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CEO im Porträt Zurücklehnen ist keine Option

04.09.2017

Seit 2011 ist Andreas Wilhelm Kraut Vorstand und CEO des Balinger Unternehmens Bizerba. Dass er diesen Posten als Teil der Gründerfamilie einmal bekleiden würde, war nicht von vornherein klar. Denn ein Geburtsrecht gab es nie, stattdessen zählten Leistung und Leidenschaft.

Als Andreas Wilhelm Kraut 2005 nach dem Studium und der ersten beruflichen Station in seine Heimstadt Balingen zurückkehrte, hielt es ihn nicht lange dort. Er wollte nicht gleich in die Führungsetage seines dort ansässigen Familienunternehmens Bizerba einsteigen. Vielmehr wollte er sich selbst noch einmal testen und sich vor den Mitarbeitern und Kollegen beweisen. Zu diesem Zeitpunkt bereitete der Geschäftsführer der US-Tochter von Bizerba seinen Ruhestand vor und Kraut nutzte die Gelegenheit zum Wechsel in die USA. Rund fünf Jahre lang kümmerte er sich dort um den Ausbau des Vertriebs. Inzwischen lebt der gebürtige Balinger wieder in seiner schwäbischen Heimat und leitet nun das gesamte Unternehmen als Vorstand und CEO.

Seine Besucher begrüßt Andreas Kraut persönlich an der Tür zu seinem Büro. Längere Termine zu bekommen, ist dabei kein leichtes Unterfangen, denn Krauts Arbeitstag ist eng getaktet. Wenn sich die Tür wieder öffnet, wartet meist schon der nächste Besucher im Vorraum. Doch von Zeitdruck oder gar Stress ist nichts zu spüren, wenn Kraut seine Gäste mit festem Händedruck und offenem Lächeln empfängt. Ein sportlicher Anzug unterstreicht sein junges, dynamisches Auftreten. Schon nach wenigen Minuten ist seine Begeisterung und Leidenschaft zu spüren, spätestens wenn es um Bizerba und die vielen Aufgaben geht, die ihn derzeit beschäftigen.

Kein Verwalter, sondern Unternehmer

Sich selbst beschreibt er als jemanden, der gerne die Ärmel hochkrempelt. Zum Beispiel lässt er es sich nicht nehmen, einzelne Kunden selbst zu betreuen oder sich die neuesten Ideen und Entwicklungen seiner Ingenieure vorführen zu lassen. Er selbst sei zwar weder Techniker noch Tüftler, aber Kraut will die nötige Kompetenz haben, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. „Das ist einfach mein Wesen. Ich kann nicht immer nur zuschauen“, erklärt er dann lächelnd. Kraut sieht sich – und dieser Punkt ist ihm durchaus wichtig – nicht als Verwalter, sondern vor allem als Unternehmer. Besonders reizt es ihn, immer neue Probleme anzugehen. Er schränkt aber gleich ein: „Ich spreche lieber von Herausforderung. Problem ist mir zu negativ.“

Der Weg an die Spitze von Bizerba war aber nicht so klar vorgezeichnet, wie es im Nachhinein erscheinen mag. Als Student hatte er durchaus auch andere Pläne. Als er BWL an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg studierte, reizte ihn mitunter das Investmentbanking. „Das fand ich spannend, und so habe ich – das war die Boomzeit Ende der 90er-Jahre – immer ein bisschen mit Aktien auf kleinem Niveau an der Börse spekuliert. Das waren keine großen Summen, aber das hat mir unheimlich Spaß gemacht“, meint Kraut und lächelt verschmitzt bei der Erinnerung. Ohnehin gab es vom Vater oder von der Familie aus keinen Zwang, bei Bizerba einzutreten, betont er. Dass er den Weg des Investmentbankers aber letztlich nicht weiter verfolgte, lag auch an dem Schicksalsschlag, den seine Familie einige Jahre zuvor aus heiterem Himmel getroffen hatte.

Am 1. Juli 1995 erlitt Günter Kraut, der Vater von Andreas Kraut und bis zu diesem Zeitpunkt Geschäftsführer von Bizerba, im Alter von nur 57 Jahren einen Herzinfarkt und starb an den Folgen. Die Gesellschafter aus dem weiteren Familienkreis wollten Bizerba daraufhin verkaufen und rieten der Witwe Frigga und ihren Kindern zu diesem Schritt. Weder Andreas Kraut noch seine beiden älteren Schwestern Nicole – die derzeitige Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg – und Angela hätten zu diesem Zeitpunkt einspringen können. Alle drei befanden sich noch mitten im Studium. Doch die Familie hielt zusammen und entschied sich gegen einen Verkauf. „Wir hätten damals schon gutes Geld bekommen können, aber das war nicht unsere Intention“, erinnert er sich an diese Zeit.

