Bei derart großen Intralogistiksystemen müssen die Monteure von PSB tausende Kabel verlegen – an der Fördertechnik, den Regalbediengeräten und den Arbeitsplätzen.

Bild: PSB

Leitungen einfacher abisolieren Wie Kabel ihre Hüllen fallen lassen

19.11.2018

Beim Bau großer Intralogistikanlagen müssen tausende Kabel verlegt werden. Doch das Abmanteln der Leitungen kostet die Monteure Zeit und Material, da oft genug Adern beschädigt werden. Das liegt vor allem am störrischen Material des Mantels. Ein Intralogistikanbieter und sein langjähriger Lieferant haben deshalb gemeinsam ein Kabel entwickelt, dessen neue Materialmischung nun ein problemloses Abisolieren ermöglicht.

Rund 4.000 bis 5.000 Anschlussleitungen sind für den Bau eines durchschnittlichen Intralogistiksystems notwendig. Das ergibt im Jahr schnell mehrere zehntausend Kabel, die in Maschinen, an Antrieben und Sensoren angebracht werden müssen. Dazu muss meist ein Ende der Anschlussleitung von ihrem Mantel getrennt werden, um es an eine Steuerung anschließen oder in einen Schaltschrank einziehen zu können. Geht das nicht schnell und einfach von der Hand, verliert der Monteur viel Zeit; schlimmstenfalls beschädigt er auch noch das Kabelinnere. Das sorgt für Materialverlust und Verzögerungen bei der Montage oder – was weitaus problematischer ist – es wird womöglich unwissentlich eine beschädigte Leitung verlegt, die später einen Defekt verursachen könnte. Wie aber lässt sich diese Fehlerquelle entschärfen?

„Das Abmanteln der Kabel war schon immer ein Thema. Deshalb haben wir die Köpfe mit unserem langjährigen Partner Escha zusammengesteckt, um herauszufinden, wie wir gemeinsam eine Leitung entwickeln können, die die Monteure schnell und sicher abisolieren können“, berichtet Andreas Lambrecht, verantwortlich für die Projektabwicklung bei PSB Intralogistics, über die Absicht, den Bau von Intralogistikanlagen effizienter zu gestalten. Denn das Familienunternehmen aus Rheinland-Pfalz ist auf die automatisierte Intralogistik spezialisiert. Angesichts der umfangreichen Projekte ist jeder Material- und vor allem Zeitverlust beim Bau von Logistikanlagen hinderlich für den Mittelständler.

Hohe Fertigungstiefe bei Logistiksystemen

Im Pirmasenser Hauptsitz fertigt PSB dabei nicht nur sämtliche Komponenten selbst – wie zum Beispiel fahrerlose Transportsysteme, die Fördertechnik und Regalbediengeräte –, sondern plant und realisiert vor allem kundenindividu­elle Gesamtsysteme für die Materialflüsse innerhalb eines Betriebs. Außerdem übernimmt das Unternehmen die Programmierung der Steuerung sowie die Implementierung der dazugehörigen Software samt ERP-Anbindung. Zu den Kunden zählen Firmen wie
Lenze, ZF Friedrichshafen, SEW-Eurodrive und
die Maschinenfabrik Rheinhausen; bis auf die Bereiche Chemie, Schüttgut und unverpackte Lebensmittel konzipiert PSB branchenübergreifend Intralogistiklösungen. Große Nachfrage gibt es derzeit vor allem aufgrund des boomenden Onlinehandels. „Wir haben viele Unternehmen, die mit dem E-Commerce so gewachsen sind, dass sie nun automatisieren müssen, um ihr Geschäft weiter erfolgreich betreiben zu können“, berichtet Andreas Lambrecht. Entsprechend wichtig ist daher auch die umfassende Beratung der Kunden.

