Ein Pilotprojekt in Thüringen zeigt, wie sich der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen lässt, ohne dass unmittelbar neue Leitungen gebaut werden müssen. In Hopfgarten bei Weimar kommt ein Kompakt-Mittelspannungslängsregler (MSLR) zum Einsatz. Anstatt die Netze zu verstärken, steuert der MSLR die Spannung gezielt. Er korrigiert das Spannungsband und erhöht so die Aufnahmefähigkeit bestehender Leitungen. So kann das Pilotnetz der TEN ein Vielfaches an Photovoltaik-(PV)-Strom aufnehmen. Eine Rechnung in einem Beispielnetz hat ergeben, dass dadurch rund 260 Prozent mehr PV-Leistung integriert werden können. Den Anstoß für die Entwicklung des MSLR gab die Thüga Aktiengesellschaft München: Sie definierte die Anforderungen auf Basis von Erkenntnissen aus der Thüga-Gruppe.
Volle Netze bremsen die Solarwende
Der Zubau von Photovoltaik, vor allem auf Hausdächern im ländlichen Raum, überfordert vielerorts die Verteilnetze. Dadurch entsteht ein struktureller Engpass. Allein im Netzgebiet der TEN sind derzeit 17 Mittelspannungsbereiche „voll“. Das heißt, die Netze können keine weitere PV-Einspeisung aufnehmen. In der Thüga-Gruppe sehen sich alle Flächennetzbetreiber von der Ostsee bis zu den Alpen mit derselben Herausforderung konfrontiert. Hitachi Energy wird den Regler zukünftig in Serie in Europa fertigen, genauer gesagt im Transformatoren-Werk in Lodz, Polen. Somit ist die kurzfristige Bereitstellung großer Stückzahlen möglich. Allein durch die Pilotinstallationen in Hopfgarten können rund 2.750 Balkonkraftwerke mehr ans Netz gehen, ohne dass ein konventioneller Netzausbau nötig ist.
Technisch setzt der MSLR auf Pragmatismus. Das auf Thüga-Spezifikationen basierende und kompakt gebaute Gerät ist etwa so groß wie ein großer Ortsnetztransformator. Es kann ohne zusätzliche Bauarbeiten in bestehende Trafostationen integriert werden, was einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen anderen Netzmaßnahmen darstellt. Zugleich ist es robust und betrieblich unkritisch: In Vorserien-Tests erwies sich die Technik als unempfindlich, sogar gegenüber Fehlbedienung. Für Netztechniker unterscheidet sich die Handhabung kaum von der konventioneller Komponenten.
Was Netzbetreiber sparen und wer davon profitiert
Netzausbau ist teuer und dauert lange. Hier setzt der MSLR an: als schnell verfügbare Technologie, die vorhandene Infrastruktur effizienter nutzt und kurzfristig zusätzliche Kapazitäten schafft. „Berechnungen für Flächenversorger in der Thüga-Gruppe ergeben, dass der Einsatz von MSLR bis 2035 bei einzelnen Netzbetreibern Netzausbaukosten in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags sparen kann, wenn wir diese Regler dort einsetzen, wo es sinnvoll und möglich ist“, sagt Dr. Constantin H. Alsheimer, der Vorstandsvorsitzende der Thüga Aktiengesellschaft.
„Die Netzbetreiber in der Thüga-Gruppe planen in den kommenden Jahren Investitionen in Milliardenhöhe in ihre Stromnetze“, ergänzt Alsheimer. „Darum ist diese Technologie so wichtig für uns. Sie erlaubt es, noch zielgerichteter zu investieren und die Kosten niedriger zu halten. Das wirkt sich auch auf die Netzentgelte aus und nutzt allen Energiekunden.“
Wo der Regler an seine Grenzen stößt
Die Technik ist ein Ergänzungsinstrument im Gesamtsystem. Sie steht neben anderen Lösungen wie regelbaren Ortsnetztrafos, Speichern oder Redispatch und zielt vor allem auf Anwendungen ab, bei denen schnell zusätzliche Netzkapazität benötigt wird. Ihre strategische Bedeutung liegt somit weniger im Einzelgerät als im Zusammenspiel. Nur zusammen werden Netzausbau, Digitalisierung und flexible Netztechnik die steigenden Mengen erneuerbarer Energie integrieren können. „Der MSLR wird dafür ein wichtiges Element sein“, so Alsheimer. „Er belegt die Innovationskraft der Thüga-Gruppe eindrucksvoll – und zeigt, warum Verbünde wie unserer die Zukunft der Energiewende prägen werden.“