Lieferschwierigkeiten oder -ausfälle können ganze Branchen in tiefe Krisen stürzen. Ein aktuelles Beispiel ist der Halbleiter-Hersteller Nexperia, der kürzlich nicht mehr lieferfähig war. Deutsche Automobilzulieferer meldeten daraufhin fast umgehend Kurzarbeit an. In Krisen die Lieferfähigkeit sicherzustellen, wird zur Herausforderung, wenn gleichzeitig der Bedarf an elektronischen Bauteilen rasant steigt, beispielsweise durch Elektromobilität, Industrie 4.0, IoT-Anwendungen und vernetzte Konsumgüter.
Das Problem dabei ist, dass Unternehmen in mehrstufigen Lieferketten oft nicht wissen, wer tatsächlich liefert, wo Engpässe entstehen und welche Risiken lauern. Ohne diese Transparenz können sie weder frühzeitig reagieren noch alternative Beschaffungswege aufbauen. Es gibt einen Ansatz, der genau hier ansetzt: Supply Chain as a Service, auch TAK-Modell genannt. Anstatt mit mehreren Zwischenhändlern und fragmentierten Informationen zu arbeiten, bündelt ein Servicepartner die gesamte Komponentenlogistik: Direktbeschaffung beim Hersteller, zentrale Lagerhaltung und vollständige Datentransparenz über jeden Prozessschritt. Dadurch gewinnen OEMs die vollständige Kontrolle über ihre Lieferkette zurück. Sie sehen in Echtzeit, wo sich welche Bauteile befinden, wer sie bewegt hat und wo potenzielle Risiken entstehen. Dadurch können sie Engpässe frühzeitig erkennen, Bestände flexibel umsteuern und in Krisen handlungsfähig bleiben, statt reaktiv auf Lieferausfälle zu reagieren.
Elektronikengpässe zeigen die Schwächen globaler Lieferketten
Das Beispiel der Automobilindustrie zeigt exemplarisch, wie fragil moderne Lieferketten sind. Die niederländische Regierung entmachtet Wingtech, den chinesischen Eigentümer des europäischen Halbleiterherstellers Nexperia, um den Abfluss von Know-how zu verhindern und um gegen mutmaßliches Missmanagement einzugreifen. Daraufhin blockierte Peking den Export von Chips, die Nexperia in China fertigen lässt. Das Unternehmen, das weltweit rund 40 Prozent der Standardchips für die Automobilindustrie herstellt, kann somit nicht mehr wie gewohnt liefern. Für deutsche Autobauer und deren Zulieferer bedeutet dies die zweite Halbleiterkrise innerhalb von vier Jahren. Bereits 2021 kam es während der Corona-Pandemie zu Lieferausfällen und Verzögerungen, was zu einem Umsatzverlust von über 100 Milliarden Euro beziehungsweise 2,4 Prozent des BIPs führte. Ende Oktober beantragten Automobilzulieferer wie Bosch und ZF Kurzarbeit für Tausende Beschäftigte oder kündigten dies zumindest an.
Die Automobilindustrie ist besonders anfällig, weil Standard-Halbleiter lange Vorlaufzeiten haben, es nur wenige Alternativen gibt und bereits einzelne fehlende Bauteile ganze Produktionslinien zum Stillstand bringen. Das gilt jedoch für viele Branchen. Auch Industrieautomation, Medizintechnik, Smart Home und IoT sind auf stabile Komponenten angewiesen. Und die Halbleiterknappheit kostete Europa in den Jahren 2021/2022 rund 100 Milliarden Euro. Trotz erster Entspannung bleibt die Lage kritisch, da alternative Bauteile lange Zertifizierungszeiten erfordern, die Lagerbestände erschöpft sind und Experten die Auswirkungen noch bis 2026 erwarten. Zugleich wächst der Halbleiterbedarf branchenübergreifend rasant. In der Automobilbranche soll er in den nächsten fünf Jahren jährlich um zehn Prozent steigen, weit schneller als die Produktionskapazitäten, wie Strategy& prognostiziert.
