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Um mehr Bier herstellen zu können, benötigte eine Brauerei aus Brügge eine neue Abfüllanlage. Für den schnellen Transport entschied man sich deshalb dazu, eine Bierpipeline zwischen Brauerei und Abfüllwerk zu errichten.

Bild: iStock, dimarik

Erste Bierpipeline in Brügge Den Bierdurchfluss mit Coriolis-Technik messen

28.10.2019

Die unterirdische Verlegung von Stromkabeln und Wasserleitungen ist bekannt. Auch industrielle Erdgas- oder Öl-Pipelines sind für den Transport von Gasen und Flüssigkeiten weit verbreitet. Eine Brauerei in Brügge nutzt nun dasselbe Prinzip, um fertiges Bier vom Produktionsstandort quer durch die Altstadt zum Abfüllwerk zu befördern. Damit war die erste Bier-Pipeline geboren.

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Eine Traditionsbrauerei im Herzen der Altstadt Brügges hatte ein Problem: Zu viele Menschen genossen mittlerweile den produzierten Gerstensaft; die Abfüllanlage arbeitete am Anschlag. Die Lösung sollte die Übernahme einer Flaschenabfüllung am Rande der gut 20.000 Einwohner zählenden Altstadt sein. Alleine, wie sollte das in der Brauerei zur Abfüllung produzierte Bier in die rund 3,2 Kilometer entfernte Neuerwerbung gelangen? Die Verlagerung der Brauerei war von Anfang an keine Option. Seit mehr als 500 Jahren und mittlerweile in sechster Generation familiengeführt, stellt sie eine Institution und mit dem integrierten Pub ein beliebtes Ziel für Touristen in Brügge dar.

Die Altstadt Brügges ist ein wahres Kleinod: Enge Gassen, jahrhundertealte Handelshäuser, Kontore und Kirchen prägen das Stadtbild. Zusätzlicher Verkehr in Form von Tanklastern zwischen Brauerei und Abfüllwerk sollte nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen vermieden werden. Stockt der Transport durch Stau und überfüllte Zuwege, stockt auch die Abfüllung und damit der Absatz. Die Lösung war eine simple Idee: Wenn es unterirdische Wasserrohre in der Stadt gibt, warum sollte es dann keine Bierleitung geben? Allerdings war die Umsetzung im Detail dann nicht mehr ganz so simpel und erforderte im Bereich der Messtechnik hochpräzise Coriolis-Durchflussmesser mit erweiterten Diagnose- und multivariablen Messfähigkeiten.

Die finanzielle Herausforderung dieses Projekts war enorm: Das Gesamtinvestment betrug rund vier Millionen Euro für die Brauerei. Der Großteil wurde von der Konstruktion und unter­irdischen Verlegung der Rohrleitungen quer durch die Stadt aufgezehrt. Wichtig für eine konsistente Qualität des Bieres während der Beförderung über die gesamte Länge war außerdem eine zuverlässige Messung. Neben der genauen Ermittlung des Masse­durchflusses, musste auch das Volumen, sowie die Temperatur mit überwacht werden. Weiterhin galt es, die Zuführung von Luft beim Transport des Bieres durch die Rohre so genau wie möglich zu erfassen.

Vorteile durch Coriolis-Technik

Die Auswahl der eingesetzten Feldinstrumentierung war kritisch und folgte teils anderen Regeln, als normalerweise in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie üblich. Emerson Automation Solutions, ein globaler Anbieter von Automatisierungstechnik, konnte hier perfekt zwei Kernkompetenzen vereinen – zum einen das Know-how bei der Ausrüstung von Öl- und Gas-Pipelines mit Instrumenten zur Messung von Durchfluss, Druck und Temperatur, zum anderen die über Jahre hinweg aufgebaute Expertise bei der Ausrüstung von Brauereien und Anlagenbauern der Lebensmitteltechnik. So wurden in Absprache mit dem Kunden, anstelle der häufig bei der Produktion von Bier eingesetzten magnetisch-induktiven Durchflussmesser, Geräte basierend auf der Coriolis-Technologie eingesetzt. Der große Vorteil lag in der gleichzeitigen Erfassung mehrerer physikalischer Größen mit nur einem Messgerät.

