Wie dicht arbeiten Mittelstand und Start-ups zusammen? Wir haben uns umgehört.

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Nachgefragt: Hat der Mittelstand zu wenig Kontakt zu Start-ups? Skepsis abbauen

11.03.2020

Eigentlich passen sie ideal zusammen – Mittelständler und Start-ups. Die Industrieunternehmen kennen den Markt und haben etablierte und beliebte Produkte, Start-ups glänzen mit frischen Ideen und setzen auf digitale Technologien. Von einer Zusammenarbeit würden beide Seiten profitieren. Doch wie sieht es in der Praxis aus: Herrscht oft noch Desinteresse? Gibt es immer noch Skepsis der Unternehmen, weil man unabhängig bleiben möchte? Wir haben nach einer Einschätzung gefragt.

Das sagen unsere Befragten:

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  • Jenny Boldt Leiterin Startups, Digitalverband Bitkom: Start-ups sind Kooperationen mit etablierten Unternehmen gegenüber deutlich aufgeschlossener als umgekehrt. So sagen nur 16 Prozent der Start-ups, dass sie keine Kooperationspartner haben. Umgekehrt verzichten aber 67 Prozent der etablierten Unternehmen auf Kontakt mit Start-ups. Ihr Hauptargument ist dabei nicht Desinteresse, sondern der fehlende Kontakt zu Start-ups. Allerdings muss man festhalten: Wer Verantwortung für ein Unternehmen trägt und Kontakt zu Start-ups sucht, der wird ihn auch finden. Es gibt unzählige Veranstaltungen und Kooperationsangebote, auch vom Digitalverband Bitkom. Und es gibt die bundesweite de:hub-Initiative, deren Ziel es ist, insbesondere innovativen Mittelstand und Start-ups zusammenzubringen. Die Chance ist also gut, dass es künftig mehr Austausch gibt.

    Bild: Bitkom

  • Dr. Florian Kruse, Geschäftsführer, Point 8: Unternehmen signalisieren uns starkes Interesse an einer Zusammenarbeit. Das Bewusstsein ist da für das große Potential digitaler Anwendungsfälle sowie die Notwendigkeit, sich hierfür von Experten unterstützen zu lassen. Für uns als Forscher im Herzen ist es spannend, auf neue Firmen zu treffen und gemeinsam mit deren Fachleuten die spezifischen Maschinen, Prozesse und Produkte kennenzulernen und zu verstehen. Der Mittelstand hat viel zu bieten und uns schon häufig überrascht. Dennoch besteht auch eine gewisse Skepsis, der wir mit Offenheit begegnen. So ist es wichtig, das eigene Geschäftsmodel und den Modus der Zusammenarbeit zu erklären. Mit der Zeit entstehen echte Partnerschaften, aus denen sich der größte Mehrwert für beide Seiten ergibt.

    Bild: Point 8

  • Christian Mohr, Partner, UnternehmerTUM: Wir sehen großes Interesse mittelständischer Unternehmen an der Zusammenarbeit mit Start-ups. Allerdings ist das eine große Herausforderung – nur die Wenigsten schaffen es vom Pilotprojekt in eine nachhaltige und fruchtbare Kollaboration. Einer der Hauptgründe aus unserer Erfahrung ist das mangelnde Bewusstsein für die unterschiedlichen Kulturen: Ein Start-up handelt unter ganz anderen Rahmenbedingungen als ein Mittelständler. Um erfolgreich zu kooperieren, ist daher ein Verständnis des Partners entscheidend. Ein erster Schritt ist zum Beispiel der Austausch über Motivation und Ziele der Zusammenarbeit. UnternehmerTUM hat langjährige Erfahrung sowohl mit Start-ups als auch etablierten Unternehmen und kann einen solchen Austausch und eine nachhaltige Zusammenarbeit initiieren und begleiten.

    Bild: UnternehmerTUM

  • Dr. Laura Dorfer, Projektmanagerin Startup-Machine, VDMA: Das Thema Start-ups ist im Maschinen- und Anlagenbau angekommen – das ist ein klares Ergebnis einer Befragung, die wir im Jahr 2019 unter VDMA-Mitgliedern durchgeführt haben. Zwei Drittel der befragten Unternehmen waren der Ansicht, dass Start-ups für die Zukunft ihrer Industrie eine wichtige Rolle spielen. Bereits heute kooperieren 55 Prozent der Unternehmen mit Start-ups. Und dabei ist das Thema auch für kleine und mittlere Unternehmen relevant: Mit 44 Prozent arbeiten fast die Hälfte der befragten KMU derzeit mit Jungunternehmen zusammen. Im Vergleich zu anderen Branchen ist der Maschinen- und Anlagenbau damit progressiv in der Start-up-Kollaboration. Bei der VDMA-Startup-Machine zielen wir darauf ab, das Thema weiter voranzutreiben!

    Bild: VDMA

  • Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer, Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW): Die Digitalisierung nimmt in der Werkzeugmaschinenindustrie Fahrt auf. Um hier schneller mit kreativen Lösungen auf den Markt zu kommen, suchen immer mehr etablierte Hersteller den Schulterschluss mit Start-ups. Deshalb hat der VDW Start-ups bereits seit 2017 in die eigenen Messen, EMO Hannover und Metav in Düsseldorf, integriert. Darüber hinaus haben wir Netzwerkevents organisiert, die beiden Seiten die Kontaktaufnahme erleichtert. In einzelnen Fällen sind daraus Kooperationen entstanden. Das ist jedoch immer sehr individuell. Fazit für die Start-ups ist, dass sie einen langen Atem haben müssen, um die Vorbehalte etablierter Hersteller zu entkräften, beispielsweise ob sie auch morgen noch am Markt sein werden, ob sie auch Kunden im Ausland bedienen können oder ob sie ausreichend Kapazitäten für größere Projekte haben.

    Bild: Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken

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