Moderne Fahrzeuge sind rollende Computer, in denen längst mehr als 100 Millionen Zeilen Programmcode stecken. Damit haben sich die Herausforderungen für die Hersteller massiv verschoben, denn neben dem Design entscheiden nicht mehr Motoren, Getriebe und Fahrwerke über den Erfolg eines neuen Modells, sondern die Funktionen und die Benutzerfreundlichkeit der Software. Statt klassischer Ingenieurskunst ist zunehmend Software-Expertise gefragt – und damit einhergehend ein kooperativer, Plattform-basierter Entwicklungsansatz. Einzelkämpfer, die versuchen, den gesamten Software-Stack selbst zu entwickeln, werden sich künftig noch schwerer tun als jetzt schon. Daniela Kirchhoff, Senior Manager Enterprise Sales Germany bei Red Hat, beantwortet die wichtigsten Fragen dazu:
Warum werden Autos überhaupt zu rollenden Computern?
Im Unterschied zu Verbrennern sind Elektrofahrzeuge mechanisch eher einfach gestrickt, sodass Motoren, Getriebe und Fahrwerke kaum noch als Differenzierungsmerkmal taugen. Den Unterschied zwischen den Modellen macht die Software – und die wird nicht nur aufgrund der zunehmenden Zahl von Assistenzsystemen bis hin zu autonomen Fahrfunktionen immer wichtiger. Die Käufer erwarten inzwischen ausgefeilte Infotainment-Systeme und digitale Services, und das natürlich komfortabel nutzbar, sicher umgesetzt und einfach „over the air“ zu aktualisieren. Wie Smartphones, Computer und IT-Systeme erhalten auch Autos heute regelmäßig Updates.
Warum stoßen klassische Ansätze aus der Fahrzeugentwicklung bei Software an Grenzen?
Durch die Vielzahl an Software-Komponenten ist das Gesamtsystem äußerst komplex geworden, wobei insbesondere Assistenz- und autonome Fahrfunktionen aufgrund ihrer hohen Sicherheitsanforderungen und den damit verbundenen Testumfängen den Entwicklungsaufwand massiv erhöhen. Ein Hersteller allein kann das nicht mehr stemmen – angesichts der enormen Mengen an Code fiele das selbst großen Tech-Konzernen schwer. Alles in Eigenregie zu übernehmen, würde lediglich zu hohen Kosten und langen Innovationszyklen führen, die in den meisten Fällen völlig überflüssig sind, weil viele grundlegende Probleme gelöst werden, die jeder Hersteller zu lösen hat. An kollaborativen Ansätzen führt daher kein Weg mehr vorbei, zumal die Fahrzeugsoftware nicht nur einmalig entwickelt, sondern auch gepflegt werden muss.
Warum ist die Entwicklungsgeschwindigkeit plötzlich so entscheidend?
Software entwickelt sich deutlich schneller weiter als die klassischen Fahrzeugplattformen – nicht nur weil Kunden regelmäßige Funktionsupdates erwarten, sondern auch weil Sicherheitslücken schnell geschlossen werden müssen und permanent neue Services hinzukommen. Gerade KI hat das Innovationstempo im Bereich digitaler Dienste noch einmal deutlich erhöht.
Welche Vorteile bieten sich durch Kooperationen bei der Software-Entwicklung?
Die Zusammenarbeit mit anderen Herstellern oder spezialisierten Entwicklungspartnern hilft, den Aufwand und damit die Kosten für das einzelne Unternehmen zu reduzieren. Die gebündelten Ressourcen erlauben eine deutlich schnellere Entwicklung und die Etablierung gemeinsamer Standards, etwa bei der Sicherheit oder bei den Schnittstellen.
Wo bleibt die Differenzierung, wenn Fahrzeug-Software gemeinsam entwickelt wird?
Die gemeinsame Entwicklung eignet sich vor allem für Basiskomponenten, die in jedem Fahrzeug gebraucht werden und die keine großen Alleinstellungsmöglichkeiten bieten. Darauf aufsetzend können Hersteller dann eigene Funktionen entwickeln und ihre individuellen Usability-Konzepte umsetzen, um Unterscheidungsmerkmale zu schaffen. Auch die Integration eigener Services in die Plattformen und Middlewares ermöglicht eine umfangreiche Differenzierung.
Welche Rolle spielt Open Source bei der Entwicklung?
Open Source erleichtert die gemeinsame Entwicklung von Fahrzeug-Software, da eine aktive Community hinter der Software steht. Diese steuert Ideen und Code bei, findet Fehler und Sicherheitslücken, sorgt für Fixes und Verbesserungen und steht bei Problemen unterstützend zur Seite. Darüber hinaus vereinfacht Open Source die Integration von bestehenden oder von Drittanbietern entwickelten Komponenten und verhindert Vendor Lock-ins. Spezialisierte Lösungen wie das Red-Hat-In-Vehicle-Operating-System, auf das unter anderem Nissan setzt, bieten eine robuste Basis für Software-Entwicklungen im Fahrzeug und erfüllen wichtige Standards der funktionalen Sicherheit, sodass sowohl sicherheitskritische als auch nicht-sicherheitskritische Anwendungen mit höchster Zuverlässigkeit und Leistung auf einer zentralen Plattform laufen können. Open-Source-basierte Entwicklungsplattformen wiederum bieten viele Automatisierungsfunktionen, um Routineprozesse bei der Software-Entwicklung zu beschleunigen und Entwicklungsteams zu entlasten.
Warum halten Hersteller teilweise trotzdem an proprietären Entwicklungsmodellen fest
Historisch gewachsene Strukturen lassen sich oft nicht so leicht aufbrechen. Man erkennt die Probleme und Herausforderungen, tut sich aber mit den Veränderungen schwer. Gerade wenn der eigene Fachbereich betroffen ist, sind die Widerstände häufig groß. Die Verantwortlichen und ihre Teams fürchten einen Kontrollverlust oder sorgen sich um das Markenprofil. Die Einführung von kooperativen, Plattform-basierten Entwicklungsansätzen erfordert daher ein umfangreiches Change Management und startet idealerweise mit kleinen, nicht-kritischen Projekten, um Vertrauen zu schaffen und einen kontinuierlichen Wissensaufbau zu ermöglichen.
Fazit: Die Zukunft der deutschen Automobilindustrie hängt an der Software, und die erfordert grundlegend andere Entwicklungsprozesse als bisher. Die Hersteller müssen ihre Strukturen anpassen und das Innovationstempo erhöhen. Andere Branchen haben bereits gezeigt, dass kollaborative Entwicklungsansätze sowie der Fokus auf Plattformen, Ökosysteme und Open-Source-Technologien dabei am erfolgversprechendsten sind. Teilweise haben die Hersteller das auch erkannt und öffnen sich für Partnerschaften, doch sie müssen die Entwicklung noch schneller vorantreiben, um im weltweiten Wettbewerb nicht weiter abgehängt zu werden.