Europas Markt für Rechenzentren steht vor einem Ausbau in bislang unbekannter Größenordnung. Die Anschlussleistung von Colocation-Anbietern, die Fläche und Technik an mehrere Kunden vermieten, soll sich nach Daten des Branchenverbands European Data Centre Association bis 2030 von 8,2 auf 20 GW mehr als verdoppeln. Deutschland zählt gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich zu den drei größten Nachfragepools des Kontinents. Im Data Center Demand Index der Unternehmensberatung steigt der deutsche Wert zwischen 2025 und 2030 von 43,6 auf 92,4 Punkte.
Ob dementsprechende Kapazitäten entwickelt werden, hängt an Voraussetzungen, die mit der Digitalwirtschaft wenig zu tun haben. Der Buildability Index von Kearney, also die Bewertung inwieweit zügig gebaut werden kann, vergleicht 19 Länder entlang von acht Faktoren: Energieversorgung, Grundstücke und Baurecht, Kühlung und Abwärme, Datenanbindung, Gebäudetechnik, Kapital, Rechentechnik sowie Betrieb. Deutschland führt das Feld gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich weiter an. Diese Stellung sei allerdings schwerer zu halten, heißt es in der Analyse. Zusätzlich erforderliche Leistung stoße hierzulande an Grenzen beim Netzanschluss, bei Genehmigungsverfahren, Flächen und der Akzeptanz vor Ort.
Der Standort bestimmt den Preis
Die größten regionalen Unterschiede entstehen beim sogenannten Powered Land, also bei Grundstücken mit gesichertem Anschluss an das Stromnetz. In Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Irland, Österreich und Belgien kosten sie im Schnitt 2,25 bis 2,30 Millionen Euro pro MW. Skandinavische Spitzenlagen liegen bei 600.000 bis 800.000 Euro, Standorte in Spanien, Portugal, Italien und Polen zwischen 600.000 und 1,5 Millionen. Der Aufschlag im westeuropäischen Kern erreicht damit das Drei- bis Vierfache.
Der Gesamtaufwand fällt je nach Auslegung sehr unterschiedlich aus. Für einen Neubau mit 10 bis 50 MW beziffert Kearney die Investition auf 10 bis 15 Millionen Euro je MW. Kommen Grafikprozessoren (GPUs) für Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz hinzu, klettert der Wert auf bis zu 35 Millionen. Den größten Block bildet in beiden Fällen die Server- und Netzwerktechnik mit 60 bis 70 Prozent.
„Ein Rechenzentrum entsteht dort, wo Strom, Lage, Fläche und Genehmigung zusammenkommen. Diese Kombination ist in Deutschland teuer geworden“, sagt Christoph Neunkirchen, Partner & Geschäftsführer bei Kearney und Mitautor der Studie.
Genehmigung und Akzeptanz bremsen stärker als fehlendes Kapital
Am Geld liegt es laut Kearney nicht. Kapital dürfte nicht zum begrenzenden Faktor werden, heißt es in der Untersuchung. Die EU-Kommission beziffert den Bedarf für den Ausbau europäischer Rechenzentrumskapazität bis 2036 auf rund 200 Milliarden Euro, überwiegend aus privater Hand. Entscheidend sei vielmehr, ob genügend Vorhaben entstehen, die über Strom, Baurecht und eine tragfähige Finanzierung verfügen.
Genau daran hakt es in etablierten Märkten. Verfahren in Deutschland, Irland und den Niederlanden gelten als langwierig und uneinheitlich. Neben der reinen Dauer bis zur Inbetriebnahme wird die Verlässlichkeit des Wegs vom Antrag bis zum Baustart immer wichtiger. Hinzu kommt der Rückhalt vor Ort, den die Autoren zu den am stärksten unterschätzten Voraussetzungen zählen. Hierzulande, in Spanien und Großbritannien haben Widerstand aus der Nachbarschaft, die Debatte um Energiepreise und Konflikte um Flächennutzung Projekte verzögert oder gestoppt, auch bei guter Netzlage.