Tod des Vaters als Wendepunkt

Mit Hilfe des Beirates, den noch Günter Kraut eingerichtet hatte, suchten sie externe Investoren, um die übrigen Familienmitglieder auszahlen zu können. In der Folge übernahmen erstmals Manager die Leitung des Unternehmens, die nicht aus der Familie Kraut stammten. Allerdings war für die Geschwister klar, dass sie das Unternehmen künftig in irgendeiner Form unternehmerisch begleiten wollten. Für Krauts weiteren Berufsweg war der Tod des Vaters also eine wichtige Weichenstellung. „So ein Moment, wo dann der Vater weg ist …“, er macht eine kurze Pause und sucht nach den richtigen Worten, „… solange da immer noch jemand drüber steht, der indirekt die Verantwortung trägt für alles, ist es eine ganz andere Situation, wie wenn man sagt: Moment, was ab jetzt passiert, da geht es dann wirklich um das, was ich will und was ich tue.“ Ab diesem Zeitpunkt war ihm klar, dass er im Unternehmen eine aktive Rolle spielen wollte, auch wenn die genaue Aufgabe noch völlig offen war.

Nach dem Studium verfolgte Kraut konsequent seine weitere Karriere. Zunächst machte er Station in einem anderen Unternehmen: Im Jahr 2000 begann er ein Management-Trainee-Programm bei Heidelberger Druckmaschinen und orientierte sich in Richtung Vertrieb. 2003 übernahm er schließlich die Bereichsleitung. Spätestens dort wurde ihm klar, dass er mehr Führungsverantwortung wollte. 2005 schließlich entschied er sich, in Richtung des eigenen Familienunternehmens zu wechseln. Nach der erfolgreichen Zeit in den USA folgte schließlich der Schritt an die Spitze des Unternehmens.

„Jetzt wird es natürlich ein bisschen schwieriger, jetzt kommt nicht mehr viel drüber“, gibt er zu und lacht in seiner offenen Art. Die Ziele gehen ihm aber nicht aus. Mit Bizerba zu wachsen, ist nun sein großes Anliegen. Damit ist Kraut sehr erfolgreich. Seit er den Posten als CEO übernommen hat, wächst der Umsatz kontinuierlich und erhöhte sich von rund 430 Millionen Euro im Jahr 2010 auf etwa 650 Millionen Euro 2016. Er blickt aber bereits auf die nächste Marke. Denn das Ziel lautet, in den nächsten Jahren einen Umsatz von einer Milliarde Euro zu erreichen.

Wandel statt sich zurückzulehnen

Bei der Frage, wie er das vorantreiben möchte, ist der Bizerba-Vorstand ganz in seinem Element. Er spricht über organisches Wachstum, über die Zukäufe von Firmen und über die Umstellung von einem produktorientierten Geschäftsmodell hin zu einem Dienstleistungskonzept für die Kunden. Immer wieder fällt der Begriff Wandel. Zurücklehnen und sich mit bisherigen Erfolgen begnügen ist für Kraut keine Option. Stattdessen macht Kraut deutlich: „Bevor ihr den Wandel stoppen wollt, gewöhnt euch lieber an den Wandel.“ Es ist ihm allerdings wichtig, die eigenen Angestellten auf diese Reise mitzunehmen. Entsprechend sieht er seine primäre Aufgabe darin, eine Atmosphäre und Kultur zu schaffen, die es den Mitarbeitern ermöglicht, erfolgreich zu sein. Um ein Wir-Gefühl zu schaffen, schickt Kraut Videobotschaften an die Belegschaft und versucht, vor Ort kontinuierlich Präsenz zu zeigen – beispielsweise überreicht er Auszubildenden ihre Urkunden persönlich oder geht mit den Mitarbeitern zu Fußball- oder Handballspielen.

Gestalten als Chance

Abseits der vielen Aufgaben als Geschäftsführer bleibt wenig Zeit für andere Aktivitäten. Zumal Andreas Kraut seit Mai diesen Jahres zusätzlich noch im Aufsichtsrat des Autozulieferers Elringklinger sitzt. Für Andreas Kraut gibt es deshalb nur zwei Dinge: „Beruf und Familie. Alles andere stelle ich hinten an.“ Lediglich Joggen ist ein Ausgleich, den er sich zwischendurch erlaubt, um fit zu bleiben und den Kopf etwas frei zu bekommen. Natürlich werde er gefragt, warum er überhaupt bereit sei, eine solche Verantwortung zu tragen, und warum er sich nicht lieber ein schönes Leben machen wolle. Darauf antwortet Kraut: „Mir macht das Spaß. Ich begreife das als eine tolle Chance, so gestalterisch tätig zu sein. Das ist nicht jedem möglich.“

Diese Leidenschaft hat auch viel mit der Familientradition zu tun. Das ist für ihn aber keine Belastung, sondern ein wichtiger Antrieb: „Die wirkliche Energie und Motivation ist, das Geschäft voranzutreiben, es in die nächste Generation zu tragen und das, was die Generationen vor einem geleistet haben, auf eigene Weise weiterzuführen.“ Eine andere Herausforderung als Bizerba kommt für ihn daher – zumindest für den Moment – nicht in Frage. Allerdings hofft Kraut darauf, eines Tages den Staffelstab an die nächste Generation, vielleicht sogar an einen seiner drei Söhne, weitergeben zu können. Bis es soweit ist, gibt es für ihn aber nichts anderes. Überzeugt meint er: „Der Motor läuft und läuft und läuft.“

Bildergalerie

  • Der Bizerba-Vorstand Kraut betreut Kunden auch gerne mal selbst. Hier ist er im Einsatz auf der Iffa in Frankfurt am Main.

    Bild: Bizerba

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