Prof. Dominik Bösl ist seit Anfang 2022 Geschäftsführer des Berliner KI-Unternehmens Micropsi Industries und neben CEO und Mitgründer Ronnie Vuine verantwortlich für die strategische Leitung. Zuvor war er in verschiedenen Positionen bei Festo, Kuka und Microsoft tätig. Dominik Bösl ist außerdem als Professor für Digital Sciences, Automation und Leadership an der Hochschule der Bayerischen Wirtschaft (HDBW) tätig. Mit der von ihm gegründeten Robotic & AI Governance Foundation treibt er den interdisziplinären Diskurs über die Auswirkungen von Robotik und Automatisierung auf die Gesellschaft und die Selbstregulierung des Einsatzes disruptiver Technologien voran. Bösl hat ein Diplom in Informatik von der Universität Augsburg und einen MBA-Abschluss von der University of Pittsburgh.

Bild: Micropsi Industries

Prof. Dominik Bösl, Micropsi Ohne Lernaspekt keine KI

26.10.2022

Künstliche Intelligenz als Heilsbringer oder werden immer schlauere Roboter eine Gefahr für die Daseinsberechtigung von Menschen in der Produktion? Was KI in der Robotik überhaupt bedeutet, welche Möglichkeiten und Grenzen es gibt, erläutert der renommierte Robotik-Experte und Geschäftsführer von Micropsi Industries, Prof. Dominik Bösl, im Gespräch mit publish-industry.

KI wird inzwischen sehr inflationär verwendet. Doch wo fängt KI bei Robotik wirklich an?

Der Professor in mir könnte jetzt einen stundenlangen akademischen Vortrag halten, ab wann Künstliche Intelligenz wirklich Künstliche Intelligenz ist (lacht). Zwar sind die Grenzen fließend, aber wie Sie sagen, der Begriff wird zu inflationär verwendet. Selbst statistische Auswertungen bezeichnen manche bereits als KI – was definitiv falsch ist. Aus meiner Sicht muss auf jeden Fall der Lernaspekt dabei sein. Wenn es um neuronale Netze und Deep Learning geht, dann sind das gute Anzeichen, dass wir es wirklich mit maschinellem Lernen zu tun haben und es auch in Richtung Künstliche Intelligenz geht. Ab wann ist die Intelligenz aber nun intelligent? In dem Moment, wo wir es als intelligent wahrnehmen! Wenn der Roboter auf einmal versteht oder vorhersieht, was ich von ihm möchte. Oder wenn ich ihm etwas beibringen kann – dann ist für mich künstliche Intelligenz, zumindest in der Anfangsform, schon gegeben.

Was macht denn eine KI-Lösung für Roboter jetzt konkret intelligent?

Das lässt sich sehr einfach an unserer Künstlichen Intelligenz Mirai erklären: Sie packen den Roboterarm und führen ihn einfach zum Werkstück hin. Wir zeigen dem Roboter seine Aufgabe durch eine Kamera. Dann erfolgt das automatische Training des neuronalen Netzes – und schon hat der Roboter eine neue Fähigkeit gelernt. Und das begeisternde an dieser KI ist, dass diese Fähigkeiten beliebig vielfältig sein können. Alles, was visuell beobachtbar und mit den Händen machbar ist, können wir dem Roboter beibringen. Das kann das Einfädeln von Schnürsenkeln sein, ebenso wie Kabel stecken, Folierapplikationen und Bauteile zusammenbauen. Und genau hier sprechen wir dann von KI, denn der Roboter kann nach einem minimalen Training mit einer Varianz umgehen. Nehmen wir als Beispiel das Einstecken eines Speichermoduls in ein Mainboard. Der Roboter macht nicht einfach nach, was ihm gezeigt wurde. Sondern der Roboter „versteht“, was man von ihm will. Und das zeichnet die Künstliche Intelligenz aus. Die Objekte können beliebig und unvorhergesehen daliegen, der Roboter findet eine Lösung für das korrekte Greifen und Einstecken.

Muss eine „richtige“ KI also mit unvorhersehbarer Varianz umgehen können?

Ja, und zwar ohne bei jeder Veränderung neu trainieren zu müssen! Dem Roboter muss es egal sein, ob das Speichermodul, ein Kabel oder ein Stecker schwarz, gelb, rot, grün oder wie auch immer gefärbt sind. Auch muss der KI egal sein, ob der Stecker USB C oder Micro USB ist. Trotzdem macht das System, was es an einem Beispiel gelernt hat, nämlich in diesem Fall korrekt stecken. Varianz in der Größe und Form sind also kein Problem mehr. Diese Flexibilität ohne aufwendiges Einlernen jeder Variation ist das, was man Künstliche Intelligenz nennen kann. Wenn die Varianz natürlich sehr groß wird, dann müssen auch bei einer KI die Extreme nochmals kurz eingelernt werden. Aber je mehr man der KI zeigt, desto “schlauer” wird sie.

