Brandschutz beginnt beim Kabel

Die Rolle der Verbindungstechnik für sichere Gebäudeinfrastrukturen

Kabel als verdeckte Zündwege: Warum die Wahl des richtigen Materials im Brandfall über Leben und Tod entscheiden kann.

Bild: iStock, intek1
24.06.2026

Im Falle eines Brandes in einem Gebäude trifft die Feuerwehr in der Regel zügig ein. Dennoch sind ihre Eingriffsmöglichkeiten eingeschränkt, wenn bereits beim Bau leicht entflammbare Werkstoffe verbaut wurden. Ein Aspekt, der häufig unterschätzt wird: Auch Kabel und Leitungen können Brände aktiv weitertragen.

Kabel und Leitungen fungieren dabei gewissermaßen als verdeckte Zündwege und leiten Flammen durch Installationsschächte oder entlang von Decken in benachbarte Bereiche. Besonders kritisch ist dies überall dort, wo hohe Vermögenswerte gesichert werden müssen oder das Leben von Menschen gefährdet ist. Entsprechend gefragt sind Verbindungssysteme, die eine Brandausbreitung gezielt verhindern. Genau hier setzen die speziell entwickelten Materialkonzepte an, mit denen die Entwicklerinnen und Entwickler von Lapp arbeiten.

Die dramatischen Brandereignisse am Flughafen Düsseldorf im Jahr 1996 und im Grenfell Tower in London 2017, bei denen insgesamt 89 Menschen ums Leben kamen, verdeutlichen die Konsequenzen ungeeigneter Materialien. In beiden Fällen führten die verbauten Werkstoffe zu einer schnellen Brandausbreitung, wobei auch Standardkabel eine Rolle spielten. Besonders problematisch ist diese Dynamik in geschlossenen Systemen wie Tunnelanlagen im öffentlichen Verkehr. Dort erschweren begrenzte Fluchtmöglichkeiten, hohe Personendichte und komplexe technische Infrastruktur die Evakuierung zusätzlich. Untersuchungen unter realitätsnahen Bedingungen zeigen deutlich, dass insbesondere Kunststoffe ein erhöhtes Gefahrenpotenzial darstellen. Bei einem Brand entstehen neben Hitze vor allem Rauch und toxische Gase, die in Verbindung mit Feuchtigkeit aggressive Dämpfe bilden können. In vielen Fällen stellen diese Rauchgase die größte Bedrohung dar – nicht die Flammen selbst.

Material und Konstruktion als Schlüssel zur Brandsicherheit

Für Anwendungen mit erhöhten Anforderungen entwickelt Lapp ein breit gefächertes Portfolio an Verbindungssystemen und ergänzendem Zubehör. Im Mittelpunkt steht die zentrale Frage: Welche Eigenschaften machen eine Leitung tatsächlich brandsicher? Als global agierender Anbieter im Bereich Kabel- und Verbindungstechnologie konzentriert sich Lapp dabei insbesondere auf die Auswahl und Kombination der eingesetzten Materialien. Vor allem der Außenmantel eines Kabels beeinflusst maßgeblich dessen Verhalten im Brandfall, da er als erste Schicht thermisch belastet wird.

Die Herausforderung für die Entwicklerinnen und Entwickler besteht darin, für jede spezifische Anwendung die optimale Balance zwischen Materialeigenschaften und Aufbau zu finden. „Unser Ziel ist es, das Entzünden des Kabelmantels sowie die Brandausbreitung entlang der Leitung einzudämmen und gleichzeitig die Bildung von Rauch und schädlichen Gasen zu minimieren“, sagt Jürgen Beck, Produktmanager bei Lapp.

Normen und Prüfverfahren als Grundlage der Bewertung

Die Anforderungen an Kabel im Brandschutz sind in einer Vielzahl internationaler und branchenspezifischer Normen definiert. So gilt beispielsweise für Schienenfahrzeuge die EN 45545-2, während für Installationen in Gebäuden die Normenreihe IEC / EN 60332 maßgeblich ist. Je nach Einsatzgebiet kommen weitere Vorschriften hinzu. Das Unternehmen stellt die Einhaltung dieser Regelwerke durch intensive Prüfungen sicher. Dafür betreibt das Unternehmen unter anderem ein modernes Brandlabor in Italien sowie weitere Testeinrichtungen in Frankreich, Asien und den USA, wo die Einhaltung der UL-Vorgaben überprüft wird. „Damit unsere Leitungen höchsten Sicherheitsstandards entsprechen, erfolgt die Zertifizierung durch unabhängige, akkreditierte Prüfinstitute“, so Jürgen Beck.

Zur Bewertung des Brandverhaltens werden standardisierte Prüfmethoden eingesetzt. Eine zentrale Größe ist die sogenannte Abbrandhöhe: Hierbei wird ein Kabel vertikal fixiert und für einen definierten Zeitraum beflammt. Anschließend wird analysiert, wie weit sich das Feuer ausbreitet, ob Material abtropft und wie schnell die Flamme erlischt. Ergänzend dazu simuliert der Bündelbrandtest reale Einbausituationen, indem mehrere Kabel gemeinsam thermisch belastet werden. Auch die Rauchentwicklung wird analysiert: Mithilfe optischer Messverfahren wird bestimmt, wie stark Rauch die Sicht beeinträchtigt – ein entscheidender Faktor für Evakuierung und Rettung.

Werkstoffe im Fokus: Halogene, Additive und Alternativen

Weitere Analysen untersuchen die chemische Zusammensetzung der entstehenden Rauchgase, insbesondere den Halogengehalt. Deutlich wird dabei: Das Verhalten im Brandfall hängt stark vom Mantelmaterial ab. Viele Standardkabel sind mit PVC isoliert, das Halogene wie Chlor enthält. Diese wirken zwar flammhemmend, setzen jedoch im Brandfall in Verbindung mit Feuchtigkeit korrosive und gesundheitsschädliche Gase frei. Daher ist ihr Einsatz auf Bereiche mit geringem Personenaufkommen beschränkt.

