Harald Schöppner, Head of Engineering bei Jumo, verrät im Interview mit der P&A unter anderem, wie es zu dem ungewöhnlichen Namen Jupiter für das Automatisierungssytem kam.

Bild: Jumo

Interview über Jumos Automatisierungsplattform „Wir werden mit Jupiter flexibler“

10.09.2019

Mit Jupiter hat Jumo eine modulare Hard- und Softwareplattform vorgestellt. Wie es zu diesem Namen kam, was es mit dem Begriff modularer Querbaukasten auf sich hat und welche Vorteile das Konzept für die Kunden mit sich bringt, erläutert Harald Schöppner, Head of Engineering bei Jumo.

Kürzlich haben Sie die Jupiter-Plattform vorgestellt. Worum handelt es sich hierbei?

Jupiter ist eine modulare, flexible und vor allen Dingen zukunftsfähige Hardware-Plattform, kombiniert mit einer modernen Software-Architektur.

Wie kam es zu diesem eher ungewöhnlichen Namen?

Das war ursprünglich eigentlich nur der Arbeitstitel. Jupiter ist ja nicht nur der Name des größten Planeten des Sonnensystems, sondern auch der des römischen Göttervaters. Jupiter sollte von Anfang an so etwas wie das Kernstück unserer zukünftigen Technologieentwicklung sein und dabei die Hauptrolle spielen. Der Arbeitstitel hat sich im Laufe der Zeit dann verselbstständigt, passt aber nach wie vor perfekt zur Philosophie, die dahintersteckt.

Welche Vorzüge bringt der Plattformansatz mit sich?

Da gibt es eine ganze Reihe von Vorteilen. So können wir zukünftig kürzere Entwicklungszeiten realisieren, da wir nur noch mit einer modularen Plattform arbeiten und nicht mehr in verschiedenen Umgebungen, die sich teilweise über Jahre hinweg parallel entwickelt haben. Jede dieser Lösungen hatte für sich alleine perfekt funktioniert, aber der Aufwand, alle diese Entwicklungsumgebungen aktuell zu halten, war sehr hoch. Wir werden mit Jupiter auch wesentlich flexibler. Denn neue Funktionalitäten und Technologien können kurzfristig in die Jupiter-Plattform integriert und branchenspezifische Lösungen so effizient realisiert werden.

Wann haben Sie mit der Entwicklung von Jupiter angefangen und wie kam es überhaupt dazu?

Jumo Jupiter ist auf Basis eines Kundenprojekts entstanden. Ein Anlagenbauer aus der Lebensmittelindustrie nutzt bereits seit vielen Jahren unser Automatisierungssystem Jumo mTron T zur Steuerung von Koch- und Räucheranlagen. Gemeinsam mit dem Jumo-Engineering-Team sollte für die nächste Generation von Geräten eine völlig neue Steuerung realisiert werden. Wir haben aber recht schnell gemerkt, dass das mit dem bisherigen System nicht realisierbar ist, und haben deshalb entschieden, eine gänzlich neue, zukunftssichere Lösung zu entwickeln, von der auch weitere Jumo-Produkte profitieren könnten. Begonnen haben wir mit der Entwicklung von Jumo Jupiter im Jahr 2016; 2019 wurde das Kundenprojekt dann auf der IFFA präsentiert.

Mit dem Varitron 500 steht auch schon das erste Produkt in den Startlöchern…

Das Varitron-System wird der Nachfolger des Automatisierungssystems Jumo mTron T und basiert als erstes Produkt komplett auf der neuen Jupiter-Plattform. Bei Varitron 500 handelt es sich um die Zentraleinheit des neuen Systems. Besonderen Wert haben wir bei der Entwicklung auf eine hohe Geschwindigkeitsperformance, eine sehr gute Skalierbarkeit und eine flexible Bedienphilosophie gelegt. In nächster Zeit werden wir Stück für Stück weitere Varitron-Module entwickeln.

Sie bezeichnen Jupiter auch als modularen Querbaukasten. Was verstehen Sie darunter?

Der Begriff des modularen Querbaukastens stammt aus der Automobilindustrie und bezeichnet dort eine zentrale Baugruppe, auf der ganz viele verschiedene Modelle einer Marke entwickelt werden. Auf genau diese Weise wird die Jupiter-Plattform zur Grundlage für alle zukünftigen Jumo-Produkte aus den Bereichen Regeln, Registrieren, Automatisieren und Überwachen dienen. Die Bandbreite reicht hier von Bildschirmschreibern über Prozess- und Programmregler bis zu Sicherheitsbegrenzern. Solange bestehende Produkte allerdings die Marktanforderungen gut erfüllen, werden diese nicht umgestellt.

