Bestehende Abluftanlagen wirtschaftlich und zukunftssicher modernisieren

Retrofit statt Neubau in der Industrie

Beim Retrofit industrieller Abluftanlagen werden bestehende Komponenten überarbeitet, Luftmengen neu ausgelegt und Energieverbräuche gezielt gesenkt – und das, ohne dass eine vollständige Anlage neu gebaut werden muss.

Bild: iStock, 365 Studio
21.07.2026

Veraltete Abluftanlagen verursachen in der Industrie einen unnötig hohen Energieverbrauch und erfüllen die aktuellen Anforderungen an Arbeitsschutz und Nachhaltigkeit häufig nicht mehr. Gezielte Retrofit-Maßnahmen ermöglichen eine Modernisierung ohne Produktionsunterbrechung und sind in vielen Fällen die deutlich wirtschaftlichere Lösung im Vergleich zu einem Neubau. Ein konkretes Praxisbeispiel zeigt, wie groß der Unterschied sein kann.

Industrielle Abluftanlagen gehören in zahlreichen Industriebranchen zu den zentralen Infrastrukturen des Produktionsbetriebs. Gleichzeitig zählen sie häufig zu den Bereichen, die über viele Jahre hinweg nur schrittweise angepasst wurden. Vor allem in der chemischen Industrie, der Oberflächentechnik oder der Galvanik sind zahlreiche Anlagen historisch gewachsen. Produktionsprozesse wurden erweitert, Luftmengen verändert oder neue Prozessschritte integriert – aber oft ohne die bestehende Ablufttechnik grundlegend neu auszurichten.

In der Folge kam es dann häufig zu ineffizienten Luftführungen, überdimensionierten Absaugleistungen oder unnötig hohen Energieverbräuchen. Hinzu kommen verschärfte regulatorische Anforderungen, steigende Betriebskosten und neue Anforderungen an Arbeitsschutz und Nachhaltigkeit.

Retrofit statt Komplettneubau

„Viele bestehende Abluftanlagen stammen aus einer Zeit, in der Energiepreise, regulatorische Anforderungen und Anforderungen an die Prozesseffizienz deutlich geringer waren als heute“, bestätigt Patric Hering, Geschäftsleitung Airtec Mueku, Komplettanbieter für industrielle Abluftreinigungs- und Energiekonzepte, die Problemlage und fügt hinzu: „Gleichzeitig sind viele Anlagen über Jahre gewachsen oder erweitert worden und passen daher oft nicht mehr optimal zu den aktuellen Produktionsbedingungen.“

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Modernisierung bestehender Abluftanlagen an Bedeutung. Statt komplette Systeme auszutauschen, sollten viele Unternehmen heute vielmehr auf gezielte Retrofit-Maßnahmen setzen. Denn ein vollständiger Neubau ist nicht automatisch die wirtschaftlich sinnvollste Lösung, da neben hohen Investitionskosten auch Produktionsstillstände entstehen. Und in laufenden Fertigungsprozessen können längere Unterbrechungen erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen verursachen.

„In vielen Fällen lassen sich bestehende Anlagen technisch sinnvoll modernisieren und an aktuelle Anforderungen anpassen“, so Hering weiter. „Retrofit-Projekte ermöglichen es, bestehende Komponenten weiter zu nutzen, Schwachstellen gezielt zu beseitigen und gleichzeitig Energieeffizienz, Betriebssicherheit und Prozessstabilität deutlich zu verbessern.“

Technische Bestandsanalyse als Grundlage

Essenziell für den Erfolg eines Retrofit-Projekts ist zunächst eine detaillierte technische Bestandsaufnahme. Anders als bei einem Neubau auf der „grünen Wiese“ müssen Modernisierungen immer unter den bestehenden Rahmenbedingungen erfolgen. Bestehende Gebäudestrukturen, vorhandene Leitungsführungen, eingeschränkte Platzverhältnisse oder über Jahre veränderte Produktionslayouts stellen hohe Anforderungen an Planung und Engineering.

„Vor den Beginn eines Retrofit-Projekts sollte immer eine technische Anlagenüberprüfung mit Zustandsbericht und Maßnahmenplan treten“, erläutert Hering. „In dem Zuge zeigt sich häufig, welche Komponenten beschädigt, verschlissen oder energetisch problematisch sind.“ Dabei geht es nicht nur um offensichtliche Schäden, sondern es wird auch eruiert, ob bestehende Materialien noch weiterverwendet werden können. So muss beispielsweise geprüft werden, ob eingesetzte Kunststoffe noch schweißbar sind oder ob sich die im Einsatz befindlichen Ventilator- und Steuerungssysteme modernisieren lassen.

Wie groß die wirtschaftlichen Potenziale solcher Modernisierungen sein können, zeigt ein konkretes Projektbeispiel aus der Praxis von Airtec Mueku. Dabei wurde eine Abluftanlage mit 60.000 m3/h aus dem Jahr 2008 im Jahr 2025 zurückgebaut und technisch bewertet. Große Teile der Anlage konnten nach entsprechender Überarbeitung weiter genutzt werden. Während die Retrofit-Kosten inklusive Ankauf bei rund 71.000 Euro lagen, hätte sich eine vergleichbare Neubeschaffung auf etwa 300.000 Euro belaufen.

