Güterzuglokomotiven sind wahre Schwerstarbeiter – das gilt auch für ihre Elektronik.

Bild: iStock, Leolintang

Verbindungssysteme für die Bahn Schnelle Logistik für schwere Züge

04.10.2018

Die Ansprüche an die Hersteller von Verbindungskomponenten steigen stetig - nicht nur im technischen Bereich. Auch in der Logistik erwarten die Kunden schnellere Lieferzeiten und verbesserten Service. Wie das in der Bahnindustrie funktionieren kann, zeigt der Hersteller Lapp.

Sie sind wahre Schwerstarbeiter: Güterzuglokomotiven, die eine Anhängelast von 1.500 t ziehen. Zu den stärksten Lokomotiven gehört die Transmontana von Softronic. Der Hersteller von Schienenfahrzeugen aus Craiova in Rumänien hat diesen Lok-Typ 2010 vorgestellt. Jede Lok hat eine Motorleistung von 8.150 PS. Zwei von ihnen ziehen neuerdings die Züge, mit denen das schwedische Eisenbahnunternehmen Green Cargo Eisenerz transportiert – 3.000 t je Zug.

Entscheidend für die Langlebigkeit der Züge ist die Elektrik, einschließlich der Verkabelung. Die beiden Lokomotiven für Green Cargo sind nahe des Polarkreises in Eiseskälte im Einsatz. Der Verbindungshersteller Lapp hat bei der Auswahl des Lieferanten den Zuschlag erhalten, weil das Unternehmen für die Bahnbranche ein vollständiges Paket an Verbindungskomponenten anbietet, das diesen extremen Anforderungen standhält. Für die Softronic-Loks hat die rumänische Lapp-Tochtergesellschaft rund 150 verschiedene Artikel kombiniert, um die technischen Anforderungen zu erfüllen.

Im Maschinenraum kommen Silikon-Aderleitungen der Familie Ölflex Heat 180SiF zum Einsatz: Trotz des Betriebs am Polarkreis kann es dort nämlich sehr heiß werden, wenn die enorme Leistung der Motoren gefordert ist. In den Schaltschränken werden Einzeladerleitungen aus der Familie Ölflex Train 331 verwendet. Ein Teil des Sensorsystems wurde mit Unitronic-FD-CP-Plus-Datenleitungen verkabelt. Weitere Komponenten sind Epic-Industrie-Steckverbinder und das Polyamid-Kabelschutzschlauch-System Silvyn Rill PA 6. Alle Train-Produkte von Lapp erfüllen mindestens die Anforderungen der EN45545-2.

165 Leitungstypen auf Vorrat

In der europäischen Bahnindustrie verfolgt das Unternehmen ein neues Konzept für die Logistik. Es hält die meisten Leitungen auf Vorrat – rund 165 Leitungstypen, vor allem Einzeladekabel. Die meisten Leitungen wie alle gängigen Typen an Bus- und Koaxialkabeln für die Datenübertragung sowie Leitungen für Steuersignale und Leistungsübertragung werden innerhalb weniger Tage an jeden Ort Europas geliefert. „Die Fahrzeughersteller sind sehr interessiert und wir sehen eine große Chance für uns“, sagt Thorsten Grünberg, Marktmanager für den Bahnmarkt bei Lapp. Noch sei der Marktanteil in der Bahnbranche einstellig, doch angesichts des rasanten Wachstums werde auch der Marktanteil rasch steigen, ist Grünberg sich sicher.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal hat Lapp bei den Mindestbestellmengen. Wie in anderen Branchen liefert das Traditionsunternehmen seine Leitungen für die Bahnindustrie ohne oder mit geringen Mindestbestellmengen. Im Gegensatz zu anderen Lieferanten, die Kabel nur trommelweise und in Kilometerlängen anbieten, liefert Lapp Leitungen auch in kleinen Mengen. Das Risiko, dass ein Kabel nicht vollständig abgenommen wird, trägt damit das Unternehmen.

Der Entwicklungsprozess von ICEs, Straßenbahnen und Lokomotiven ist sehr komplex. Heute muss das erste Fahrzeug, das auf die Schienen kommt, bereits dem Serienstand entsprechen, Kinderkrankheiten verzeiht der Käufer nicht. Der Entwicklungsprozess verläuft aber keineswegs so geradlinig und reibungslos, wie das die Hersteller gerne hätten. Mehrmals werden die Fahrzeuge umgeplant. Die Gründe dafür sind verschieden: Ein Kunde äußert beispielsweise Extrawünsche oder eine bestimmte Kon-
struktion lässt sich nicht wie erwartet realisieren. Häufig betroffen sind Elektrik und Software – sie werden oft noch auf den letzten Drücker geändert.

