Die Elektrifizierung schwerer Nutzfahrzeuge schreitet in Europa immer weiter voran. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur und der Netzkapazitäten hinkt jedoch bislang hinterher. In diesem Kontext liefert der neue Bericht „Spatiotemporal Analysis of Electric Truck Charging Demand in Europe“ detaillierte Analysen zur räumlichen Verteilung des Ladebedarfs batterieelektrischer Lkw in den 27 EU-Mitgliedstaaten sowie in Großbritannien, Norwegen und der Schweiz. Dabei wird sowohl das Laden im Depot als auch das öffentliche Laden unterwegs berücksichtigt. Der Bedarf wird auf einem Raster mit einer räumlichen Auflösung von rund 17 mal 20 km und in 15-min-Intervallen über den Zeitraum einer Woche modelliert.
Ladebedarf nimmt erheblich zu
Die Ergebnisse zeigen, dass der Ladebedarf batterieelektrischer Lkw in allen untersuchten Szenarien erheblich zunimmt. In einem Szenario mit günstigen politischen Rahmenbedingungen zur Verbreitung batterieelektrischer Lkw erreicht der jährliche Ladebedarf in Europa bis 2035 rund 100 TWh und steigt bis 2045 auf etwa 200 TWh. Der höchste Bedarf wird in großen Güterverkehrsmärkten wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien erwartet.
Dr.-Ing. Steffen Link, Wissenschaftler am Fraunhofer ISI und Hauptautor des Berichts, erklärt: „Unsere Analyse zeigt, dass der Ladebedarf für Elektro-Lkw in Europa nicht gleichmäßig über Länder und Regionen verteilt entstehen wird. Vielmehr konzentriert er sich auf bestimmte Güterverkehrskorridore, Industriestandorte und Logistikzentren. Beim Ausbau der Infrastruktur und bei der Netzplanung sollten deshalb jene Gebiete im Mittelpunkt stehen, in denen der Bedarf besonders sicher und hoch ist. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die dafür notwendige Netzinfrastruktur mit dem raschen Umstieg auf batterieelektrische Lkw nicht Schritt hält.“
Fernverkehr braucht öffentliche Ladepunkte
Ein zentrales Ergebnis des Berichts ist, dass das Depotladen in allen Ländern und Szenarien dominiert. In den meisten Fällen macht es mehr als 70 bis 80 Prozent des gesamten Ladebedarfs aus. Gleichzeitig bleibt das öffentliche Laden unterwegs für den Fernverkehr von großer Bedeutung und kann in einigen kleineren Transitländern 30 bis 50 Prozent des gesamten Ladebedarfs ausmachen.
Die Studie macht zudem deutlich, dass sich der Ladebedarf in Europa regional stark unterscheidet. Nationale Güterverkehrsstrukturen, geografische Gegebenheiten und die Zusammensetzung der Fahrzeugflotten führen zu stark unterschiedlichen räumlichen Bedarfsmustern und Ladeprofilen. Einheitliche Infrastrukturstrategien für ganz Europa dürften daher nicht ausreichen.
Wenige Standorte tragen den Großteil des Ladestroms
Ein weiteres wichtiges Ergebnis zeigt, dass sich der Ladebedarf stark auf wenige Gebiete konzentriert. In vielen Ländern steht nur ein Prozent der Standorte für rund ein Viertel bis ein Drittel des gesamten Ladestrombedarfs. Die obersten zehn Prozent der Standorte vereinen zwischen 60 und 90 Prozent des nationalen Ladebedarfs auf sich. Der Ladebedarf von Elektro-Lkw konzentriert sich somit auf eine vergleichsweise kleine Zahl von Standorten, insbesondere entlang wichtiger Güterverkehrskorridore, an Autobahnkreuzen sowie in Ballungsräumen und Industriezentren.
Hussein Basma, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim ICCT und Mitautor des Berichts, sagt: „Für den Übergang hin zu emissionsfreien Lkw reichen pauschale Infrastrukturziele nicht aus. Politik und Infrastrukturbetreiber benötigen ein wesentlich genaueres Verständnis davon, wo Ladebedarf entsteht und wie er sich im Zeitverlauf verändert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Lademöglichkeiten an lediglich den wichtigsten zehn Prozent der Standorte bis zu 90 Prozent des gesamten Ladebedarfs elektrischer Lkw in Europa abdecken könnten. Die Identifikation dieser prioritären Standorte ermöglicht eine vorausschauende und wirksame Netzplanung.“
Die Studie weist außerdem auf erhebliche lokale Spitzenlasten hin. In größeren Ländern mit hohem Güterverkehrsaufkommen erreichen die am stärksten belasteten Gebiete häufig Spitzenwerte zwischen 20 und 50 MW. Dies betrifft vor allem Regionen mit einer hohen Dichte an Logistikzentren. Nach Einschätzung der Autoren verdeutlichen die Ergebnisse, dass künftige Herausforderungen für die Stromnetze zunächst an einzelnen Hotspots und nicht gleichmäßig über die nationalen Stromsysteme verteilt auftreten werden.
Gezielt planen statt pauschal ausbauen
Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass sich der künftige Infrastrukturausbau auf prioritäre Standorte, flexible und vorausschauende Netzausbaupläne sowie passgenaue nationale Strategien konzentrieren sollte. Die Autoren empfehlen insbesondere, das Laden in Depots als Rückgrat der Ladeinfrastruktur für batterieelektrische Lkw zu fördern und zugleich in Transitregionen eine gezielte öffentliche Ladeabdeckung sicherzustellen.