USA verlieren als Wachstumsmarkt – Europa und Asien rücken vor

Das neue Top‑Risiko im Export: Geopolitik schlägt Lieferkette

Die Mehrheit der Exporteure erwartet für das Jahr 2026 Wachstum. Gleichzeitig nehmen die geopolitischen Risiken, Lieferkettenprobleme und der Druck in der Handelsfinanzierung durch längere Zahlungszyklen zu.

Bild: iStock, Abscent84
13.04.2026

Trotz des Nahostkonflikts rechnen 83 Prozent der deutschen Unternehmen mit Exportwachstum. Der Konflikt drückt zwar die Zuversicht, hat aber nicht die Auswirkungen wie der Zollschock 2025. Die Mehrheit der Exporteure bleibt auf Wachstumskurs.

Trotz eines Jahres Handelskrieg, einer veränderten Risikolandschaft und des Nahostkonflikts bleiben die weltweiten und insbesondere die deutschen Exporteure relativ widerstandsfähig. Zu diesem Ergebnis kommt die fünfte Auflage des „Allianz Trade Global Survey 2026“. Für die Studie hat der Kreditversicherer Allianz Trade im Februar und März 2026 in zwei Wellen rund 6.000 Unternehmen in insgesamt 13 Märkten zu ihren Erwartungen bei Exporten, Welthandel und Lieferketten befragt.

„Die ‚Allianz Trade Global Survey‘ zeigt, dass 75 Prozent der Exporteure für 2026 weiterhin ein positives Exportwachstum erwarten“, sagt Aylin Somersan Coqui, CEO von Allianz Trade. „Die Auswirkungen des Nahostkonflikts scheinen sich demnach in Grenzen zu halten (-6 Prozentpunkte, in Deutschland -1 Prozentpunkte), insbesondere im Vergleich zum Zollschock von 2025, als die Erwartungen um 40 Prozentpunkte zurückgingen. Dennoch ist dieser Optimismus fragil und könnte schnell schwinden, sollte sich der Konflikt hinziehen.“

Tatsächlich haben vietnamesische, amerikanische und spanische Unternehmen aufgrund des Konflikts jeweils mehr als 10 Prozentpunkte an Zuversicht eingebüßt, bei chinesischen Unternehmen waren es 9 Prozentpunkte.

Geopolitik wird Top‑Risiko – Zahlungsziele geraten unter Druck

„Der Konflikt machte geopolitische und politische Risiken für 65 Prozent der globalen Unternehmen zur weltweit größten Bedrohung und verdrängte damit die Komplexität und Konzentration der Lieferketten (45 Prozent), die 2025 inmitten des Handelskriegs das Hauptanliegen waren“, sagt Somersan Coqui. „Versorgungsbezogene Probleme, wie Lieferausfälle und Engpässe bei Vorleistungen, stiegen auf den zweiten Platz (57 Prozent). Allerdings sind weniger als ein Viertel der Unternehmen besorgt über die Auswirkungen des Konflikts auf Energie und Schifffahrt: Entweder sind die Unternehmen zuversichtlich hinsichtlich ihrer Bewältigungsmechanismen oder sie gehen davon aus, dass der Konflikt nur von kurzer Dauer sein wird.“

Trotz dieser Widerstandsfähigkeit verschärft der Nahostkonflikt die Bedingungen für die Handelsfinanzierung. Die Zahlungszyklen haben sich verlängert und der Anteil der Unternehmen, die ihr Geld innerhalb von 30 Tagen erhalten, ist seit Beginn des Konflikts von 10 auf 7 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist der Anteil derer, die länger als 70 Tage auf ihr Geld warten müssen, von 15 auf 24 Prozent gestiegen.

Mit Blick auf die Zukunft erwarten 43 Prozent der globalen Unternehmen eine weitere Verschlechterung der Zahlungsbedingungen (+5 Prozentpunkte gegenüber der Zeit vor dem Konflikt). Auch das Zahlungsausfallrisiko hat sich verschlechtert: Der Anteil der Unternehmen, die ein höheres Risiko erwarten, ist weltweit auf 40 Prozent gestiegen (+6 Prozentpunkte gegenüber der Zeit vor dem Konflikt). Am stärksten betroffen sind die Sektoren Pharmazeutika, Bauwesen sowie Computer/Telekommunikation, während größere Unternehmen mit unverhältnismäßig längeren Zahlungszyklen konfrontiert sind.

