Wie Naturschutz und Energiegewinnung funktioniert, zeigt ein Grünlandbetrieb aus dem Thüringer Wald.

Bild: iStock, Leonsbox

Agrophotovoltaik Naturschutz und Energiegewinnung in einem

09.04.2020

Inmitten des Thüringer Walds liegt ein Paradies für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Im Einsatz von Photovoltaik auf den Dachflächen der Stallungen findet Naturschützer und Biobauer Heinz Bley das passende Puzzleteil für Energiegewinnung und Finanzierung.

Heinz Bley ist Eigentümer von Agrar Crawinkel – ein extensiv wirtschaftender Grünlandbetrieb im mittleren Thüringer Wald, den Bley auch liebevoll „Thüringeti“ nennt. Zu seinem Refugium gehören 2.500 Hektar Land, auf denen der 59-Jährige der Natur freien Lauf lässt. Während der gebürtige Oldenburger ein Viertel dieser artenreichen Wildnis sein Eigentum nennen darf, pachtete er die restlichen Flächen von fast zweitausend einzelnen Grundbesitzern und hat das komplette Gelände gezielt sich selbst überlassen. Auf den dazugehörenden Höfen stehen umfangreiche Stallungen und Lagerhallen, deren teils marode Dächer das Energieunternehmen WI Energy sukzessive auf eigene Kosten saniert und mit Photovoltaik-Elementen ausstattet – eine win-win-Situation für beide Parteien.

Biokapital dank Naturschutz

Auf konventionellen Anbau von Agrarerzeugnissen verzichtet der Naturschützer seit 2004 komplett und hält auf seinem Land stattdessen um die 600 Rinder. In der Thüringeti leben durchweg widerstandsfähige Rassen wie Galloway und Highland, die das ganze Jahr in ihren Herden draußen leben. Zu ihnen gesellen sich neben Eseln, Schafen und Ziegen auch 700 Pferde vom robusten Kleinpferd bis zum prämierten Sportpferd.

Heinz Bley hat sich als Bauer mit Vision überregionales Renommee aufgebaut. Er fördert Biodiversität und bringt mit „Nichtstun“ den Wasser- und Kohlenstoff-Haushalt des Bodens ins Gleichgewicht zurück. Pro Hektar erwirtschaftet er mit seiner schonenden Weidehaltung Biokapital von jährlich 5.000 bis 8.000 Euro. Der Wert liegt darin, dass sein extensiv bewirtschafteter Boden Kohlenmonoxid speichert und Erosion verhindert.

Förderung for Future

Der Thüringer Wald gilt laut der Europäischen Union als Grenzertragsstandort, als benachteiligtes Gebiet. Hier, wo sich der Boden durch Muschelkalk, Trockenzonen und Schräglagen erfolgreich gegen konventionelle Landwirtschaft wehrt, erkennt das Land Thüringen den hohen Wert für Natur- und Artenschutz sowie naturnahen Tourismus. Im Jahr 2003 hörte Bley das erste Mal von einem Projekt, das Bauern, die geplagte Landschaft in Frieden lassen, finanziell unterstützt. Er stoppte seinen Anbau und schwenkte auf das heutige Konzept um. Schon wenige Jahre später hatte sich die Natur sichtlich erholt. „Distelfinken kommen nur, wenn es auch Disteln gibt“, so der Artenschützer. „Mein Code für Biodiversität ist die ganzjährige Weidehaltung. Meine Tiere, unter anderem auch Wasserbüffel und Wildpferde, leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Das Ökosystem stabilisiert sich und längst verdrängte Arten, wie die Wildkatze, siedeln sich wieder an.

„Ich stelle Thüringen mein Land, meine Leidenschaft und Erfahrung zur Verfügung“, so der Biobauer. „Für mich stellt es sich so dar, dass ich eine Dienstleistung erbringe, die gesellschaftlich enorm wichtig ist. Mit Förderung im Sinne von Almosen hat das gar nichts zu tun.“

