Ein Stopp der Erdgaslieferungen aus Russland scheint unausweichlich. Gegenmaßnahmen sind als Kompensation notwendig. Das Tool „No Stream“ unterstützt dabei die Folgen eines Embargos und seiner Gegenmaßnahmen abzuschätzen.

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Erdgas-Stopp und die Folgen Web-Applikation berechnet Szenarien eines möglichen Embargos

06.04.2022

Mit dem Krieg in der Ukraine steht ein Stopp der Erdgaslieferungen aus Russland im Raum. Eine neue Web-Applikation des Forschungszentrums Jülich macht es nun möglich, die Folgen eines solchen – kompletten oder teilweisen – Embargos auf die deutschen Erdgasvorräte zu ermitteln.

Die neue App des Forschungszentrums Jülich zeigt, wie sich verschiedene Gegenmaßnahmen unter Berücksichtigung der Erdgasspeicher auswirken. Es berechnet, inwieweit zusätzliche Flüssiggas-Importe, etwa durch die Anlieferung mit Tankschiffen aus anderen Ländern, den Wegfall russischer Importe ersetzen können. Und es verdeutlicht, wie Einschränkungen des Verbrauchs in Haushalten und der Wirtschaft dazu beitragen können, ausgebliebene Gaslieferungen aus Russland zu kompensieren.

Über 50 Prozent des Erdgases in Deutschland stammt aktuell aus Russland. Russland ist damit der größte Erdgaslieferant für Deutschland. Doch ein Stopp der russischen Importe, wie er infolge des Kriegs in der Ukraine möglich erscheint, wäre kein rein nationales Problem. Ein Embargo beträfe die gesamte europäische Erdgasversorgung. Diese ist bislang ebenfalls zu einem erheblichen Teil von russischen Importen abhängig und bezieht rund 45 Prozent des Erdgases aus Russland.

Einfluss von Gegenmaßnahmen berechnen

Die EU verfügt zwar über erhebliche Speicherkapazitäten, um kurzfristige Ausfälle auszugleichen. Doch über Monate und Jahre gesehen wird ein Ausbleiben russischer Erdgasimporte nur durch das Ergreifen geeigneter Gegenmaßnahmen zu kompensieren sein. „An diesem Punkt setzt auch das wissenschaftliche Tool No Stream an, das wir vor ein paar Tagen vorgestellt haben. Die Web-Applikation berechnet in stündlicher Auflösung, wie sich die europäischen Speicherfüllstände unter Berücksichtigung unterschiedlicher, frei wählbarer Gegenmaßnahmen bis zum Sommer 2023 entwickeln,“ erklärt Dr. Leander Kotzur vom Institut für Energie- und Klimaforschung – Technoökonomische Systemanalyse (IEK-3) des Forschungszentrums Jülich.

Zu diesen Gegenmaßnehmen zählen etwa Einsparungen beim Gasverbrauch in unterschiedlichen Sektoren, wie sie sich durch Einschränkungen beim Heizen in den Haushalten oder den Umstieg auf alternative Energieträger in der Wirtschaft und Industrie erzielen lassen. „Hier ist allerdings zu beachten, dass solche Einschränkungen in verschiedenen Bereichen und Industriezweigen nur in einem limitierten Maße möglich sind“, so Institutsleiter Prof. Detlef Stolten.

Weiterhin besteht die Möglichkeit, ausbleibende russische Importe zumindest teilweise durch zusätzliche Erdgaslieferungen aus anderen Ländern wie Norwegen zu ersetzen und die Einfuhr von verflüssigtem Erdgas (LNG), beispielsweise aus den USA, Australien und Katar, zu erhöhen. „Die erste Version des Analysetools beruht hier im Detail noch auf einigen vereinfachenden Annahmen. So wird beispielsweise davon ausgegangen, dass LNG-Importe innerhalb der EU frei verteilt werden können und keine Pipelineengpässe bestehen. Das Analysetool wird aber kontinuierlich weiterentwickelt, um die Aussagekraft weiter zu erhöhen“, erklärt Dr. Leander Kotzur.

Bildergalerie

  • Web-Applikation „No Stream“ des Forschungszentrums Jülich

    Bild: Forschungszentrum Jülich

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