Halogenfreie Leitungen stellen hier eine Alternative dar. Sie enthalten hohe Anteile an Flammschutzadditiven wie Aluminiumtrihydroxid oder Magnesiumhydroxid, die im Brandfall die Freisetzung gefährlicher Gase reduzieren. Allerdings beeinflussen diese Additive die mechanischen Eigenschaften: Die Materialien werden spröder, was die Flexibilität einschränkt. Solche Kabel eignen sich daher vor allem für feste Installationen.

Durch den Einsatz moderner Hochleistungspolymere lässt sich dieser Nachteil jedoch teilweise kompensieren. So können auch halogenfreie Kabel flexibel ausgeführt werden und in Anwendungen mit Bewegung eingesetzt werden. Parallel dazu verbessern die Entwicklerinnen und Entwickler den Gesamtaufbau der Leitungen, um das Brandverhalten weiter zu verbessern.

Vernetzungstechnologien und thermische Belastbarkeit

Neben additiv modifizierten Materialien gewinnen vernetzte Kabel zunehmend an Bedeutung. Durch gezielte chemische oder strahlenbasierte Prozesse werden die Polymerketten miteinander verknüpft, wodurch sich sowohl thermische Beständigkeit als auch mechanische Stabilität verbessern. Besonders effektiv ist die Strahlenvernetzung, bei der Elektronen stabile Querverbindungen im Material erzeugen. Lapp nutzt diese Technologie unter anderem in einer Anlage in Südkorea für Anwendungen mit höchsten Sicherheitsanforderungen, etwa in der Bahnindustrie.

Dabei ist eine wichtige Differenzierung zu beachten: Flammwidrigkeit bedeutet nicht automatisch Temperaturbeständigkeit. Für Einsatzbereiche mit dauerhaft hohen Temperaturen – etwa in Motorumgebungen oder industriellen Hochtemperaturprozessen – sind spezielle Materialien erforderlich. Hier kommen beispielsweise Silikonummantelungen oder Glasfaserverstärkungen zum Einsatz.

Anwendungsspezifische Lösungen statt Universalansatz

Die Entwicklung einer universell einsetzbaren Leitung, die alle Anforderungen gleichzeitig optimal erfüllt, ist in der Praxis nicht realistisch. Unterschiedliche Einsatzbedingungen, regulatorische Vorgaben und Sicherheitsanforderungen erfordern individuell abgestimmte Lösungen. Statt eines Standardprodukts entstehen daher spezialisierte Varianten für unterschiedliche Anwendungen.

Ein Beispiel dafür ist die ÖLFLEX CLASSIC 110 H Serie. Sie kombiniert verschiedene zentrale Eigenschaften: Einsatzfähigkeit bis -30 °C, Beständigkeit gegenüber Öl sowie hohe Flexibilität. Gleichzeitig verfügt sie über einen halogenfreien, stark flammhemmenden Aufbau, der im Brandfall die Feuerweiterleitung begrenzt und die Rauchentwicklung reduziert. Die Klassifizierung nach EU-Richtlinie 305/2011 (BauPVO/CPR) bestätigt diese Eigenschaften.

Entscheidend für die Sicherheit ist letztlich nicht allein die Normerfüllung, sondern die passgenaue Auslegung für den jeweiligen Einsatzzweck. Materialauswahl, Konstruktion und Einsatzumgebung stehen in engem Zusammenhang und bestimmen gemeinsam das Verhalten im Ernstfall. „Brandschutz beginnt nicht beim Test, sondern bei der Frage, wie und wo eine Leitung eingesetzt wird und was sie dort leisten muss“, erklärt Jürgen Beck.

Ob standardisierte Lösungen oder individuelle Entwicklungen: Das Unternehmen richtet seine Verbindungstechnik konsequent auf reale Einsatzbedingungen aus – mit dem Ziel, unter kritischen Umständen zuverlässig zu funktionieren und so einen wirksamen Beitrag zur Sicherheit zu leisten.

Bildergalerie

  • Weltweit moderne Brandtestlabore – unter anderem in Italien, am Standort Forbach, in Asien und den USA – garantieren die Einhaltung der hohen Sicherheitsstandards.

    Weltweit moderne Brandtestlabore – unter anderem in Italien, am Standort Forbach, in Asien und den USA – garantieren die Einhaltung der hohen Sicherheitsstandards.

    Bild: Lapp

  • Kabel und Leitungen können im Brandfall wie versteckte Zündschnüre wirken, weshalb spezielle Materialmischungen eingesetzt werden, um Verbindungslösungen zu entwickeln, die eine Ausbreitung des Feuers verhindern.

    Kabel und Leitungen können im Brandfall wie versteckte Zündschnüre wirken, weshalb spezielle Materialmischungen eingesetzt werden, um Verbindungslösungen zu entwickeln, die eine Ausbreitung des Feuers verhindern.

    Bild: Lapp

  • Die Entwicklerinnen und Entwickler stehen vor der Aufgabe, für jede Anwendung die optimale Material- und Kabelkonstruktion zu finden, wie Jürgen Beck, Produktmanager Power & Control bei Lapp, erklärt.

    Die Entwicklerinnen und Entwickler stehen vor der Aufgabe, für jede Anwendung die optimale Material- und Kabelkonstruktion zu finden, wie Jürgen Beck, Produktmanager Power & Control bei Lapp, erklärt.

    Bild: Lapp

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