Kommen wir mit KI in der Robotik der Vision der Dark Factory etwas näher…

Die vollautomatisierte Fabrik ohne Licht und ohne Menschen hat sich nirgendwo durchgesetzt. Das wird auch mit KI nicht so schnell passieren. Durch KI können wir Menschen in der Produktion aber entlasten, indem wir sie von repetitiven und oft körperschädigenden Tätigkeiten befreien. Frei gewordene Arbeitszeit kann dann sinnvoller in Kreativität, Erfahrung und Wissen umgesetzt werden. Meiner Einschätzung nach werden selbst in der hochautomatisierten Automotive-Industrie und High Output Automatisierung Menschen weiterhin notwendig sein. Hier sprechen wir vom Überwachen von Prozessen, dem Warten von Maschinen aber eben auch davon, spezielle Aufgaben durchzuführen, die selbst mit wirklich intelligenter Technologie einfach nie abbildbar sein werden. Obwohl ich Informatiker bin, bin ich der festen Überzeugung, Menschen werden in der Produktion immer gebraucht. Und wir wollen sie durch KI auch ehrlich gesagt nicht ersetzen.

Spüren Sie trotzdem viel Skepsis und Ängste bei Menschen in der Produktion, dass Ihnen die KI und Robotik die Daseinsberechtigung wegnehmen könnten?

Glücklicherweise nein! Denn Kunden haben üblicherweise einen Schmerz, ein Problem, wenn sie nach Robotik und Künstlicher Intelligenz fragen. Und wir bieten der Industrie mit unserer KI ein Werkzeug, um ihre Schmerzen zu lindern. Von Berührungsängsten können wir also nicht berichten. Außerdem besteht immer noch eine Begeisterung für die Robotik und deren Möglichkeiten, insbesondere in der Kombination mit einer KI. Dieses Schreckgespenst, Roboter zerstören Arbeitsplätze, hat sich weder wirklich manifestiert noch bestätigt. Wir alle haben mittlerweile verstanden, dass Robotik trotz KI noch viel zu wenig kann, um wirklich eine Gefahr für den Menschen allgemein zu sein. Außerdem fehlen uns überall Arbeitskräfte, wir müssen also weiter automatisieren, und das zu konkurrenzfähigen Preisen, insbesondere auch bei uns in Europa.

Macht KI die Robotik also auch für kleinere Unternehmen bezahlbarer?

Aus unserer Sicht definitiv, wobei wir von Micropsi Industries natürlich nur an der Stellschraube der Intelligenz drehen können. Wir machen also das Gehirn bezahlbar. Und was mich sehr erfreut: Beim Roboterpreis sind wir an einem ähnlichen Scheideweg wie damals, als der PC auf jeden Schreibtisch wanderte und bezahlbar wurde. Statt teurer Mainframe-Systeme, die nur von Experten und mit Spezialwissen bedienbar waren, sind PCs jetzt für jeden erschwinglich und ohne große Kenntnisse nutzbar. Das passiert auch mit der Robotik, die früher nur in teuren Fabrikanlagen vorzufinden war, bald aber in viele Einzelarbeitsplätze Einzug halten wird. Und das sehr erschwinglich und dank KI sehr einfach und flexibel einsetzbar.

Wo sehen Sie derzeit die Grenzen des Machbaren bei der KI für Robotik?

Was wir definitiv noch nicht erreicht haben und auch so schnell nicht erreichen werden, ist die Jagd nach diesem Einhorn. Also der Wunsch nach der generellen KI, die alles weiß, alles kann und alles versteht. Eine KI, die selbst absolut unbekannte Objekte handhaben kann und dann genau weiß, was damit zu tun ist – also quasi komplett das Verhalten von Menschen imitiert. So eine Intelligenz gibt es noch nicht einmal in den Laboren und sie wird noch eine sehr lange Zeit auf sich warten lassen.

Was ist Ihr Ziel, was möchten Sie in der Robotik mit KI noch erreichen?

Ich glaube, dass Robotik und KI die Welt wirklich besser machen können. Meiner Überzeugung nach werden unsere Enkelkinder als erste Generation von „Robotic Natives“ aufwachsen. Wir haben es jetzt die nächsten Jahrzehnte in der Hand, diese Zukunft zu gestalten und Lösungen dafür zu entwickeln. Und dafür möchte ich gerne Verantwortung übernehmen und dazu beitragen, dass wir sinnvolle Robotik für Menschen auf den Weg bringen – und nicht Robotik gegen Menschen, um diese zu ersetzen.

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