In der Welt der Armaturen ticken die Uhren etwas anders als anderswo. Die Produktzyklen sind länger als gewohnt und die Branche ist im besten Sinne als eher konservativ einzustufen.

Bild: Messe Düsseldorf, Voith, Wika, Schwer Fittings

Branchenreport Armaturen Branche unter wohl dosiertem Druck

01.11.2016

Der Markt für Armaturen und Ventile ist heiß umkämpft. Neue Aufträge gewinnt, wer innovative Produkte zu bieten hat. Edelstahl, Digitalisierung und intelligente Lösungen versprechen Wachstum, insbesondere in den Schwellenländern.

In der Welt der Armaturen ticken die Uhren etwas anders als anderswo. Die Produktzyklen sind länger als gewohnt und die Branche ist im besten Sinne als eher konservativ einzustufen. Das heißt jedoch nicht, dass hier die Zeit stehen geblieben ist. Vielmehr sind auch hier Trends zu beobachten, die aus anderen Industriesektoren bekannt erscheinen.

Kurs auf Industrie 4.0

Das Schlagwort der Industrie 4.0 geht auch an Herstellern von Armaturen und Ventilen nicht spurlos vorüber. Die Daten, die Armaturen in Kombination mit den passenden Messinstrumenten zu Temperatur, Druck, Konzentration, Durchfluss und Füllstand liefern können, lassen sich aufgrund der neuen Technik effizienter sammeln und auswerten. Wer nun intelligente Elektronik in Anlagenbauteile wie Messumformer, Schalter und Schieber, Zeitrelais oder Ventile packt, kann, so ABB, auf einem Display den Masse- und Volumendurchfluss, den Prozentwert vom Maximaldurchfluss und die Durchflussmenge als Balkendiagramm anzeigen und über eine passende API weiterverarbeiten.

Eine Digitalisierung auf Basis von Messdaten ermöglicht damit eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung von Armaturen. Wer heute noch Flüssigkeiten, Gase, Schlämme und Dämpfe ohne Automatisierung „nach dem Bauchgefühl“ drosselt, umleitet oder sperrt, büßt an Wettbewerbsfähigkeit ein. Die weltweite Nachfrage ist daher groß.

Der Druck- und Temperaturmesstechnikspezialist Wika sieht großen Bedarf an moderner Automatisierung und damit an Messtechnik in den Wachstumsmärkten der BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China. Aber auch die afrikanischen Länder sind für Wika ein Markt mit Zukunft. Schwierig dagegen zeigt sich der krisengeschüttelte Oil&Gas-Markt. Der Markt für Erneuerbare Energien könnte das jedoch zum Teil wieder ausgleichen.

Hygienic Design: Optimieren im Detail

Auch in Fragen der Hygiene steigen die Anforderungen der produzierenden Betriebe weltweit. Die entscheidenden Weichen werden mit dem Hygienic Design gestellt. Und hier kommt es auf Details an. Die Branche entwickelt reinigungsfreundliche Bauteile, in denen sich im Produktionsprozess oder auch bei der Reinigung weniger oder gar keine Rückstände ansammeln können, die das Produkt kontaminieren: „Bei den Standardartikeln, die sich grundsätzlich bewährt haben, erfolgen eher kleine Änderungen und Verbesserungen, ganz nach unserem Slogan ‚Focus in details‘, erzählt Bernd Schwer, Geschäftsführer bei Schwer Fittings. Im Sinne der japanischen Arbeitsphilosophie „Kaizen“ arbeitet sein Team täglich an der Verbesserung aller Arbeitsabläufe. So entwickelte man bei Schwer zum Beispiel einen speziellen Kugelhahn, der dem Anwender die Reinigung erleichtert. Die Anschlüsse sind speziell darauf abgestimmt und auch patentiert.

Ebenfalls gefragt ist eine radial entnehmbare Armatur, ohne dass man die bereits bestehende, montierte Rohrleitung in jegliche Richtung verändern muss. Auch die dazu passenden Verschraubungen wurden unter dem Stichwort CLC entwickelt und patentiert. Die neue CLC-Verbindung findet ihre Anwendung in der Chemie, im Pharma-Umfeld wie auch in der Automobilindustrie, erläutert Bernd Schwer.

Trend zu Edelstahlarmaturen

In vielen Branchen wird auch Edelstahl anstelle von Stahl immer beliebter. Edelstahl punktet mit Korrosionsbeständigkeit, Reinheit und Langlebigkeit. Korrosionsbeständig wird Edelstahl, indem das Material eine Passivschicht aus chromreichem Metalloxid- beziehungsweise einer Metalloxidhydratschicht auf der Oberfläche bildet. Diese chromreiche Metalloxid- oder auch Metalloxidhydratschicht verhindert den direkten Kontakt des Metalls mit Säuren und anderen aggressiven Materialen, die durch die Rohe laufen. Wird die Schicht beschädigt, entsteht in der Regel eine neue Schicht – es kommt zu einer „Selbstheilung“. Voraussetzung: Der Chromanteil in dem Edelstahl muss bei mindestens zwölf Prozent liegen und darf möglichst nicht mehr als 0,12 Prozent Kohlenstoff enthalten. Durch Hinzufügen von beispielsweise Molybdän verbessert sich die Beständigkeit erneut.