Nachfrageboom belastet Halbleitermarkt auf Jahre
Der Nachfrageanstieg nach elektronischen Bauteilen hat mehrere strukturelle Ursachen, die weit über die Automobilindustrie hinausreichen:
In der Automobilbranche benötigen Elektro- und Hybridfahrzeuge bis zu doppelt so viele Halbleiter wie Verbrenner – vor allem für Batteriemanagement und Motorsteuerung. Fahrerassistenzsysteme und autonomes Fahren erfordern leistungsstarke KI- und Sensoren-Chips zur Echtzeit-Datenverarbeitung; der Übergang zu höheren Autonomiestufen kann den Bedarf um das Fünf- bis Siebenfache steigern. Vernetzte Fahrzeuge mit Over-the-Air-Updates brauchen zusätzliche Kommunikations- und Speicherchips.
In Industrie 4.0 und IoT treiben vernetzte Produktionsanlagen, intelligente Sensorik und Edge-Computing-Anwendungen die Nachfrage nach Mikrocontrollern, Kommunikationschips und Leistungselektronik. Smart Factories, vorausschauende Wartung und dezentrale Steuerungssysteme sind ohne eine stabile Versorgung mit elektronischen Bauteilen nicht umsetzbar.
Im Konsumgüterbereich wächst der Bedarf durch Smart-Home-Geräte, Wearables, vernetzte Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik kontinuierlich. Auch Medizintechnik, E-Bikes und erneuerbare Energien (Wechselrichter, Batteriespeicher) sind auf hochwertige und zuverlässig verfügbare Komponenten angewiesen.
Während der globale Halbleitermarkt von 600 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf über eine Billion US-Dollar im Jahr 2030 wächst, steigen die Produktionskapazitäten – vor allem bei älteren Fertigungstechnologien – deutlich langsamer. Dadurch werden strukturelle Engpässe wahrscheinlicher. Gleichzeitig bleiben globale Lieferketten fragil. Pandemien, geopolitische Konflikte oder Logistikstörungen zeigen, dass Modelle wie globales Sourcing, Just-in-sequence-Produktion und minimierte Lagerhaltung keine stabile Versorgung mehr gewährleisten können. Ob Automobilindustrie, Industrieausrüstung oder Konsumgüterelektronik – Lieferengpässe können heute jede Branche treffen und legen die zentralen Schwachstellen moderner Lieferketten offen:
Allokation: Bei Ressourcenknappheit erhalten jene Unternehmen beim Bezug über Distributoren den Zuschlag, die den besten Preis zahlen. In der Regel sind das die großen Abnehmer. Kleinere können sich hier kaum durchsetzen. Bekommt das Unternehmen die benötigten Teile nicht, kommt die Produktion zum Stillstand – und das kostet.
Volatile Preise: Der Weg über Zwischenhändler und Distributoren bedeutet auch, dass diese an den Teilen mitverdienen, weil sie sie teurer weiterverkaufen. Bauteilpreise steigen teils unkontrolliert – in der aktuellen Halbleiterkrise sogar teilweise um das Hundertfache.
Compliance-Risiken: Die EU reguliert Lieferketten immer stärker mit Richtlinien und Verordnungen, unter anderem zu IT-Sicherheit, Cyber-Resilienz oder Lieferkettentransparenz. Unternehmen müssen strenge Sorgfaltspflichten erfüllen, ihre Maßnahmen genau dokumentieren und Nachweise über den Ursprung ihrer Produktkomponenten erbringen. Mit undurchsichtigen Lieferbeziehungen ist das nicht möglich.
Qualitätsrisiken: Komplexe Lieferketten bergen nicht zuletzt das Risiko, dass Teile gefälscht werden oder fehlerhaft sind. Gerade in Krisen, wenn die Preise steigen, wächst auch das Risiko von Fälschungen enorm.
Effiziente Logistik durch Supply Chain as a Service
Diese vier Schwachstellen sind keine temporären Störungen – sie sind systemimmanent. Um Ihnen zu begegnen, braucht es eine strukturelle Alternative zu traditionellen Beschaffungsmodellen. Supply Chain as a Service, auch TAK-Modell genannt, ist eine solche Alternative. Der Ansatz ist so einfach wie effektiv: Unternehmen übertragen Disposition, Lager und Logistik elektronischer Bauteile an einen externen Dienstleister. Dieser steuert die Lieferkette bedarfsgerecht, woraus eine umfassende Transparenz resultiert. So gelingt es, die Lieferketten für Unternehmen abzusichern.
