Management hinzu: „Betriebsblindheit ist die größte Hürde, um Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Die externe Perspektive, wie sie Interim-Manager mitbringen, gepaart mit Branchen-Know-how und bereits gesammelten Erfahrungen bei der Einführung dieser neuen Technologien, ist für jedes Unternehmen ein Gewinn.“ Dr. Sven Mues ergänzt: „In vielen Industrien geht die Modernisierung mit der Entscheidung für eine Werksverlagerung, etwa nach Osteuropa, einher.“