Thomas Böck, Festo

Schluss mit der Risiko-Aversion

Festo Vertrieb GmbH & Co. KG

Thomas Böck ist Vorstandsvorsitzender der Festo SE & Co. KG, eines führenden Familienunternehmens für industrielle Automatisierungstechnik und technische Bildung. Der Diplom-Ingenieur (FH) studierte Elektrotechnik in Kempten. Seine Laufbahn begann bei AGCO/Fendt, anschließend war er bei Kässbohrer tätig. 2006 wechselte er zu CLAAS, wo er ab 2014 CTO und ab 2019 CEO war. Seit 2017 gehört er dem Advisory Board von Accenture Deutschland an; seit 2025 ist er Mitglied des Aufsichtsrats der Körber AG.

Bild: Festo
15.10.2026

Wir stecken mitten im Umbruch. Wer meint, stures Aussitzen bringe die deutsche Industrie zurück an die Spitze, irrt gewaltig. Der globale Wettbewerb wartet nicht, bis wir den perfekten Freigabeprozess austüfteln. Wir müssen den Mut aufbringen, radikal umzudenken, alte Strukturen aufzubrechen und Tempo aufzunehmen.

Als traditionsreiches Familienunternehmen blicken wir stolz auf über ein Jahrhundert Erfolgsgeschichte zurück. Ursprünglich aus der Holzbearbeitung kommend, haben wir in den Fünfzigerjahren die Automation nach Europa gebracht und den Markt für Pneumatik entscheidend geprägt. Über Jahrzehnte hinweg beruhte der Erfolg der deutschen Wirtschaft auf tiefem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, auf Pioniergeist und verlässlichen Partnerschaften zwischen Industrie, Wissenschaft und qualifizierter Ausbildung. Doch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert. Eine scheinbar unendliche Reihe globaler Krisen, zunehmende Handelshemmnisse und disruptive Marktveränderungen zeigen deutlich, dass alte Rezepte nicht mehr greifen. Die verlockende Illusion einer andauernden Friedensdividende hat viele deutsche Betriebe in eine gefährliche Scheinsicherheit gewiegt. Die Folge war ein Hang zur Überregulierung.

Wir neigen historisch dazu, Strukturen bis auf die Atomebene zu verfeinern und Steuerungsmechanismen aufzubauen, die im Kern nur einem Zweck dienen: der absoluten Risikovermeidung. Dass solche Kontroll- und Freigabeschleifen administrative Kosten verursachen, die den eigentlichen Materialwert um ein Vielfaches übersteigen, ist traurige Realität. Genauso verhält es sich mit unserem gewohnten Perfektionsstreben. Anstatt marktfertige Lösungen zügig auszuliefern, packen wir kontinuierlich neue Features in Produkte, um Preise gegen die erstarkende Konkurrenz aus Asien zu verteidigen. Doch während in hiesigen Gremien noch über Akzeptanzbedingungen von Anfragen debattiert wird, durchläuft der Wettbewerb in Fernost binnen weniger Wochen mehrere Prototypenzyklen und startet bereits die Serienfertigung. Davor dürfen wir die Augen nicht mehr verschließen.

Personalabbau allein löst kein Strukturproblem, denn er führt lediglich dazu, mit reduzierter Mannschaft genauso ineffizient weiterzuarbeiten wie zuvor. Was wir dringend benötigen, ist eine fundamentale Neuausrichtung unserer Organisationsarchitektur auf maximale Geschwindigkeit. Um diese Agilität zu erreichen, stellen wir bestehende Prozesse konsequent auf den Prüfstand. Wir verlagern kapazitätsintensive Aufgaben wie die Produktpflege und das Value Engineering direkt in die Fertigungsbereiche, um der Entwicklung wieder Raum für echte Innovationen zu verschaffen. Dabei müssen wir klar definieren, was eine wertvolle Innovation ausmacht: Sie darf keineswegs das Resultat von reinem Technologie-Push sein, bei dem Erfinder nach passenden Problemen suchen. Eine Innovation muss ein reales Problem unserer Kunden lösen, unmittelbare Marktnachfrage erzeugen und ab Tag eins wirtschaftlich tragfähig sein. Um diesen Fokus scharfzustellen, schrecken wir auch nicht davor zurück, bis zu vierzig Prozent bestehender Entwicklungsprojekte ohne Markterfolg einzustellen.

Mangelnde Geschwindigkeit kompensieren wir durch konsequente Vernetzung, den gezielten Einsatz digitaler Methoden und den Mut zur branchenübergreifenden Zusammenarbeit. Anstatt Jahre in eigenständige Insellösungen zu investieren, setzen wir auf bewährte Partnerschaften, Open Innovation und die Verknüpfung universeller Steuerungsplattformen. Durch offene Ökosysteme gelingt es uns, neuartige Lösungen in der Bioprozesstechnik, der Life-Science-Sparte sowie der intelligenten Ventiltechnik innerhalb kürzester Zeit zur Marktreife zu führen. Mithilfe von KI-gestützten Algorithmen lässt sich die Performance automatisierter Anlagen erheblich steigern bei gleichzeitiger Senkung des Energieverbrauchs um bis zu sechzig Prozent. Wer glaubt, in der Zentrale alle Weisheit für globale Märkte gepachtet zu haben, bremst sich selbst aus. Wir verlagern Know-how dorthin, wo Dynamik entsteht, und hebeln das veraltete Not-Invented-Here-Syndrom aus. Die Transformation gelingt, wenn Führungskräfte Freiräume schaffen und die Belegschaft mit Aufbruchsgeist anstecken. Die Herausforderungen sind immens, aber die Chance, die Spitzenposition der deutschen Industrie neu zu definieren, liegt direkt vor uns.

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