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Es reicht keinesfalls aus, sich auf die Erfolge der Vergangenheit zu verlassen! Welche Maßnahmen jetzt ergriffen werden müssen, erklärt Dr. Ulrich Faisst, Digital Transformation Officer bei Trumpf im Interview.

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Interview mit Dr. Ulrich Faisst, Digital Transformation Officer bei Trumpf „Nichts ist trüglicher als der Erfolg der Vergangenheit!“

26.04.2019

Nur weil ein Geschäftsmodell in der Vergangenheit erfolgreich war, muss es das nicht unbedingt auch in Zukunft sein. Märkte wandeln sich in kürzester Zeit und auch Unternehmen müssen sich im stetigen Wandel- und Optimierungsprozess befinden. Wie genau das funktioniert und warum es keinesfalls ausreicht, sich auf die Erfolge der Vergangenheit zu verlassen, erklärt Dr. Ulrich Faisst, Digital Transformation Officer bei Trumpf, im Interview.

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publish-industry:

Wann muss ein vorhandenes Geschäftsmodell überdacht und in Frage gestellt werden?

Dr. Ulrich Faisst:

Das Überdenken des eigenen Geschäftsmodells muss immer erfolgen, egal in welcher Phase sich dieses gerade befindet. Nichts ist trüglicher als der Erfolg der Vergangenheit, denn dieser ist kein Garant für den Erfolg der Zukunft. Gerade wenn es besonders gut läuft, sollte man nicht den Fehler machen zu glauben, dass es immer so weiter geht. Das haben viele Beispiele der Vergangenheit gezeigt, wie unter anderem das Cover der Forbes November-Ausgabe 2007, die titelte: „Nokia eine Milliarden Mobiltelefonkunden – Wer kann den Giganten noch schlagen?“. Das war der Anfang vom Ende. Es bestätigt: Man muss sich in jeder Phase in Frage stellen. Außerdem muss überlegt werden, welche Marktentwicklungen für die eigene Firma tragische Folgen hätten. Es gilt zu überprüfen welche Möglichkeiten bestehen, wenn das eigene Geschäftsmodell von einem Tag auf den anderen nicht mehr funktioniert. Dabei hilft es, sich in die Situation der Anwender zu versetzen und zu überlegen, wer sie überhaupt sind und welche Probleme sie lösen möchten. Im Anschluss daran kann überlegt werden, ob und wie das geschafft wird.

publish-industry:

Funktioniert so ein neues Geschäftsmodell überhaupt in einer alten Unternehmensstruktur oder muss das ganze Unternehmen gewandelt werden?

Dr. Ulrich Faisst:

In diesem Punkt bin ich hin und hergerissen. Zum einen gibt es die Forschungsergebnisse von Clayton Christensen, die man in jedem innovativen Unternehmen sehen kann. Sie besagen, dass man nach ein paar Jahren in ein Innovators-Dilemma kommt. Das Unternehmen war erfolgreich mit einer Innovation, treibt sie voran und gestaltet sie immer komplexer, um noch weitere Märkte im Premiumbereich zu erreichen. Dann entstehen neue Wettbewerber, mit denen man gar nicht gerecht hat. Sie besetzen Märkte, in denen man überhaupt nicht unterwegs ist. Die Gefahr ist, dass diese Unternehmen später schrittweise in den eigenen Markt drängen können. Man muss sich also als Innovationsführer sehr genau überlegen, welche Arten von Innovationen eng am Kerngeschäft entwickelt werden und welche Innovationen Freiraum benötigen. Zweitere müssen losgelöst vom Kerngeschäft entwickelt werden. In der Praxis ist es jedoch so, dass das oftmals nicht möglich ist. Spätestens, wenn es sich um dieselben Kunden handelt, muss man sich innerhalb der Firma abstimmen. Dabei besitzen etablierte Unternehmen auf der einen Seite den Vorteil, dass sie den Kunden und die Technologie bereits sehr gut kennen und eine gewisse Größe haben. Auf der anderen Seite fällt es ihnen schwer, selbstdisruptiv zu sein, weil es ihr eigenes, erfolgreiches Geschäftsmodell in Frage stellt.

publish-industry:

Gibt es ihrer Erfahrung nach Strukturen, die den Wandel besonders gut unterstützen?

Dr. Ulrich Faisst:

Trumpf Venture unterstützt als Venture Capital Investor vielversprechende Start-ups, die die Industrie der Zukunft maßgeblich mitgestalten wollen. Für Innovation, die aus dem Unternehmen kommt, haben wir das Programm „Internehmertum“ aufgesetzt, bei dem Kollegen in der Hälfte ihrer Arbeitszeit ihre Geschäftsideen in die Tat umsetzen können. Sie können dabei neue Geschäftsmodelle über drei Monate evaluieren und zu einer gewissen Reife bringen. Danach überlegen wir, ob wir in das Thema investieren oder eben nicht. Solche Strukturen sind sehr hilfreich, um Start-Ups zu entwickeln.

publish-industry:

Kann denn der strukturelle Wandel geschafft werden, ohne Identität und Werte zu verlieren?

Dr. Ulrich Faisst:

Werte und Wandel stehen nicht im Gegensatz zueinander. Die Unternehmenswerte bei uns als Familienunternehmen bedeuten, dass wir uns einer hohen gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Die Besonderheit bei Trumpf ist, dass der Wandel bereits Teil unserer Kultur ist. Wir haben in den letzten dreißig Jahren bereits eine sehr hohe Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Jetzt wenden wir uns der digitalen Transformation und ihren unterschiedlichen Facetten zu. Der Wandel treibt uns immer an und zwar nicht nur bei der Technologie, sondern auch in der Art und Weise, wie wir damit umgehen.

publish-industry:

In welchen Unternehmensbereichen sollte, in Hinblick auf den Wandel, an den Kompetenzen gefeilt werden?

Dr. Ulrich Faisst:

Design Thinking und agile Methoden spielen in allen Unternehmensbereichen eine zunehmend wichtigere Rolle. Beides ist in vielen Bereichen hilfreich, um die vorhandenen Prozesse zu verbessern und neue Produkte zu entwickeln. Uns ist es wichtig, dass wir sowohl im Produktmanagement, als auch in der Entwicklung marktführend sind. Die Customer Experience spielt mittlerweile in allen Ende-zu-Ende-Prozessen eine große Rolle – von der Bestellung über die Auslieferung bis zur Bezahlung. Aber auch in den Serviceprozessen erwartet der Kunde von uns einiges. Wenn sie Innovationsführer sein wollen, reicht es nicht weiter aus, führende Produkte anzubieten – wir wollen den Kunden vom ersten Kontakt an begeistern.

Herzlichen Dank, Herr Dr. Faisst, für dieses spannende Gespräch.

Dr. Ulrich Faisst ist Speaker des INDUSTRY.forward Summit 2019. Das Interview führte Anna Gampenrieder, Redakteurin bei publish-industry.

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