Sonnenernte in der Thüringeti

Auf den Höfen der Agrar Crawinkel stehen Stallungen für Sportpferde und Rinder sowie Lagerhallen für Heu und Stroh. Die Dachflächen der Stallungen werden sukzessive mit Photovoltaik (PV) ausgestattet – aktuell bereits um die 14.000m2, was einer Anlagengröße von über 2MW entspricht. Als Partner für die PV-Dachanlagen wählte Bley den Fullservice-Anbieter WI Energy, ein junges Energieunternehmen aus Trier. „Wir müssen Natur- und Klimaschutz ganzheitlich betrachten, um voranzukommen“, berichtet Michael Reichert, geschäftsführender Gesellschafter von WI Energy. „Um eine 85-prozentige CO2-Reduktion bis 2050 zu erreichen, brauchen wir um die 200GW Photovoltaik. Daher ergibt unser Job besonderen Sinn, wenn wir in Projekten wie hier in der Thüringeti das passende Puzzleteil mit regenerativer Energie legen können.“

Die Zusammenarbeit startete im Dezember 2017, als ein Anlagenbauer den Kontakt herstellte. Nach und nach sanierte das Energieunternehmen die Dachflächen und entsorgte im Zuge dessen die alten, asbesthaltigen Baustoffe. Diese Art der Sanierung dürfen ausschließlich spezialisierte Fachbetriebe ausführen, die die Entsorgungen eng mit den zuständigen Behörden abstimmen. Eine echte Herausforderung für das Team von WI Energy, das die übergreifende Koordinierung aller Projektbeteiligten übernahm, um alle kritischen Baustoffe fachgerecht und wie behördlich vorgeschrieben zu beseitigen.

CO2 -Einsparung von 25.000t

Heinz Bley und WI Energy arbeiten seit fast zwei Jahren gemeinsam daran, alle Dachflächen zu sanieren und energiewirtschaftlich durch Photovoltaik aufzuwerten. Die neueste Anlage wurde im August 2019 in Betrieb genommen. Im Ganzen erwirtschaften die Dächer der Thüringeti circa 1.940.000 kWh Energie pro Jahr. Bei einer kalkulierten Laufzeit von 25 Jahren bedeutet dies eine CO2 -Einsparung von ungefähr 25.000t.

„Von der ersten Etappe der Dachsanierung bis zur Einspeisung der erzeugten Energie in das Stromnetz haben wir pro Anlage eine ungefähre Bauzeit von acht Monaten“, berichtet Projektentwickler Peter Maasem. Zeit, die Bley gerne in Kauf nimmt – weiß er doch, dass ihm durch die neuen Dachanlagen in den kommenden Jahren aufwendigen Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen erspart bleiben. „Ich werde meinen Betrieb im kommenden Jahr an meine drei Kinder übergeben“, erzählt der Naturschützer. „Natürlich ist es ein schönes Gefühl, zu wissen, dass sich die nächste Generation nicht mit Baumaßnahmen an den Dächern beschäftigen muss.“

Durch die konstante Verpachtung der Dachflächen an WI Energy gewinnt Bley für sich und seine Unternehmensnachfolger auch Ruhe, um sich Herzblut-Themen zu widmen. „Ich möchte den Stress nicht haben, mich selbst um Wartung oder Verwaltung der Photovoltaik-Anlagen zu kümmern. Wechselnde Betreiber und deren Insolvenzen oder stetes Nachverhandeln bremsen mich nur aus“, so der 59-Jährige.

Zukunft Agrophotovoltaik

Jenseits der Dächer existieren auf dem Land auch Freiflächen, die sich für die Sonnenernte eignen. Hierfür kann sich Bley die sogenannte Agrophotovoltaik vorstellen. Dieser effektive Ansatz von Flächennutzung befindet sich noch in den Kinderschuhen, ermöglicht aber eine schonende Doppelnutzung von Freiflächen. Gemeint sind hoch angelegte PV-Module, unter denen Bleys Tiere weiterhin ganzjährig weiden können, sogar Schutz vor Starkregen finden und unter denen Artenvielfalt floriert. Eine ergänzende Energienutzung durch den Grünlandbetrieb also, der finanzielle Souveränität herstellt und den grünen Fingerabdruck verstärkt. „Agrophotovoltaik in der Thüringeti ist Zukunftsmusik, aber ich kann mir ihren Einsatz hier sehr gut vorstellen“, meint Heinz Bley. „Und mit WI Energy weiß ich einen Partner an meiner Seite, der Expertise und Verve für so ein Pilotprojekt mitbringt.“

Bildergalerie

  • Der Thüringer Grünlandbetrieb

    Bild: WI Energy GmbH

  • Die Thüringeti-Familie

    Bild: Hardy Müller

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