Auf welche Schnittstellen setzen Sie bei der Konnektivität?

Beim Thema Konnektivität zeigt sich sehr gut der modulare Gedanke der Jupiter-Plattform. Bis zu elf externe und fünf interne Schnittstellen sind auf der Plattform möglich. Dabei wurden alle derzeit gängigen Standards wie Ethernet, CAN, USB, HDMI, I2C oder SATA berücksichtigt. Das Prinzip wurde ebenfalls bei der Gestaltung der Software weiterverfolgt. Neben WLAN und Bluetooth können auch moderne Cloud-Lösungen problemlos realisiert werden, da die Anforderungen des MQTT und OPC UA berücksichtigt worden sind.

Verändert das neue Konzept die Art und Weise, wie Sie neue Produkte entwickeln?

Der Plattformgedanke spielt natürlich auch in anderen Bereichen eine wichtige Rolle. Auch bei Sensoren stellen wir uns immer mehr die Frage, wie wir modular und damit flexibel und kostenbewusst Produkte entwickeln können.

Jupiter umfasst sowohl Hard- als auch Software. Wie gelingt es, beides immer auf dem neuesten Stand zu halten?

Da kommt das Thema Skalierbarkeit ins Spiel. Die Flexibilität der Jupiter-Plattform beginnt schon bei der Hardware, bei der ein 800-MHz-Prozessor je nach Anwendung als Single-, Dual- oder Quad-Core-Variante eingesetzt werden kann. Das CPU-Modul ist steckbar. Leistungsstärkere oder leistungsschwächere Prozessoren können damit je nach Kundenanforderungen verwendet werden. Der Arbeitsspeicher kann zwischen 8 und 32 GB groß sein. Auch mit der Software ist der Anwender optimal für die Zukunft gerüstet, denn dort kommt eine Linux-Umgebung zum Einsatz. Diese Open-Source-Software ermöglicht enorme Freiheitsgrade, und Anwender können das System komplett frei gestalten. Linux ermöglicht weiterhin eine sehr gute Skalierbarkeit der Performance, Speicher und Schnittstellen. Wir sind damit sicher, die Plattform in den nächsten Jahren immer auf dem technischen Stand der Zeit halten zu können.

Welche Vorteile bringt das Baukastenprinzip denn für Ihre Kunden?

Der Modulgedanke macht das System wesentlich anwenderfreundlicher und auch individualisierbarer. So wurde unter anderem das Setup-Programm für das Jumo-Automatisierungssystem komplett überarbeitet. In dieses wurde ein kundenspezifischer Konfigurations- und Prozess-Dateneditor integriert. Dieser ermöglicht es dem Endanwender, die Benutzeroberfläche mithilfe eines Web-Portals weitgehend nach seinen Anforderungen zu gestalten. Das betrifft zum Beispiel verschiedene Sprachvarianten und reicht bis zu kompletten Bedienstrukturen.

Haben Sie schon erstes Feedback von Ihren Kunden erhalten?

Das System wurde ja erst vor wenigen Monaten präsentiert, von daher ist es für ein breites Feedback noch zu früh. Der Kunde, mit dem die Jupiter-Plattform entwickelt wurde, ist aber mehr als zufrieden.

In Ihrem Kundenmagazin sagen Sie, mit der Jupiter-Plattform würden die Weichen für die digitale Zukunft der Industrie gestellt. Was meinen Sie mit dieser Aussage?

Die Digitalisierung wird gravierende Auswirkungen auf die Automatisierungsbranche haben. Kürzere Innovationszyklen, neue Geschäftsmodelle und steigende Kundenanforderungen stellen die Hersteller von Mess-, Regel- und Automatisierungstechnik vor völlig neue Herausforderungen. Jupiter ist unsere Antwort darauf: Die Plattform ermöglicht kürzere Startzeiten, höhere Prozessorgeschwindigkeiten und eine deutlich gestiegene Flexibilität. Auch die Konnektivität im Zusammenspiel mit Fremdsteuerungen oder zu bestehenden Jumo-Produkten, wie zum Beispiel digitalen Sensoren, wird verbessert. Neue Funktionalitäten und Technologien können kurzfristig in die Plattform integriert und branchenspezifische Lösungen so effizient realisiert werden. Damit tragen wir dem Trend zur Digitalisierung Rechnung.

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