Mechanismus: Von der Mehrstufen- zur Direktkette
Beim TAK-Modell werden elektronische Bauteile nicht mehr über mehrere Handelsstufen bezogen, sondern direkt vom Hersteller. Der Servicepartner bündelt diese Mengen, finanziert sie vor und führt ein zentrales, kundenspezifisches Lager. Alle Bestände, Bewegungen und Trace-Daten laufen in einem IT-System zusammen, das für alle Beteiligten einsehbar ist. Dadurch entfällt ein Großteil der Margen der Zwischenhändler und es entsteht eine einheitliche Datenbasis. Aus dieser lassen sich Herkunft, Lagerdauer, Charge, Programmierungszustand und Qualitätsstatus jedes Bauteils nachvollziehen.
Ein Blick auf die Funktionsweise zeigt, wie das Modell in der Praxis umgesetzt wird und warum es traditionelle Beschaffungsprozesse entscheidend entlastet. Anstatt über mehrere Stufen zu gehen, wird die Ware direkt beim Hersteller bezogen. Anschließend übernimmt der Dienstleister die gesamte Bestandsführung, Finanzierung und Verteilung der Ware. Beispielsweise schickt der Dienstleister Teile, die ein OEM für verschiedene Tier-1-Zulieferer eingekauft hat, an die richtigen Adressaten. Da der Dienstleister aktiv Bestände managt und einen permanenten Warenfluss gewährleistet, erhalten die Tier-1-Zulieferer Versorgungssicherheit für die von ihnen benötigten Teile. Sie kommunizieren ihren Bedarf einfach via EDI und werden bedient. Bei Engpässen hat der OEM die Möglichkeit, Teile bedarfsabhängig verschiedenen Tier-1-Lieferanten zuzuweisen.
Auf diese Weise wird nicht nur ein reibungsloser Warenfluss sichergestellt, sondern auch die Grundlage für die Abrechnung der Leistungen des Dienstleisters geschaffen. Die Vergütung erfolgt über eine Servicerechnung durch den jeweiligen Auftraggeber, in diesem Fall den OEM. Da der Preis der Ware und der Preis für den Service getrennt werden, entsteht umfassende Transparenz. So kann der Dienstleister unter anderem nachweisen, wie lange welche Ware vor dem Abruf auf Lager war, wie das Lager belegt war, was finanziert und versichert wurde und wie die Warenein- und -ausgänge erfolgten. In der Regel stellt er darüber hinaus verschiedene Services bereit, die der Kunde in Anspruch nehmen kann: Neben Lagerung und Finanzierung auch eine Weiterverarbeitung der elektronischen Teile wie Programmierung, Assemblierung oder Gurtung. Die Ware kann umgepackt oder langzeitgelagert werden, um bei abgekündigten Teilen durch einen Last Time Buy die Versorgung auch weiterhin sicherzustellen. Durch die Aufbewahrung in einem stickstoffgefluteten Mikroklima innerhalb entsprechender Moisture Barrier Bags wird sichergestellt, dass sie dauerhaft einsatzbereit sind. Funktionstests und das Flashen von Firmware gehören ebenso zu den Value-Added-Services wie die Bestromung von ganzen Steuergeräten und Modulen, um sie funktionsfähig zu halten. Die Lagerkonzepte sind so individuell wie die Unternehmen und ihre Bedürfnisse.
TAK-Modell: So bleiben Lieferketten resilient
Das Konzept kann auf beliebige Tier-Ebenen heruntergebrochen werden und auch ein Tier-1-Zulieferer kann Auftraggeber dieses Modells sein, um seine nachgelagerten Lieferanten optimal zu versorgen. Die Effekte von Supply Chain as a Service sind dreierlei:
Transparenz: Transparenz erfordert eine lückenlose Zuordnung jedes physischen Flusses zu einem Informationsfluss, was nur gelingt, wenn alle Bewegungen in einem konsistenten System erfasst werden. Indem der Servicepartner Disposition, Lager, Programmierung und Versand in einer Plattform bündelt, entsteht diese durchgängige Sicht, während gewachsene Lieferketten mit vielen Teilsystemen meist nur fragmentierte Einblicke liefern. Der Weg jedes Bauteils wird genau dokumentiert; Bestände, Bewegungen und Tracedaten können vollumfänglich nachvollzogen werden. Unternehmen wissen zu jeder Zeit, wo ihre Ware herkommt, wo sich ihre Ware befindet und wer sie transportiert oder bewegt hat. Das verhindert Fälschungen und erleichtert die Compliance, da aus der Datenbasis automatisch Compliance-Berichte für NIS2, CRA, CSDDD generiert werden können.