Entwicklung fordert auch die Zulieferer heraus

Das erfordert allerdings erhebliche Anstrengungen in den Lieferketten. Lapp setzt daher nicht bei den Fahrzeugherstellern an, sondern bei den Herstellern von Teilsystemen, die bestimmte Gewerke zuliefern. Beispielsweise werden elektrische Verbindungssysteme von Konfektionären einbaufertig montiert und geliefert. Die Konfektionäre wiederum kaufen Kabel, Stecker und Zubehör bei Zulieferern ein. Wenn die Elektrik noch kurz vor Fertigstellung des Zuges verändert werden muss – und das ist eher die Regel als die Ausnahme – kommt normalerweise ein langwieriger Beschaffungs- und Produktionsprozess in Gang. Die Lieferzeiten für Verbindungssysteme betragen in der Bahntechnik üblicherweise 14 Wochen. Und dann müssen die Leitungen ja noch in den Waggon oder Schaltschrank eingebaut werden. Das bedeutet: Umplanungen der Elektrik können zu monatelangen Verzögerungen bei der Fertigstellung des Zuges führen. Mit der Logistik von Lapp gehört dies der Vergangenheit an.

Das Unternehmen beschränkt sich dabei nicht ausschließlich auf Europa. Ordert der Kunde Spezialleitungen, die zurzeit nicht auf Lager sind, werden diese im Werk im südkoreanischen Seongnam gefertigt. Dort befindet sich auch das Kompetenzzentrum Train von Lapp. Auch Kunden in Asien werden direkt von dort beliefert. In Seongnam stehen alle Einrichtungen für Produktion und Tests der Leitungen zur Verfügung. Beispielsweise auch eine Anlage zur Strahlenvernetzung: Nach der Behandlung können die Kabel extreme Temperaturschwankungen zwischen -40 bis 120 °C aushalten. Die Fertigungsstätte ist gemäß dem International Rail Industry Standard (IRIS) zertifiziert. Sie arbeitet damit im Rahmen des internationalen Qualitätsmanagementsystems der Bahnindustrie. IRIS setzt auf ISO 9001 auf und enthält zusätzliche für die Bahntechnik spezifische Anforderungen. Die Mitarbeiter des Kompetenzzentrums Train arbeiten eng mit dem Versuchs- und Testzentrum in der Firmenzentrale von Lapp in Stuttgart zusammen. Dort werden alle Entwicklungen in harten Dauertests auf ihre Leistungsfähigkeit geprüft. Vor allem Leitungen für bewegte Anwendungen werden hier millionenfach gebogen und verdrillt. Dadurch lässt sich die Alterung im Zeitraffer nachstellen.

Retrofit für S-Bahn

Neben Softronic hat Lapp mittlerweise weitere Kunden im Bahngeschäft gewonnen, etwa auch CMZO Elektronika. Das Unternehmen in Prerov, Tschechien, hat den Auftrag bekommen, eine ältere S-Bahn, ursprünglich von der Schweizer Firma Stadler Rail gebaut, auf den neuesten Stand zu bringen. Der Zug hat nun ein neues automatisches Zugsicherungssystem sowie ein Fahrgastinformationssystem. CMZO Elektronika wählte dafür das Ölflex-Train-331-Einleiterkabel. Es erfüllt die Anforderungen der EN 50264-3-1 Typ M und EN 45545-2, hält Temperaturen von -40 bis 120 °C aus und ist beständig gegen Öle und Kraftstoffe.

Bildergalerie

  • Die Lokomotive Transmontana von Softronic übernimmt den Erztransport in der Polarregion.

    Bild: Lapp

  • Für die Loks wurden rund 150 unterschiedliche Artikel miteinander kombiniert, um die technischen Anforderungen zu erfüllen.

    Bild: U.I. Lapp

  • Für die Schaltschränke in den Lokomotiven wurden Einzeladerleitungen, die Temperaturen von -40 bis 120 °C aushalten, verwendet.

    Bild: U.I. Lapp

Verwandte Artikel