Deutsche Exporteure bei Wachstum optimistischer

In den aktuell sehr herausfordernden Zeiten bleiben deutsche Exporteure überraschend optimistisch: Trotz der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten rechnen acht von zehn Unternehmen (83 Prozent) mit steigenden Exportumsätzen. Damit sind sie zuversichtlicher als ihre Pendants weltweit (75 Prozent). Die meisten deutschen Unternehmen (41 Prozent) erwarten in den kommenden zwölf Monaten ein moderates Exportwachstum von 2 bis 5 Prozent.

Gleichzeitig sind die deutschen Exporteure in Bezug auf den US-Handelskrieg pessimistischer als direkt nach dem „Liberation Day“: Rund die Hälfte der Unternehmen (49 Prozent, +2 Prozentpunkte) erwartet auch 2026 negative Folgen. Damit sind sie deutlich skeptischer als ihre europäischen Pendants (39 bis 44 Prozent). Nur chinesische Unternehmen sind mit 50 Prozent noch pessimistischer.

„Der Widerstandsfähigkeit der deutschen Exporteure stehen große Risiken gegenüber“, sagt Dr. Björn Griesbach, Leiter der Abteilung Makroökonomie und Kapitalmarktforschung bei Allianz Trade. Angesichts des US-Handelskriegs und der Eskalation im Nahen Osten sind geopolitische Unsicherheiten (67 Prozent) wenig überraschend erneut das Top-Risiko, das deutsche Exporteure um den Schlaf bringt, gefolgt von Lieferkettenrisiken. Fast die Hälfte der deutschen Exportunternehmen geht zudem von einer schlechteren Zahlungsmoral (47 Prozent) und steigenden Zahlungsausfällen (40 Prozent) aus.“

Unsicherheit als „neues Normal“ – Deutsche warten erst einmal ab

Aktuell warten deutsche Unternehmen ab, bevor sie drastische Maßnahmen ergreifen. Seit der Pandemie sahen sie sich mehreren aufeinanderfolgenden Krisen gegenüber. Das hat ihre Widerstandsfähigkeit gestärkt, sodass sie sich nun offenbar besser gewappnet fühlen, den neuen Herausforderungen zu begegnen.

„Geopolitische Unsicherheiten sind die neue Normalität – und deutsche Exportunternehmen zeigen sich nach einem erneuten Schock relativ widerstandsfähig“, sagt Griesbach. „Dass sie flexibel auf neue Herausforderungen reagieren können, haben sie schon seit Beginn des Handelskriegs bewiesen. Acht von zehn Unternehmen (80 Prozent) haben seitdem ihre Handelsrouten und Lieferketten angepasst. Allerdings erwarten angesichts der drohenden Exportverluste und des zunehmenden Wettbewerbs aus China knapp die Hälfte der Unternehmen (49 Prozent) weiterhin negative Folgen und denken deshalb über weitere Anpassungen von Warenströmen nach (47 Prozent).“

Im Fokus der geplanten Maßnahmen als Reaktion auf geopolitische Unsicherheiten stehen das sogenannte „Friendshoring“, also der Ausbau von Marktanteilen in geopolitisch „befreundeten“ Ländern (52 Prozent), die Entwicklung neuer Produkte (51 Prozent) sowie die Stärkung von lokalen Partnerschaften und dem eigenen Risikomanagement (je 50 Prozent). Etwa 40 Prozent der befragten deutschen Exportunternehmen überdenken oder verzögern zudem Pläne für Produktionsstätten im Ausland.