Agilität: Studien zur Supply-Chain-Digitalisierung zeigen, dass hohe End-to-End-Datenverfügbarkeit die Reaktions- und Erholungsfähigkeit von Lieferketten in Krisen signifikant verbessert, weil Engpässe früh erkannt und Bestände aktiv umgesteuert werden können. Das TAK-Modell nutzt genau diesen Hebel: Der OEM kann Bestände flexibel verschiedenen Tier-1-Lieferanten zuteilen, Sicherheitsbestände aufbauen und Abrufe dynamisch anpassen, ohne dass jeder Lieferant eigene, isolierte Puffer finanzieren muss. Die Transparenz schafft Reaktionsfähigkeit; Bedürfnisse und Wünsche können schnell umgesetzt werden und Anpassungen erfolgen. IT-gestützte Abläufe bringen weitere Benefits: Algorithmen können zum Beispiel Engpässe schnell erkennen und Ausfälle mit diesem Wissen gepuffert werden. Durch das gemanagte Lager können zudem Sicherheitsbestände aufgebaut werden; Teile stehen auf Abruf bereit.
Kosteneffizienz: Kosten entstehen in traditionellen Modellen durch Handelsaufschläge mehrerer Zwischenhändler, Eil- und Spotkäufe in Engpässen sowie Kapitalbindung in dezentralen Lagern. Supply-Chain-as-a-Service-Modelle reduzieren diese Effekte, indem Teile direkt zu verhandelten Herstellerpreisen beschafft, zentral vorfinanziert und bedarfsgerecht abgerufen werden. Im TAK-Modell wird diese Wirkung verstärkt, weil die Ware erst beim Lagerabgang fakturiert wird und damit Working Capital beim Kunden frei bleibt. Auftraggeber bezahlen keine Margen an Distributoren und keine Mondpreise, sondern den selbst verhandelten Einkaufspreis und den Service ihres Dienstleisters. Damit sinkt die Preisvolatilität gerade in Krisen. Darüber hinaus wird die Ware vom Dienstleister vorfinanziert, was die Liquidität schont. Die Ware wird erst an den Kunden fakturiert, wenn diese das Lager des Dienstleisters verlässt, mit dem Zahlungsziel, welches der Kunde selbst festlegen kann.
Ein Beispielszenario:
Ein Tier-1-Zulieferer, der kritische Standardchips klassisch über Distributoren beschafft, konkurriert in Engpassphasen direkt mit OEMs und größeren Abnehmern um Allokationen und muss kurzfristig zu deutlich höheren Preisen einkaufen oder Produktionen stoppen. Im TAK-Setup dagegen verhandelt der OEM Langfristverträge direkt mit dem Halbleiterhersteller, der Servicepartner baut auf dieser Basis einen kundenspezifischen Bestand auf, und der Tier-1-Zulieferer erhält seine Teile aus diesem Pool zu stabilen Konditionen, sodass Allokationsentscheidungen zentral getroffen und gezielt gesteuert werden können
Das TAK-Modell (Transparenz, Agilität, Kosteneffizienz) mindert Lieferkettenrisiken auf ein Minimum und erlaubt Wachstum und Resilienz auch in Krisen. Mit dieser Herangehensweise konnten Kunden selbst während der Halbleiterkrise 2021 auf gesicherte Bestände zugreifen und Engpässe vermeiden.
Servicebasierte Supply Chains stärken Krisenfähigkeit
Eine servicebasierte Supply-Chain-Lösung macht Lieferketten in der Krise widerstandsfähiger: Der Servicepartner übernimmt die Beschaffung, Lagerung und den Versand, wodurch eine Versorgungssicherheit für die Zulieferer entsteht und Lieferrisiken abgefedert werden. Durch die digitale Verwaltung mit Echtzeitdaten entsteht umfassende Transparenz, die nicht nur die Reaktionsfähigkeit von Unternehmen erhöht, sondern auch die einfache Einhaltung regulatorischer Vorgaben, etwa zu Nachverfolgbarkeit und Qualitätsmanagement, ermöglicht.