Da die Rohrleitungen der Bier-Pipeline unterirdisch verlegt werden sollten, stand von vorneherein die Zuverlässigkeit, Wartungsfreiheit und die Möglichkeiten zur Reinigung im Fokus. Der komplette Reinigungszyklus mit Wasser und Reinigungslösungen musste zuverlässig überwacht, zwischen Reinigungsflüssigkeit und Bier sicher unterschieden werden können. Alle Daten sollten zentral von einer Warte aus kontrolliert und die Ventile an den Tanks mit Bier und Reinigungslösungen als automatisierte Prozesse gesteuert werden können. Die Durchflussgeschwindigkeit von mindestens 3 m/s stellte dabei einen Hauptparameter für die automatische Regelung dar, um die gesamte Pipeline durch eine Mindestdurchflussrate permanent sauber zu halten und Ablagerungen zu vermeiden.

Was passiert in der Pipeline?

Die unterirdische Verlegung garantierte zwar einen „unsichtbaren“ Transport, der spätere Zugriff auf die Rohrleitungen wäre allerdings nur mit großem Kostenaufwand möglich. Dementsprechend mussten intelligente Diagnose-Technologien genutzt und kombiniert werden. Eine dieser intelligenten Technologien ist die SMV (Smart Meter Verification). Sie wird durchgängig von allen aktuellen Micro-Motion-Coriolis-Messumformern von Emerson unterstützt, vom High-End-Modell 5700 bis zum neuesten Zweileiter-Modell 4200. SMV ermöglicht die Selbstüberprüfung und -diagnose der verbauten Messgeräte und vereinfacht somit deutlich die Wartung und Überwachung, bis hin zur automatisierten und auditsicheren Testprotokollierung.

Ein großer Vorteil der neuen 4200-Serie ist zudem der einfache Zweileiter-Anschluss. Anstelle der bei Coriolis-Messumformern üblichen Vierfach-Verdrahtung, benötigt die neue 4200-Elektronik lediglich einen üblichen 4...20-mA-Anschluss; Messwerte und Stromversorgung erfolgen also über die gleichen Leiter. Das ist ein großer Vorteil besonders bei der Ablösung ungenauerer Durchflussmesser, die beispielsweise mit dem durch eine Blende verursachten Differenzdruck zur Durchflussmessung arbeiten.

Im konkreten Fall profitiert die Brauerei in Brügge jedoch hauptsächlich von der APM-Technologie (Advanced Phase Measurement). Diese kann während des Bierdurchflusses den CO2-Gehalt in Echtzeit bestimmen. Es wird also zwischen dem Gas- und Flüssiganteil im Rohrsystem unterschieden. So können vom Kontrollstand aus bei Abweichungen umgehend korrigierende Maßnahmen eingeleitet werden. Diese In-Line-Überwachung der wichtigsten Parameter bedeutet gegenüber der manuellen Probennahme eine deutliche Reduzierung von fehlerhaften Chargen bei der Abfüllung und damit die Vermeidung von möglichen Imageschäden durch Flaschenbiere, die nicht nicht den strengen Qualitätsanforderungen entsprechen.

Finanzierung durch die Crowd

Die Finanzierung wurde übrigens nicht alleine von der Brauerei gestemmt. Vielmehr ging die neue Bier-Pipeline gleichzeitig als eines der bis dato größten Crowdfunding-Projekte in die belgische Wirtschaftsgeschichte ein. Ein besonderes Schmankerl für jeden Investor: Als Gegenleistung gab es Bier. Der Höchstbetrag von 7500 Euro trug seinem glücklichen Spender ein lebenslanges Recht auf Bier ein. Jeden Tag gibt es für ihn umsonst eine Flasche aus dem breiten Portfolio der Brauerei.

Bildergalerie

  • Die Coriolis-Messumformer von Emerson erfassen mehrere physikalische Größen in nur einem Messgerät.

    Bild: Emerson

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