Herr Grünberg, der Bahnmarkt wächst weltweit und entwickelt sich rasant weiter. Welche Trends und Veränderungen beobachten Sie derzeit besonders?
Wir beobachten hier vorrangig vier Entwicklungen. Erstens werden Schienenfahrzeuge zunehmend digitalisiert und mit zusätzlichen Funktionen ausgestattet, von Fahrgastinformations- und Entertainmentsystemen über Klimatisierung und WLAN bis hin zu modernen Diagnose- und Zugsteuerungssystemen. Das erhöht die Zahl der verbauten Komponenten und damit auch den Bedarf an leistungsfähiger Verkabelung. Der verfügbare Bauraum in den Fahrzeugen wächst jedoch nicht mit. Zweitens rückt das Thema Effizienz weiter in den Fokus. Jedes eingesparte Kilogramm zählt, denn ein geringeres Fahrzeuggewicht reduziert den Energieverbrauch beim Beschleunigen und trägt dazu bei, Verschleiß und Betriebskosten zu senken. Deshalb müssen auch Verbindungslösungen immer kompakter und leichter werden, ohne Kompromisse bei Sicherheit oder Leistungsfähigkeit einzugehen. Der dritte große Trend ist die Nachhaltigkeit. Betreiber und Hersteller betrachten heute den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs deutlich genauer als noch vor einigen Jahren. Aspekte wie Materialeinsatz, Ressourceneffizienz oder der CO2-Fußabdruck gewinnen bei Beschaffungsentscheidungen zunehmend an Bedeutung. Und viertens steigen die Ansprüche an die Datenkommunikation im Fahrzeug. Leistungsfähige Netzwerk- und Verbindungslösungen werden daher immer wichtiger.
Welche Herausforderungen beschäftigen Hersteller von Schienenfahrzeugen und ihre Zulieferer aktuell am meisten?
Die Hersteller stehen heute vor der Aufgabe, technologische Innovationen, hohe Sicherheitskriterien und wirtschaftlichen Druck miteinander zu vereinbaren. Gerade in der Bahntechnik ist das anspruchsvoll, weil Fahrzeuge über Jahrzehnte im Einsatz sind und zugleich höchste Anforderungen an Zuverlässigkeit und Interoperabilität erfüllen müssen. Hinzu kommen äußere Einflüsse, die die gesamte Branche beschäftigen. Weltweite Lieferketten sind durch geopolitische Krisen deutlich störanfälliger geworden. Zudem verändert sich der internationale Wettbewerb: Neue Anbieter, vor allem aus Asien, erhöhen den Kostendruck und verändern die Beschaffungsstrategien vieler Fahrzeughersteller. Parallel dazu steigen die regulatorischen Bestimmungen stetig. Neue Normen und länderspezifische Zulassungsvorgaben müssen bereits in der Produktentwicklung berücksichtigt werden. Für Zulieferer bedeutet das, innovative und wirtschaftliche Lösungen bereitzustellen, die weltweit unterschiedlichste technische und gesetzliche Forderungen erfüllen.
Was unterscheidet die Bahntechnik aus Sicht eines Anbieters von Verbindungslösungen von anderen Industrien?
Die Bahntechnik zählt zu den am stärksten regulierten Industrien überhaupt. Das hat einen einfachen Grund: Im Personenverkehr steht die Sicherheit der Fahrgäste jederzeit an erster Stelle. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an alle verbauten Komponenten, auch an Verbindungslösungen. Nationale und internationale Normen definieren viele Produkteigenschaften bis ins Detail, etwa beim Brandschutz. Das macht die Entwicklung anspruchsvoll, gewährleistet aber zugleich ein Höchstmaß an Sicherheit und Zuverlässigkeit. Für uns bedeutet das, ein sehr breites Portfolio bereitzustellen, das unterschiedlichste technische Kriterien und weltweite Standards erfüllt. Außerdem müssen Verbindungslösungen über Jahrzehnte hinweg zuverlässig funktionieren, und das oft unter extremen Bedingungen. Sie sind permanent Vibrationen und mechanischen Belastungen ausgesetzt, müssen Ölen, Reinigungsmitteln und anderen chemischen Einflüssen standhalten und sowohl bei großer Hitze als auch bei extremer Kälte zuverlässig arbeiten.
Welche Bedeutung haben globale Entwicklungs-, Produktions- und Lieferstrukturen für internationale Bahnprojekte?
