Biogaspotenzialen in der Kraftwerksstrategie

Biogas rettet die Energiewende – aber zu welchem Preis?

Strom aus Biogas ist eine sinnvolle Ergänzung zu Erdgaskraftwerken.

Bild: Paul Trainer/DBFZ
28.06.2026

Biogas gilt als klimafreundliche Antwort auf Dunkelflauten und könnte neue Erdgaskraftwerke überflüssig machen. Das klingt ideal, doch das UFZ und das DBFZ haben nachgerechnet – und die dabei herausgekommene Zahl dürfte die Energiepolitik aufschrecken.

Die Bundesregierung plant zur Sicherung der zukünftigen Stromversorgung die Finanzierung neuer Erdgaskraftwerke mit einer Leistung von 9 GW. Studien haben in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass klimafreundlicher Strom aus Biogas neue Erdgaskraftwerke ersetzen kann. Ein jetzt veröffentlichtes Positionspapier des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBFZ) zeigt, dass mehr Biogas sinnvoll ist. Ein völliger Verzicht auf neue Erdgaskraftwerke würde jedoch die Energiewende verteuern.

Dunkelflauten fordern flexible Lösungen

Die Energiewende in Deutschland wird maßgeblich durch Wind- und Solarenergie vorangetrieben. Zur Überbrückung möglicher Dunkelflauten sind jedoch zusätzliche Technologien und Maßnahmen erforderlich. Neben Energiespeichern und Mechanismen zur Anpassung der Stromnachfrage werden flexible Erdgaskraftwerke diskutiert, die zukünftig mit Wasserstoff betrieben werden können. Während der Bedarf an flexiblen Lösungen allgemein anerkannt ist, gehen die Schätzungen zum Bedarf an neuen Erdgaskraftwerken auseinander. Gründe hierfür sind die hohen Kosten für den Bau neuer Kraftwerke und die damit verbundene Nutzung von klimaschädlichem Erdgas, was entsprechende Nachteile für die Energieversorgungssicherheit mit sich bringt. Auch die ungewisse zukünftige Verfügbarkeit von Wasserstoff ist eine Hypothek für den klimafreundlichen Betrieb solcher Kraftwerke.

Biogas-Potenzial mit Preisschild

Ein gemeinsames Positionspapier des UFZ und des DBFZ zur Kraftwerkstrategie der Bundesregierung zeigt vor diesem Hintergrund auf, dass Biogas eine stärkere Rolle auf sogenannten Kapazitätsmärkten übernehmen sollte. Laut den Expertinnen und Experten von UFZ und DBFZ wäre es technisch möglich, auf neue Erdgaskraftwerke ganz zu verzichten, wenn die vorhandenen Biogasanlagen erweitert würden. Allerdings legen aktuelle Modellergebnisse nahe, dass ein solcher Schritt bis zum Jahr 2030 Mehrkosten von mehr als fünf Milliarden Euro verursachen könnte – selbst wenn die Klimavorteile von Biogasanlagen berücksichtigt werden. Würde Erdgas beziehungsweise Wasserstoff im Stromsektor langfristig vollständig durch Biogas ersetzt, könnten die kumulierten Mehrkosten auf bis zu 46 Milliarden Euro ansteigen, da die knappe Biomasse dann auch in anderen Sektoren für den Klimaschutz fehlen würde.

„Biogasanlagen können den Bedarf an neuen Erdgaskraftwerken zwar senken, sollten diese aber nicht vollständig ersetzen. Beide Optionen ergänzen sich eher. Wenn wir im Stromsektor zu viel Biomasse nutzen, fehlt sie zum Beispiel im Verkehr oder in der Chemieindustrie – das macht den Klimaschutz insgesamt deutlich teurer“, so Prof. Dr. Daniela Thrän vom UFZ. Harry Schindler vom DBFZ sieht das ähnlich: „Biogas ist ein wichtiger Baustein für die Energiewende im Stromsektor. Bioenergie kann die großen Herausforderungen dort aber nicht allein bewältigen, wenn wir die Kosten im Blick behalten wollen. Wir brauchen also auch neue Kraftwerke, die übergangsweise Strom mit Erdgas und langfristig aus Wasserstoff erzeugen.“

Strategie muss regelmäßig neu bewertet werden

Die Autorinnen und Autoren des Positionspapiers betonen jedoch auch, dass die Ergebnisse stark von den Annahmen zur zukünftigen Verfügbarkeit von Wasserstoff abhängen. Wenn dieser Energieträger langfristig nicht im heute erwarteten Umfang zur Verfügung steht, kann eine stärkere Rolle von Biogasanlagen im Stromsektor sinnvoll sein. Die Politik sollte ihre Strategie für Kapazitätsmärkte daher regelmäßig neu evaluieren und bei Bedarf den Beitrag von Biogas zur Stromerzeugung noch stärker ausbauen.

Verwandte Artikel