Geopolitische Spannungen prägen den deutschen Außenhandel messbar. Eine Analyse von KfW Research zeigt. Wächst die geopolitische Distanz zwischen Deutschland und einem Handelspartner, so verringern sich gleichzeitig die Handelsströme zwischen den beiden Ländern. Besonders betroffen sind dabei die Exporte Deutschlands. Seit 2016 hat sich dieser Effekt spürbar verstärkt – in einer Phase zunehmender Handelskonflikte, wachsender protektionistischer Tendenzen und einer stärkeren Fragmentierung der Weltwirtschaft. KfW Research misst die geopolitische Distanz anhand des Abstimmungsverhaltens in der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Dieser Indikator erlaubt eine Annäherung an die Frage, wie stark sich die weltpolitische Positionierung von Staaten unterscheidet.
Geopolitische Distanz beeinflusst den Außenhandel
Die Untersuchung, die auf Zahlen seit 1995 basiert, ergibt: Ein Anstieg der geopolitischen Distanz zwischen Deutschland und seinen Handelspartnern um einen Punkt, gemessen am Abstimmungsverhalten in der UN, geht mit einer Reduktion der deutschen Exporte in diese Länder um rund 17 Prozent einher. Bei den Importen fällt dieser Effekt schwächer aus. Dies könnte mit der relativ starken Abhängigkeit Deutschlands beim Bezug strategisch wichtiger Waren, wie etwa Rohstoffen, zusammenhängen, da Deutschland hier oft über keine Alternativen verfügt.
Die Analyse zeigt, dass der negative Zusammenhang zwischen geopolitischer Distanz und dem Umfang des Handels zwischen Ländern heute deutlich stärker ist als 1995; das Jahr 2016 stellt hier eine Zäsur dar – seitdem haben sich die internationalen Handelsströme deutlich verändert.
Handel mit ähnlich orientierten Ländern wächst
Das zeigt sich auch in Verschiebungen im deutschen Außenhandel. So hat Deutschland seine Exporte nach und seine Importe aus Ländern, die uns im UN-Abstimmungsverhalten sehr ähnlich sind, seit 2016 ausgebaut. Sie nahmen um jeweils rund 26 Prozent zu. Gleichzeitig reduzierte Deutschland seinen Handel mit geopolitisch deutlich anders orientierten Ländern: Die Exporte sanken um 90 Prozent, die Importe um 96 Prozent.
Szenarien für China und die USA
Zudem hat KfW Research Zukunftsszenarien durchgerechnet, in denen sich wichtige außereuropäische Handelspartner Deutschlands geopolitisch weiter entfernen. Ein mögliches Szenario betrachtet eine Zunahme der geopolitischen Distanz zwischen Deutschland und China beziehungsweise Deutschland und den USA um 0,7 Punkte, was einer Standardabweichung entspricht. Bei unveränderten anderen Parametern käme es in dieser Betrachtung zu einer Reduktion der deutschen Exporte nach China um rund 7 Prozent und in die USA um rund 4 Prozent im Vergleich zum Status quo. Die Importseite wäre deutlich weniger stark betroffen.
„Geopolitik wird für den Außenhandel zu einem immer wichtigeren Faktor. Deutschland bleibt auf offene Märkte und internationale Arbeitsteilung angewiesen. Gleichzeitig müssen wir kritische Abhängigkeiten reduzieren und unsere Handelsbeziehungen breiter aufstellen“, sagt Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW. „Dafür braucht es eine starke heimische Wertschöpfung, einen leistungsfähigen europäischen Binnenmarkt und gezielte Partnerschaften mit Ländern, die für Absatzmärkte, Rohstoffe und Vorprodukte strategisch wichtig sind.“