Warum grüner Wasserstoff an Bedeutung gewinnt

Vier Hebel für den Wasserstoffhochlauf in Europa

Die Nachhaltigkeits-Governance soll im Wasserstoffsektor für Transparenz und fairen Wettbewerb sorgen sowie ökologische und soziale Risiken mindern.

Bild: iStock, gettinthere
14.04.2026

Grüner Wasserstoff kann fossile Brennstoffe in energieintensiven Industrien ersetzen – doch der Hochlauf muss schnell gehen. Dazu sind vier Schritte notwendig, um die Nachhaltigkeitsziele und Kapazitäten entlang der Wertschöpfungskette zu stärken.

Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten machen einmal mehr deutlich, wie wichtig eine Energieversorgung ohne fossile Brennstoffe ist. Grüner Wasserstoff hat das Potenzial, fossile Brennstoffe in energieintensiven Industrien wie der Stahl- und Chemieindustrie zu ersetzen. Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft muss jedoch schnell erfolgen, da die Klimakrise hohe Dringlichkeit erfordert. Gleichzeitig bietet Wasserstoff die Chance auf Wertschöpfung, insbesondere in Ländern mit reichlich vorhandenen Ressourcen an erneuerbaren Energien.

Nachhaltigkeit als Leitplanke

Die Wasserstoffproduktion ist jedoch auch mit ökologischen und sozialen Risiken verbunden. Dadurch kann der Ausbau von Produktionskapazitäten für Wasserstoff beispielsweise eine vorhandene Wasserknappheit verschärfen. Denn mehr als 60 Prozent der potenziellen weltweiten Onshore-Produktion von erneuerbarem Wasserstoff entfallen auf Regionen mit Wasserknappheit.

In dem veröffentlichten Policy Paper „Strengthening Sustainability Governance for a Rapid Hydrogen Ramp-Up“ (Nachhaltigkeitsgovernance für einen raschen Aufbau der Wasserstoffwirtschaft stärken) von Rainer Quitzow und Maximilian Rischer erfolgte zunächst eine Bestandsaufnahme der Nachhaltigkeitsgovernance-Mechanismen im Wasserstoffsektor in verschiedenen Ländern.

Das Fazit lautet: „Die Regeln und Mechanismen müssen nicht komplett neu erfunden werden”, sagt der Wissenschaftler Maximilian Rischer, „da in anderen Bereichen, zum Beispiel bei Entwicklungsbanken, bereits Rahmenwerke für ökologische und soziale Belange existieren, die auf den Wasserstoffsektor angepasst werden müssen.“ Eine Nachhaltigkeits-Governance trage auch dazu bei, Transparenz und fairen Wettbewerb zu gewährleisten, indem sie sicherstelle, dass alle Wirtschaftsakteure dieselben Standards und Schutzmaßnahmen einhalten.

Es werden vier Maßnahmen auf internationaler und EU-Ebene vorgeschlagen, die die Governance-Strukturen bei der Unterstützung von Nachhaltigkeitszielen nicht nur effektiver gestalten, sondern auch die Kapazitäten erhöhen.

Vier Maßnahmen für internationale und EU-Ebene

1. Empfehlung: Richtlinien für Wasserstoff ausarbeiten zur Umsetzung einer nachhaltigkeitsbezogenen Sorgfaltspflicht.

Solche Richtlinien können Unternehmen dabei unterstützen, Zugang zu Finanzmitteln zu erhalten und gleichzeitig ihre Bemühungen zur Minderung ökologischer und sozialer Risiken zu stärken. Eine gemeinsame Initiative der großen multilateralen Entwicklungsbanken und wichtiger privater Finanzinstitute zur Entwicklung solcher Richtlinien für den Wasserstoffsektor könnte dazu beitragen, einen globalen Maßstab für diesen Zweck zu etablieren.