„Insgesamt wird global viel in den Anlagenbau für die pharmazeutische Industrie investiert“, bilanziert Marco Becker, Leiter Vertriebsmarketing bei Gemü. „Durch ‚global health trends‘, eine steigende Weltbevölkerung und Industrialisierung in den Schwellenländern wird dieser Trend vermutlich zunächst einmal positiv bleiben“, so Becker. Ventile übernehmen in der Pharma- und Ernährungsproduktion eine große Zahl an Funktionen wie Mischen, Teilen, Entleeren, Zuführen oder Reinigen, wobei es sich fast immer um sterile Prozesse handelt. Daher setzt beispielsweise Gemü auf die Mehrwege-Ventilblock-Technik. Edelstahl ist hierbei der bevorzugte Werkstoff.

Ein weiterer wichtiger Markt für die Hersteller und Händler von Edelstahlarmaturen ist die Ernährungsindustrie – ein profitables Gebiet, allerdings in Hinblick auf Umsatzentwicklung nicht überall auf Wachstumskurs. Beispiel Deutschland: Hier ging der Umsatz im März 2016 im Vorjahresvergleich um 3,1 Prozent zurück. Die mittelfristigen Geschäftserwartungen der Branche für 2016 sind aus Sicht der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) verhalten. Doch hier macht es die Masse. Schließlich ist die deutsche Ernährungsindustrie einer der großen Märkte, der große Stückzahlen an Edelstahlarmaturen für seine Produktion nachfragt.

Hygiene-, Nahrungsmittel- und Pharmabereich: Wika empfiehlt die Verwendung eines M12-Anschlusssteckers anstelle eines Standard-Kabelabgangs am Anschlusskopf eines Thermometers. In der Praxis greifen Anlagenbauer gern auf vorkonfektionierte Kabel mit Stecker zurück, da dadurch das Anklemmen von Einzellitzen im Thermometerkopf komplett entfällt, ist bei Wika zu hören.

Neben dem bereits etablierten Miniatur-Widerstandsthermometer TR21, das für die hohen IP-Anforderungen in der sterilen Verfahrenstechnik konzipiert wurde, bietet Wika nunmehr auch Thermometerprodukte mit Anschlusskopf – Typen TR20, TR22, TR25 – mit hygienegerechtem M12-Anschlussstecker für den Hygiene-, Nahrungsmittel- und Pharmabereich an.

Kabellose Technik

Anbieter wie Pepperl+Fuchs und Rotech sehen zudem einen klaren Trend hin zur kabellosen Informationsübertragung. Nachdem Feldbusse in der Verfahrenstechnik Einzug gehalten haben, steht mit Funklösungen beispielsweise bei Pepperl+Fuchs der nächste Entwicklungsschritt an. Kugelhähne können so bereits aus der Ferne überwacht werden. Wo bislang noch ein Mitarbeiter vorbeischauen und kontrollieren muss, lässt sich durch drahtlose Übertragung der Kugelhahnposition der Zustand jederzeit direkt in der Leitwarte ablesen. Das bringt insbesondere an schwer zugänglichen Positionen und in weitläufigen Anlagen, wie sie beispielsweise im Öl- und Gas-Bereich üblich sind, Zyklische Kontrollgänge oder Bestätigung der korrekten Position vor Anlagenhochlauf würden dadurch überflüssig. Das spare nicht nur teure Lohnkosten, sondern die Anlage könne auch zügiger anfahren sowie schneller und länger produzieren, so das Unternehmen.

Gleichzeitig sind drahtlose Kommunikationsmittel auch ein geeigneter Weg, um mittelfristig Anlagen zentral effizient zu überwachen, die wichtigsten Funktionen zu benchmarken und auszuwerten und notwendige Maintenance-Maßnahmen rechtzeitig zu planen und durchzuführen.

Gute Absatzchancen in Emerging Markets

Komplexe Herstellungsprozesse, höchste Hygieneanforderungen und die Digitalisierung sämtlicher Prozesse in modernen Unternehmen befruchten das Geschäft der Armaturenhersteller. Zudem herrscht weltweit große Nachfrage – gerade auch in den Emerging Markets und Schwellenländern. Die Branche muss sich zwar einem harten Wettbewerb, insbesondere im Hinblick auf die Preisgestaltung, stellen und vor allem intelligente Armaturen entwickeln, die Absatzchancen sind jedoch gut. Insbesondere Unternehmen, die nicht in erster Linie über das Pricing Geschäft generieren, dürften in den kommenden Jahren ihr Auskommen haben.

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