Globale Entwicklungs-, Produktions- und Lieferstrukturen sind heute ein entscheidender Erfolgsfaktor für internationale Bahnprojekte. Viele Länder knüpfen öffentliche Ausschreibungen inzwischen an sogenannte Local-Content-Anforderungen. Das bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Wertschöpfung vor Ort erfolgen muss. Entsprechend wichtig ist es, Produktionskapazitäten und Lieferketten international aufzustellen und gleichzeitig regionale Richtlinien sicher einzuhalten. Ebenso wichtig ist eine enge Zusammenarbeit in der Konzeption. So können regionale Normen und Marktanforderungen frühzeitig berücksichtigt und technologische Erfahrungen aus verschiedenen Märkten zusammengeführt werden. Zugleich gewinnen resiliente Lieferketten an Bedeutung. Geopolitische Krisen, unterbrochene Transportwege und steigende Logistikkosten haben gezeigt, wie wichtig es ist, flexibel produzieren und liefern zu können. Deshalb setzen wir auf eine globale Aufstellung mit regionaler Nähe zu unseren Kunden. So können wir internationale Projekte erfolgreich begleiten und auf lokale Wünsche entsprechend eingehen.
Wie schafft Lapp mit seinem Lösungsportfolio einen konkreten Mehrwert für Kunden in der Bahntechnik?
Unsere Kunden profitieren vor allem davon, dass wir weit mehr als einzelne Kabel anbieten. Unser Portfolio umfasst nahezu die gesamte Verbindungstechnik – von Kabeln und Leitungen über Kabelverschraubungen, Kabelschutz- und Kennzeichnungssysteme bis hin zu Steckverbindern und konfektionierten Lösungen. So können wir für viele Anwendungen durchgängige Verbindungslösungen aus einer Hand bereitstellen. Gerade kleine und mittlere Systemlieferanten profitieren davon, ihren Einkauf zu bündeln und die Zahl ihrer Lieferanten zu reduzieren. Hinzu kommt unsere Lagerstrategie: Viele Produkte sind kurzfristig verfügbar, sodass auch kleinere Mengen schnell geliefert werden können. Das erhöht die Flexibilität und hilft unseren Kunden, Lagerbestände und Materialüberschüsse zu vermeiden. Große Schienenfahrzeughersteller haben dagegen andere Ansprüche. Sie beziehen ihre Komponenten in der Regel von hochspezialisierten Anbietern. Entscheidend sind deshalb vor allem eine hohe Liefersicherheit, die Fähigkeit, kundenspezifische Produkte im Projektgeschäft bereitzustellen, und eine reibungslose Umsetzung komplexer Beschaffungsprogramme. Genau darauf haben wir unsere Prozesse ausgerichtet. Gerade bei internationalen Bahnprojekten kommt ein weiterer Vorteil hinzu. Dank unserer globalen Entwicklungs-, Produktions- und Lieferstrukturen können wir regionale Ansprüche, lokale Wertschöpfungsvorgaben und komplexe Logistikkonzepte zuverlässig abbilden. So begleiten wir unsere Kunden weltweit, von der Konzeption bis zur termingerechten Lieferung.
Welche Veränderungen werden die Bahntechnik in den kommenden Jahren prägen – und wie bereitet sich Lapp darauf vor?
Die Bahntechnik wird sich in den kommenden Jahren vor allem entlang zweier Entwicklungen verändern: Nachhaltigkeit bleibt ein wichtiger Innovationstreiber. Gleichzeitig werden Hersteller ihre Beschaffungs- und Produktionsstrategien neu ausrichten. Regionale Wertschöpfung, zuverlässige Lieferbarkeit und wirtschaftliche Fertigung miteinander in Einklang zu bringen, wird zu einer der zentralen Herausforderungen der Branche. Darauf stellen auch wir uns ein. So haben wir beispielsweise Produktionskapazitäten in Indien aufgebaut, um Kunden vor Ort besser unterstützen und regionale Kriterien erfüllen zu können. Darüber hinaus prüfen wir den Ausbau weiterer Fertigungskapazitäten in Europa, um Lieferketten robuster zu gestalten und auch näher an hiesigen Kunden zu produzieren. So verbinden wir die Vorteile einer globalen Organisation mit der Flexibilität regionaler Wertschöpfung.