In einer gemeinsamen Fallstudie haben das Energieunternehmen EnBW Energie Baden-Württemberg und die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte untersucht, wie sich die Kreislaufwirtschaft im Bereich der Photovoltaik (PV) wirtschaftlich attraktiv umsetzen lässt. Das Ergebnis ist eindeutig.
Die Studie analysiert die gesamte Wertschöpfungskette und zeigt, dass die Kreislaufwirtschaft weit über das klassische Recycling hinausgeht. Im Fokus stehen stattdessen Kreislaufstrategien wie die Reparatur und Wiederverwendung von Komponenten. Das Ziel besteht darin, Produkte und Materialien möglichst lange im Kreislauf zu halten, um Abfall, Kosten und die Abhängigkeit von Primärrohstoffen zu reduzieren.
Rechnet sich Kreislaufwirtschaft wirklich?
Lothar Rieth, Leiter Nachhaltigkeit bei EnBW, sagt: „Kreislaufwirtschaft ist für uns kein abstraktes Nachhaltigkeitsthema, sondern eine konkrete betriebswirtschaftliche Herausforderung: Wie können Ressourcen effizienter genutzt, Kosten reduziert und Prozesse gleichzeitig resilienter gestaltet werden? Unsere Studie zeigt, dass hierin ein bedeutendes Potenzial für die Energiewirtschaft liegt.“ Das Projekt verschiebt den Fokus vom konzeptionellen Verständnis hin zu konkreten operativen Maßnahmen.
Ein zentraler Befund der Untersuchung ist, dass es bereits heute Ansätze gibt, die sich rasch und mit begrenztem Aufwand umsetzen lassen und zugleich wirtschaftlich attraktiv sind. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Frage, welche Geschäftsmodelle die Kreislaufwirtschaft einem Energieunternehmen bietet – abgesehen vom offensichtlichen Beitrag zur Ressourcenschonung. So ist es beispielsweise möglich, beschädigte PV-Module aus Bau und Betrieb gezielt an spezialisierte Dienstleister zur Wiederaufbereitung oder zum hochwertigen Recycling weiterzugeben. Erste Praxistests zeigen, dass dies kostenneutral, oft sogar mit Erlösen, möglich ist. Auch die Reparatur und Wiederverwendung von Wechselrichtern und Modulen im laufenden Betrieb senkt die Betriebskosten und erhöht die Lebensdauer der Komponenten.
Langfristige Chancen: Resilienz und neue Wertschöpfung
Den eigentlichen Hebel sieht die Untersuchung allerdings in der Zukunft. Mit dem ab 2035 erwarteten Rückbau der ersten großen PV-Parks entstehen erhebliche Mengen an Sekundärrohstoffen wie Stahl, Aluminium, Kupfer und Silizium. Wer frühzeitig Erfahrungen mit Reparatur, Wiederverwendung und neue Recyclingverfahren sammelt, kann sich in den entstehenden Märkten für Sekundärmaterialien positionieren und von steigenden Rohstoffpreisen profitieren.
Entscheidend ist dabei, Materialkreisläufe entlang der Wertschöpfungskette neu zu denken und alle relevanten Stakeholder einzubeziehen, beispielsweise durch frühzeitige Kooperationen mit Dienstleistern und Marktpartnern.
Eine Einschränkung bleibt: Einzelne Unternehmen können nicht alle Hebel der Kreislaufwirtschaft allein bedienen. Für eine erfolgreiche Transformation sind branchenweite Initiativen, neue Geschäftsmodelle für Sekundärrohstoffe und unterstützende politische Rahmenbedingungen erforderlich, beispielsweise in Form von Förderungen für Recyclingkapazitäten, der Harmonisierung von Standards und der Schaffung von (Daten-)Transparenz in den Lieferketten.
Politik und Wirtschaft sind gemeinsam gefordert
„Die Transformation gelingt schrittweise. Dort, wo einzelne Unternehmen direkten Einfluss haben, etwa im eigenen Betrieb, zeigen sich heute schon die Vorteile der Kreislaufwirtschaft“, sagt Dr. Matthias Schmidt, Partner im Bereich Sustainability Assurance bei Deloitte. „Um zentrale Hebel wie geschlossene Materialkreisläufe zu nutzen, müssen Märkte geschaffen, Technologien weiterentwickelt und Standards vereinheitlicht werden. Dafür muss jetzt der Rahmen auf europäischer wie nationaler Ebene gesetzt werden.“ Für die Unternehmen sei es wichtig, nicht abzuwarten, sondern Erfahrungen zu sammeln und die Geschäftsmodelle entsprechend anzupassen.
Die Fallstudie liefert eine übertragbare Methode, mit der Unternehmen die realisierbaren Potenziale der Kreislaufwirtschaft identifizieren und wirtschaftlich erschließen können. Die zentrale Botschaft lautet: Kreislaufwirtschaft ist mehr als ein Nachhaltigkeits- und Compliance-Thema. Sie birgt Wertschöpfungspotenziale und hilft Unternehmen, widerstandsfähiger zu werden.