Wie stark Regulierung die Wirtschaftlichkeit verschiebt, zeigt das deutsche Energieeffizienzgesetz. Nach Paragraf 11 müssen neue Anlagen mindestens 10, 15 oder 20 Prozent ihrer Abwärme wiederverwenden, je nachdem, ob die Inbetriebnahme nach Juli 2026, 2027 oder 2028 erfolgt. Ob daraus ein Kostenblock oder ein Erlösmodell wird, entscheidet sich an der Frage, ob es vor Ort einen Abnehmer dafür gibt. Gleichzeitig müssen Rechenzentrumsbetreiber in Deutschland ab 1. Januar 2027 ihren Stromverbrauch zu 100 Prozent bilanziell durch erneuerbare Energien decken. „Diese strategische Infrastruktur entsteht durch entschlossenes Handeln. Dabei soll Regulierung Hürden reduzieren, Geschwindigkeit ermöglichen und Investitionssicherheit bieten”, so Neunkirchen.
Arbeitsteilung statt Vollausbau in jedem EU-Land
Kearney plädiert dafür, die Rechenlast nach ihren Anforderungen in Europa zu verteilen. Was enge Vorgaben bei der Latenz hat, also bei der Verzögerung der Datenübertragung, oder regulatorischen Auflagen unterliegt, bleibt in der Nähe der Nutzer. Das Training neuer Modelle lässt sich dagegen dorthin verlagern, wo Energie günstig und CO2-arm zur Verfügung steht. Nach dieser Phase wiegt der laufende Betrieb schwerer und ist weniger ortsgebunden. Auf KI-Server entfielen 2025 zwischen 23 und 27 Prozent des Stromverbrauchs in Rechenzentren, bis 2030 soll sich der Anteil verdoppeln.
Parallel verbreitert sich das Wachstum über die etablierten Standorte hinaus. Italien, Spanien, Griechenland und Portugal gewinnen bis 2030 zusammen 67,6 Indexpunkte, Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden kommen auf 67,4. Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin bleiben die größten Nachfragezentren Europas. Zusätzliche Fläche entsteht dort jedoch schwerer.
Wirtschaftspolitisch geht es um mehr als Standortfragen. Europäische Cloud-Anbieter kamen 2017 auf 29 Prozent ihres Heimatmarkts. Bis 2022 sank ihr Marktanteil auf 15 Prozent und bewegt sich seither kaum. Amazon, Microsoft und Google vereinen zusammen 70 Prozent. Unternehmen und Behörden geben jährlich 264 Milliarden Euro für lizenzpflichtige Software aus, überwiegend aus den USA. Um nennenswerte Anteile der Wertschöpfung nach Europa zu verlagern und die technologische Souveränität zu stärken, wird ein koordinierter Aufbau und gegenseitige Akzeptanz von den oftmals national-souveränen geprägten Technologie- und Serviceangeboten gebraucht. „Wir würden in Europa insgesamt davon profitieren, wenn neue Kapazitäten koordiniert aufgebaut werden und wir unsere Stärken gezielt ausspielen können. Isolierte nationale Infrastrukturen können im globalen Wettbewerb nicht mithalten“, ist sich Christoph Neunkirchen sicher.
Über die Studie
How to achieve sovereignty at scale: building Europe’s data center future: Grundlage sind zwei Indizes von Kearney: Der Data Center Demand Index misst die Nachfrage anhand von Indikatoren zu digitaler Aktivität, Unternehmensausgaben für Hardware und Dienstleistungen, Cloud-Nutzung, KI-Dynamik und Marktgröße. Der Data Center Buildability Index bewertet, wie gut sich diese in Kapazität umsetzen lässt, und verbindet dafür quantitative Kennzahlen mit qualitativen Einschätzungen entlang von acht Faktoren. Beide vergleichen 19 europäische Länder für die Jahre 2025 und 2030.