Effizienzpotenziale werden häufig unterschätzt

Ein wesentlicher Effizienzhebel bei Retrofit-Projekten liegt zudem in der energetischen Optimierung bestehender Systeme. Viele ältere Anlagen arbeiten zum Beispiel mit deutlich höheren Luftmengen als tatsächlich erforderlich oder verfügen über ineffiziente Luftführungen. „Besonders häufig zeigen sich Probleme bei der Auslegung von Absaugstegen und Saugschlitzen“, so Hering. „Zu große oder ungünstig dimensionierte und dadurch ineffiziente Saugschlitze führen dazu, dass deutlich zu große Luftmengen bewegt werden, ohne die Schadstoffe effizient zu erfassen. Ein großes Potenzial liegt daher oft bereits in der korrekten Auslegung der Absaugung.“

Mittels optimierter Luftführungen, angepasster Luftmengen und moderner Komponenten lassen sich somit Energieverbrauch und Betriebskosten häufig deutlich reduzieren. Darüber hinaus kann Wärmerückgewinnung im Rahmen der Modernisierung älterer Anlagen in energieintensiven Prozessen bislang ungenutzte Potenziale erschließen – Hering: „In vielen Fällen kann die vorhandene Abluft genutzt werden, um Zuluft vorzuwärmen oder Prozesse energetisch zu unterstützen. Dadurch lassen sich nicht nur Heizenergiekosten reduzieren, sondern häufig auch die energetische Gesamtbilanz der Produktionsprozesse verbessern.“

Modernisierung im laufenden Betrieb

Eine der größten Herausforderungen besteht allerdings auch bei Retrofit-Projekten darin, Modernisierungen möglichst ohne längere Produktionsunterbrechungen umzusetzen. „Auch Retrofit-bedingte Stillstandszeiten stellen für viele Industrieunternehmen einen erheblichen Kostenfaktor dar. Entsprechend wichtig ist eine präzise, detaillierte Projektvorbereitung“, erklärt Hering. „Viele Arbeiten werden daher bereits vorab geplant oder vorgefertigt.“

In der Praxis werden Modernisierungen häufig während geplanter Wartungsfenster oder in mehreren Bauabschnitten umgesetzt. Gleichzeitig hat sich bewährt, bestehende Systeme modular zu erweitern oder gezielt einzelne Komponenten auszutauschen, anstatt komplette Anlagen stillzulegen. Maßgeblich für den Erfolg mit möglichst geringen Ausfallzeiten ist dabei eine enge Abstimmung zwischen Anlagenbauer, Produktion und Instandhaltung.

Praxisbeispiel aus der Hartchromtechnik

Wie wirkungsvoll gezielte Retrofit-Maßnahmen sein können, macht ein weiteres Projekt von Airtech Mueku aus dem Bereich Hartchromtechnik deutlich. Eine bestehende Abluftanlage verfügte ursprünglich über eine Absaugleistung von 10.000 m3/h. Dennoch wurde die Arbeitsplatzmessung nicht bestanden. Gleichzeitig bestand der Wunsch, zusätzlich den Bestückungsplatz abzusaugen.

Nach einer technischen Analyse wurde die Luftmenge neu bewertet. Die Absaugung an den Bädern wurde von 10.000 auf 6.000 m3/h reduziert. Die frei gewordene Reserve konnte anschließend für die zusätzliche Absaugung des Bestückungsplatzes genutzt werden. Darüber hinaus wurden neue Absaugstege mit korrekt ausgelegten Saugschlitzen installiert sowie die Lamellenpakete erneuert. Das Ergebnis: Die Arbeitsplatzmessung wurde nach der Modernisierung erfolgreich bestanden – bei gleichzeitig optimierter Luftführung und reduziertem Energieeinsatz.

Retrofit gewinnt weiter an Relevanz

„Besonders in der Galvanikindustrie, der Oberflächentechnik sowie in chemischen Anwendungen steigt die Nachfrage nach Retrofit-Projekten derzeit deutlich an“, berichtet Hering. Viele Unternehmen stehen demnach vor der Herausforderung, bestehende Anlagen an aktuelle regulatorische und wirtschaftliche Anforderungen anzupassen, ohne komplette Produktionslinien neu aufzubauen.

Hinzu kommt, dass moderne Retrofit-Konzepte heute deutlich weiter gehen als reine Reparaturmaßnahmen. Vielmehr handelt es sich immer mehr um ganzheitliche Optimierungsprojekte: „Unternehmen sollten bestehende Anlagen nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Emissionsminderung betrachten, sondern ganzheitlich hinsichtlich Energieeffizienz, Luftführung, Betriebssicherheit und Prozessintegration analysieren“, betont Hering.

Fazit

Die Modernisierung bestehender Abluftanlagen entwickelt sich für viele Industrieunternehmen zu einer wirtschaftlich und technisch attraktiven Alternative zum kompletten Neubau. Insbesondere in Branchen mit langjährig gewachsenen Produktionsstrukturen lassen sich durch gezielte Retrofit-Maßnahmen erhebliche Effizienzpotenziale erschließen.

Entscheidend sind dabei eine detaillierte technische Bestandsanalyse, eine individuelle Planung sowie die intelligente Integration neuer Komponenten in bestehende Prozesse und Gebäudestrukturen. Moderne Retrofit-Konzepte ermöglichen nicht nur die Einhaltung aktueller regulatorischer Anforderungen, sondern verbessern zugleich Energieeffizienz, Betriebssicherheit und Wirtschaftlichkeit, was speziell energieintensiven Industrien wie der Galvanik-, Chemie- oder Oberflächentechnik zugutekommt.

Firmen zu diesem Artikel
Verwandte Artikel