Die Anforderungen eines jeden Kunden sowie die jeweiligen Begebenheiten vor Ort sind stets unterschiedlich, so dass es nicht die eine standardisierte Intralogistikanlage geben kann. Das hat auch Auswirkungen auf die verwendete Anschlusstechnik, wie Andreas Lambrecht erklärt: „Wir setzten vor allem Kabel ein, die nur auf einer Seite konfektioniert sind. Wir können bei den Anlagen, die wir hier bauen, keine Leitungslänge bestimmen, weil diese jedes Mal anders ausfällt. Die Leitungen müssen wir immer wieder neu anpassen und wir müssen immer irgendwo einen Stecker montieren können.“

Anhangkräfte verhindern leichtes Abmanteln

Insbesondere wenn es darum geht, die Sensoren und Maschinen mit den Steuerungen im Schaltschrank zu verbinden, wird dieser Arbeitsschritt wegen des störrischen Materials mühsam. Die Kabel bestehen in der Regel aus einem Mantel aus Polyurethan (PUR) sowie aus einer Litze aus Polypropylen (PP). PUR bringt dabei viele positive Eigenschaften mit sich: So sind Kabel aus diesem Material sehr zugfest, beständig gegenüber Abrieb und Torsion; zudem bleiben sie auch bei niedrigen Temperaturen noch flexibel. Dadurch eignen sich solche Kabel bestens für den Einsatz in Industrieumgebungen, beispielsweise in Schleppketten.

Die Eignung für die Automatisierungstechnik bestätigt auch Marc Osten, Vertriebsaußendienst bei Escha. Er schränkt allerdings ein: „Die Anhangkräfte zwischen Mantel und Litze sind auf der anderen Seite relativ groß – gerade wenn man mehr als zehn Zentimeter abmanteln möchte.“ Deshalb bringen Kabelhersteller dort Talkum ein, um das Ablösen des Mantels zu vereinfachen. Dieser Prozess ist aber nicht linear. Folglich gibt es Stellen, an denen sich der Mantel leicht ablösen lässt, während er an anderen Punkten kaum abzubekommen ist. Da die Arbeiter oftmals bis zu zwei Meter abmanteln müssen, wird das Abisolieren schnell langwierig. Diese Schwierigkeiten trug PSB an seinen langjährigen Lieferanten Escha mit dem Wunsch heran, die Entwicklung einer neuen Materialmischung anzustoßen.

Langjährige Partnerschaft

Die Zusammenarbeit mit dem Experten für Steckverbinder- und Gehäusetechnik hat bereits im Jahr 2013 begonnen. Damals stellte PSB auf die Anschlusstechnik von Escha mit S370-Leitung um. In den folgenden Jahren entwickelte sich aus der Lieferanten­beziehung schnell eine enge Partnerschaft. Inzwischen kommen zahlreiche Produkte des Unternehmens aus Halver in den Anlagen von PSB zum Einsatz. Neben Y-Verteilern und Adaptern sind das vor allem zahlreiche Varianten an Steckverbindern.

„Unsere Kompetenz liegt in erster Linie im Steckverbinder, also in der Verbindung zum Kabel. Diese können wir auch sehr individuell nach den Kundenbedürfnissen gestalten“, sagt Marc Osten. Gemeinsam hatten die beiden Unternehmen etwa einen neuen Snap-Steckverbinder konzipiert, da die Festigkeit der Verbindung vorher nicht den Anforderungen einer Intralogistikanwendung gerecht geworden war. Wie für PSB zählt die Umsetzung individueller Anforderungen also zu den zentralen Kompetenzen Eschas. „Mit der Umsetzung kundenspezifischer Projekte haben wir uns schon immer von den Marktbegleitern unterschieden“, unterstreicht Marc Osten diesen Punkt.

Die neue Produktfamilie namens Automation Line easystrip mit S400-Leitung ist das Ergebnis eines weiteren gemeinsamen Projektes von Escha und PSB. „Wir selbst fertigen keine Kabel. Deshalb haben wir nach einem Meterwarenlieferanten gesucht, der das Kabel so aufbaut, dass der Anhang des Mantels innen an den Litzen nicht so stark ist“, berichtet Marc Osten über den Beginn des Projekts Anfang 2016. In den folgenden Monaten machten sich die Projektverantwortlichen von Escha, PSB und dem Kabelhersteller daran, die richtige Materialmischung sowie den idealen Aufbau des Kabels zu entwickeln. „Die innere Struktur des Kabelmantels entspricht in übertragenem Sinne der von Luftschokolode: Sie ist mit kleinen Löchern versehen. Zum einen entsteht dadurch weniger Reibung zwischen Litze und Mantel; zum anderen kann sich das Talkum beim Abziehen gleichmäßig über diese Löcher verteilen“, erläutert Marc Osten die Besonderheit des S400-Kabels.

