Zehn Jahre nach dem Brexit präsentiert sich die britische Wirtschaft zwar insgesamt robust, hinkt ihrem Potenzial jedoch deutlich hinterher. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Kreditversicherers Allianz Trade. Das hat auch Folgen für Deutschland und die Europäische Union (EU), die mit einer dauerhaft geringeren Handelsdynamik, stärkerem Wettbewerb und hoher Unsicherheit durch die anhaltende politische Instabilität kämpfen müssen.
Britische Wirtschaft: Dauerhafter Verlust statt punktuellem Einbruch
„Der befürchtete Brexit-Kollaps blieb aus – der Befreiungsschlag aber auch“, sagt Maxime Darmet, Senior-Volkswirt bei Allianz Trade. „Der Preis, den die Briten mit dem Brexit bezahlen, ist kein punktueller Einbruch, sondern ein dauerhafter Wachstumsverlust. Die Wirtschaft ist weiterhin stabil und seit 2016 durchschnittlich 1,4 Prozent pro Jahr gewachsen – allerdings ist das deutlich unter dem eigentlichen Potenzial vor dem Brexit. Ohne den Brexit wäre die britische Wirtschaftsleistung heute 2 bis 4 Prozent höher.“
Verantwortlich für die geringere Dynamik sind vor allem geringere Investitionen, schwache Produktivitätszuwächse und zunehmende Handelshemmnisse. Darunter leiden auch deutsche und europäische Exporteure.
Deutsche Exporteure & Branchen unter Druck
„Der Brexit hat – wenig überraschend – zu Milliardenverlusten im Handel geführt, insbesondere der Handel mit der EU wurde ausgebremst. Er liegt rund 21 Prozent unter einem Szenario ohne Brexit“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Für deutsche Exporteure ist Großbritannien seit dem Brexit kein Selbstläufer mehr, sie kämpfen mit mehr Bürokratie, höheren Kosten und vor allem stärkerer Konkurrenz. Sie mussten empfindliche Einbußen bei den Exporten und Marktanteilen hinnehmen, während Konkurrenten aus China und den USA hinzugewonnen haben.“
Besonders betroffen sind klassische Exportbranchen wie der Maschinenbau, die Automobilindustrie und die Chemieindustrie, die traditionell eng mit Großbritannien verbunden sind.
Was ein neues Abkommen bringen könnte
Ein neues Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien könnte die Verluste durch den Brexit teilweise ausgleichen. „Eine stärkere Annäherung zwischen der EU und Großbritannien könnte dem bilateralen Handel einen dynamischen Schub geben und der EU jährliche Handelsgewinne von umgerechnet über 28 Milliarden Euro ermöglichen, davon knapp sieben Milliarden Euro für Deutschland – insbesondere in Schlüsselindustrien wie der Automobil- oder der Lebensmittelindustrie“, sagt Darmet.
Energiekosten treiben Industrie aus Großbritannien
Auch EU-Standorte könnten von Investitionen und Industrie profitieren. Großbritannien kämpft mit höheren Handels- und Regulierungskosten, sodass Investitionen zurück in die EU wandern. Zudem sind die Energiepreise im Vereinigten Königreich höher. Das belastet die Industrie und macht Investitionen unattraktiver. Zudem werden britische Exporte durch den europäischen CO2-Grenzausgleich (CBAM) künftig zusätzlich belastet.
„Gerade energieintensive Industrien schauen sich wieder stärker innerhalb des EU-Binnenmarkts um“, sagt Darmet. „Das stärkt Standorte wie Deutschland – trotz der aktuell schwierigen Rahmenbedingungen.“
10 Jahre nach dem Brexit
Die politische Unsicherheit in London verschärft die wirtschaftlichen Risiken. „Die wirtschaftlichen Herausforderungen erfordern langfristige Reformen, doch politische Instabilität erschwert genau das“, sagt Darmet. „Die Planungsunsicherheit auf der Insel bleibt damit auch weiterhin bestehen, der Brexit hat diesen Trend noch verstärkt.“