Unternehmen setzen weltweit auf Lagerbestände und Diversifizierung

Seit Beginn des Handelskriegs im Jahr 2025 haben globale Unternehmen Strategien zur Risikominderung umgesetzt, um sich an das neue Umfeld anzupassen. Unternehmen mit vergleichsweise langen Lieferketten haben am schnellsten reagiert: Sie beziehen deutlich häufiger von neuen Lieferanten und leiten Lieferwege um als der Gesamtdurchschnitt.

Die weltweit insgesamt gängigsten Bewältigungsmechanismen sind der Aufbau von Lagerbeständen (64 Prozent, in Deutschland 60 Prozent), die Diversifizierung in neue Märkte (64 Prozent, in Deutschland 52 Prozent) und die Beschaffung bei neuen Lieferanten (63 Prozent, in Deutschland 55 Prozent). Dies deutet auf breit angelegte Bemühungen hin, sowohl das Nachfrage- als auch das Angebotsrisiko zu verringern. Es folgt die Umleitung über Drittmärkte (57 Prozent, Deutschland: 50 Prozent), was bestätigt, dass Unternehmen auch ihre Logistik anpassen, um Handelskonflikte zu umgehen.

„Seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten suchen mehr als die Hälfte (50 Prozent, in Deutschland 43 Prozent) der Unternehmen nach alternativen Transportrouten oder Spediteuren, insbesondere in Vietnam“, sagt Ano Kuhanathan, Leiter der Unternehmensanalyse bei Allianz Trade. Die zweitbeliebteste Strategie ist die Zusammenarbeit mit Zollagenten zur Beschleunigung der Zollabfertigung (50 Prozent, Deutschland: 51 Prozent), vor allem in Vietnam (64 Prozent) und Indien (56 Prozent). An dritter Stelle steht die Anpassung der Lieferpläne für 48 Prozent der Unternehmen (in Deutschland sind es 40 Prozent), vor allem in Frankreich, Brasilien, Indien, Großbritannien und den USA. Im Gegensatz dazu bleiben Änderungen an den Incoterms mit 36 Prozent (Deutschland: 40 Prozent) eher begrenzt, was darauf hindeutet, dass vertragliche Anpassungen hinter den operativen zurückbleiben.“

Europa und Asien entwickeln sich zu den Wachstumsregionen

Der Handelskrieg hat die Attraktivität der USA als Exportmarkt gemindert. Nur 13 Prozent (in Deutschland 12 Prozent) betrachten die Vereinigten Staaten als Wachstumsmarkt für Exporte. Vor dem Hintergrund der Umstrukturierung der Lieferketten und der jüngsten Freihandelsabkommen rücken Europa und Asien in den Fokus, da Unternehmen zunehmend Stabilität und Marktöffnung suchen.

Das Interesse an Europa als Exportziel hat auf breiter Front zugenommen. Den stärksten Anstieg verzeichnen Exporteure aus Singapur (+10 Prozentpunkte gegenüber 2025) und den USA (+9 Prozentpunkte gegenüber 2025). Asien bleibt insgesamt das bevorzugte Offshore-Ziel, obwohl die Attraktivität Chinas als Investitionsstandort eingebrochen ist. Nur 23 Prozent der Unternehmen (Deutschland: 28 Prozent) planen, ihre Präsenz dort auszubauen, während 10 Prozent aktiv einen Rückzug planen.

„Wachstumschancen werden durch eine Welle neuer Handelsabkommen gestützt: 93 Prozent der Unternehmen (Deutschland: 95 Prozent) planen eine Expansion im Rahmen kürzlich unterzeichneter Freihandelsabkommen wie Indien-EU und MERCOSUR-EU, wobei Indien, Brasilien, Vietnam und Frankreich als vorrangige Märkte in den Vordergrund treten. Dennoch bleibt das volle Potenzial dieser Abkommen eingeschränkt: Nichttarifäre Handelshemmnisse, insbesondere Lizenz- und Zertifizierungsanforderungen, sind weiterhin das dominierende Hindernis, das Unternehmen daran hindert, den durch Handelsabkommen ermöglichten Marktzugang in tatsächliches Exportwachstum umzuwandeln“, sagt Ana Boata, Head of Economic Research bei Allianz Trade.

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