Abisolieren in einem Rutsch

Die Entwicklungszeit von rund neun Monaten hat sich schließlich gelohnt. Mindestens 1,5 m des Kabels können laut Hersteller in einem Rutsch abgemantelt werden. Dazu gehört eine Abmantel­zange, die zunächst einen 360-Grad-Schnitt macht. Anschließend kann man den Mantel bequem abziehen. Vorher musste man dagegen immer wieder neu mit der Zange ansetzen und das Kabel Stück für Stück abmanteln. Die S400-Leitung weist aufgrund der bewährten PUR/PP-Materialien zudem alle Eigenschaften der S370-Leitung auf. Sie eignet sich also insbesondere für den Gebrauch in Schleppketten und lässt sich zum Beispiel auch in Tiefkühllagern einsetzen; dank UL-Zertifizierung ist sie außerdem für den Einsatz in Nordamerika zugelassen. Damit reduziert sich für PSB beim Bau seiner Intralogistikanlagen die Anzahl der eingesetzten Kabeltypen. Eingesetzt wird die S400 entweder als einseitig konfektioniertes Kabel in verschiedenen Längen oder als Meterware, die die Monteure nach Bedarf selbst konfektionieren. „Das war eigentlich der Gedanke, nämlich dass wir das Kabel überall einsetzen können, an jedem Sensor und von dorthin zur Steuerung und in den Schaltschrank“, betont Andreas Lambrecht.

Hohe Verfügbarkeit

Ein weiteres wichtiges Kriterium für PSB ist außerdem die hohe Verfügbarkeit des Kabels, die Escha garantieren kann. Hierbei geht es nicht nur um die Lieferfähigkeit für aktuelle Aufträge, sondern vor allem um die langfristige Verfügbarkeit. Das ist deshalb so entscheidend, da PSB seinen Kunden bis zum Lebensende der Anlage ein Service- und Wartungsversprechen gewährleistet. Das älteste noch in Betrieb befindliche Intralogistiksystem von PSB befindet sich zum Beispiel im 38. Betriebsjahr; durchschnittlich werden die meisten Logistiksysteme rund zehn bis 15 Jahre lang im Auslieferungszustand genutzt.

Aus diesem Grund betont auch Andreas Lambrecht die Notwendigkeit, zuverlässige Partner als Lieferanten zu haben: „Eines der wichtigsten Kriterien für uns ist die Lieferfähigkeit, Schnelligkeit und der Service. Letzteres gilt vor allem auch dafür, wenn wir besondere Anforderungen haben und schnell eine Lösung brauchen.“

Dass ein daraus entstehendes, neues Produkt wie die S400-Leitung letztlich nicht nur PSB zugutekommt, ist ein positiver Nebeneffekt, über den sich auch die Verantwortlichen bei Escha freuen. „Natürlich will jeder Standardprodukte verkaufen, aber wir fragen uns immer, wo wir uns noch verbessern können. Eine solche Insellösung, wie wir sie für die Firma PSB umgesetzt haben, wird letztlich wieder zu einem Standard, durch den wir uns Marktvorteile erwirtschaften können“, ist Marc Osten überzeugt. Das wiederum ist aber nur möglich durch die enge Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Kunden.

Bildergalerie

  • Hier sind die neuen S400-Anschlussleitungen an einem Teilstück einer Förderanlage zu sehen.

    Bild: Florian Mayr, A&D

  • In Schaltschränken müssen bis zu zwei Meter eines Kabels abgemantelt werden, um die Adern dort einzuziehen.

    Bild: PSB

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