2. Empfehlung: ISO-Standard für die Nachhaltigkeit von Wasserstoff.

Ergänzend zur Entwicklung sektorspezifischer Leitlinien könnte die Einführung einer ISO-Norm zur Bewertung der Nachhaltigkeit im Wasserstoffsektor die Harmonisierung und Angleichung der Ansätze im Laufe der Zeit weiter unterstützen. Zudem bietet sie Projektentwicklern Sicherheit in Zeiten möglicher regulatorischer Anpassungen. In Deutschland wurde im Rahmen des nationalen Normungsinstituts DIN bereits ein Entwurf für einen Nachhaltigkeitsstandard für Wasserstoff erarbeitet, der auf internationaler Ebene übertragen werden könnte.

3. Empfehlung: Bewährte Verfahren im Bereich Nachhaltigkeit, Kapazitätsaufbau und Wissensaustausch fördern.

Der Austausch bewährter Verfahren (Best Practices) im Bereich Nachhaltigkeit im Wasserstoffsektor, verbunden mit Kapazitätsaufbau und Wissensaustausch, kann Projektentwickler dazu befähigen, glaubwürdige und kosteneffiziente Ansätze zur Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien und Sorgfaltspflichten zu entwickeln. Akteure wie das International PtX Hub spielen dafür bereits heute eine wichtige Rolle.

4. Empfehlung: Gewährleistung gleicher Wettbewerbsbedingungen durch solide Zertifizierungssysteme.

Gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Wirtschaftsakteure gewährleisten, indem die Europäische Kommission die festgelegten Kontroll- und Berichtspflichten umsetzt.

Studie mit Definition einer Nachhaltigkeits-Governance

In ihrer zeitgleich erschienenen Studie „Governance for a Sustainable Hydrogen Economy. A Review of the Current State of Play“, auf der dieses Policy Paper zum Teil basiert, werden Ansätze aus verschiedenen Regionen im Detail beleuchtet. Die beiden Autoren definieren darin erstmals, was Nachhaltigkeits-Governance umfasst – eine Definition, die sich nicht nur auf die Wasserstoffwirtschaft beschränkt, sondern auch auf weitere Sektoren übertragbar ist.

Erstens umfasst sie staatliche Strategien, Vorschriften und Regulierungen, um Nachhaltigkeit im Wasserstoffsektor zu gewährleisten. Dazu zählen direkte Anforderungen an Akteure der Wasserstoffwertschöpfungskette sowie Regelungen zur Schaffung von Transparenz über bestimmte wirtschaftliche Tätigkeiten.

Des Weiteren gibt es nachhaltige Regeln und Rahmenbedingungen, die bei der Finanzierung wasserstoffbezogener Anlagen zur Anwendung kommen. Dies kann staatliche Förderprogramme sowie Finanzierungen durch öffentliche und private Finanzinstitute betreffen.

Standards und Zertifizierungssysteme bilden die Grundlage für die Definition und Überprüfung von Nachhaltigkeitsanforderungen und -angaben. Sie sollen Kernelemente einer sich entwickelnden, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Qualitätsinfrastruktur im Wasserstoffsektor sein.

Schließlich stellen übergeordnete Leitprinzipien und Initiativen Bezugspunkte für die Entwicklung von Ansätzen zur Nachhaltigkeits-Governance dar und unterstützen verschiedene Akteure bei der Umsetzung nachhaltiger Praktiken.

Fazit: Bestehende Regeln reichen?

Die bestehende Nachhaltigkeits-Governance der Europäischen Union bietet eine Grundlage für einen nachhaltigen Ausbau des Wasserstoffsektors. Um wirksam zu sein, bedarf es keiner Vielzahl neuer Instrumente oder Mechanismen. Im nächsten Schritt sind vielmehr gezielte Anpassungen und Ergänzungen nötig, um den Ausbau eines nachhaltigen Wasserstoffsektors voranzutreiben.

Bildergalerie

  • Eine solide Nachhaltigkeitsgovernance trägt dazu bei, Transparenz und fairen Wettbewerb zu gewährleisten, indem sie sicherstellt, dass alle Wirtschaftsakteure dieselben Standards und Schutzmaßnahmen einhalten.

    Eine solide Nachhaltigkeitsgovernance trägt dazu bei, Transparenz und fairen Wettbewerb zu gewährleisten, indem sie sicherstellt, dass alle Wirtschaftsakteure dieselben Standards und Schutzmaßnahmen einhalten.

    Bild: RIFS@GFZ/ R. Quitzow & M. Rischer

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