Wie gelingt der Umstieg auf emissionsfreie Busflotten, ohne den Betrieb zu gefährden und eine skalierbare Energieversorgung sicherzustellen? Der im Herbst des vergangenen Jahres errichtete Busbetriebshof Gaisburg der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) zeigt, worauf es ankommt: eine Netzanbindung im Megawattbereich, automatisierte Depotladung per Pantograf, intelligentes Ladelastmanagement und eine Umsetzung, die parallel zum laufenden Betrieb erfolgt.
Depot‑ und Netzkonzept statt Einmalplanung
Die SSB verfolgt ambitionierte Ziele: Die Innenstadtlinien sollen bis 2027 komplett elektrifiziert werden und der gesamte Busbetrieb bis 2035 emissionsfrei und klimaneutral laufen. Solche Zeitpläne lassen sich nur einhalten, wenn Depot, Netzanschluss, Ladehardware und IT nicht getrennt voneinander gedacht werden, sondern als Betriebsplattform. Der Busbetriebshof Gaisburg ist deshalb als skalierbares System mit klaren Ausbaupfaden statt einer starren Einmalplanung ausgelegt.
Netzanschluss, Laden und Inbetriebnahme
Gaisburg wurde als Ensemble aus sechs Doppelhallen in modularer Bauweise realisiert. Für die Elektrifizierung ist das mehr als nur Architektur: Die Module erleichtern die schrittweise Bestückung mit Lade- und Kommunikationstechnik, ermöglichen klare Abgrenzungen und unterstützen die Verfügbarkeit sowie die Sicherheitsanforderungen. Im Depotmaßstab wird Strom zur Betriebsressource: Für aktuell 37 Ladepunkte sind rund vier Megawatt Anschlussleistung vorgesehen. Im Auftrag von Daimler Buses Solutions übernahm Omexom in Deutschland die Anbindung an das öffentliche Stromnetz und errichtete eine eigene Netzstation auf dem Gelände. Damit lassen sich hohe Ladeleistungen dort bereitstellen, wo sie gebraucht werden – insbesondere in den typischen Ladefenstern zwischen den Umläufen.
Entscheidend ist die Integration von Energie- und Kommunikationsebene: In Gaisburg wird per Pantograf („Panto-down“) geladen. Dabei senkt sich ein Metallgestänge von der Hallendecke auf das Busdach, wo sich wiederum Ladekontakte befinden. Ladegleichrichter wandeln Wechselspannung in Gleichspannung um und Depotboxen steuern die Pantografen. Die Mercedes-Benz eCitaro-Busse kommunizieren unter anderem über WLAN mit der Infrastruktur. Sobald der Bus eingeparkt ist, geht er in den Empfangsmodus über und stellt die WLAN-Verbindung her.
Am Standort Stuttgart-Möhringen wurde zusätzlich eine Ladeanlage mit 28 Ladepunkten realisiert. In Gaisburg ist perspektivisch der Ausbau auf bis zu 100 Ladepunkte vorgesehen. Ein Lademanagementsystem verteilt die verfügbare Leistung bedarfsgerecht, streckt die Ladefenster bei Bedarf und reduziert Lastspitzen. Dadurch werden Netzanschluss und Betrieb entlastet und die Batterien geschont.
Ein kritischer Erfolgsfaktor war die Bauphasenlogik: Die Ladeinfrastruktur wurde parallel zum Hallenbau installiert und schrittweise in Betrieb genommen. Omexom übernahm für den Generalunternehmer Daimler Buses Solutions die Aufgaben vom Genehmigungsverfahren über die Auswahl der richtigen Komponenten bis hin zur Installation und Abnahme.
Leitfaden aus der Praxis
Neben der Ladeinfrastruktur hat Omexom auch voll digitalisierte Energieversorgungsanlagen im Mittel- und Niederspannungsbereich errichtet. Diese sind für zukünftige Leistungssteigerungen vorbereitet und mit moderner Schutz- und Fernwirktechnik ausgestattet. Für das sichere Einbringen der schweren Schaltanlagen kam ein Raupentransporter zum Einsatz. Damit konnten Schaltfelder bis 600 kg kontrolliert umgesetzt und in die Stationen eingefahren werden – ein messbarer Gewinn für die Sicherheit und die Baustellentaktung. Dadurch wird die Depotladung als Gesamtsystem greifbar: Erst das Zusammenspiel aus Netzanschluss, Energieverteilung, Pantograf-Technik, Kommunikation und Lastmanagement macht die Ladeinfrastruktur zur belastbaren Depotplattform. Werden diese Bausteine abgestimmt geplant und in Betrieb genommen, lassen sich Ausbaupfade robuster und schneller realisieren. Idealerweise begleitet ein verantwortlicher Dienstleister wie Omexom diesen Prozess und übernimmt die Schnittstellen.
Drei Learnings aus Gaisburg:
1) Netz zuerst: Anschlusskapazität, MS/NS Konzept und Schutztechnik bestimmen, welche Ladeleistung heute und in Ausbaustufen verfügbar ist.
2) Pantograf braucht Daten: Steuerung, WLAN/IT Anbindung und Tests im Zusammenspiel sind entscheidend für Verfügbarkeit im Alltag.
3) Skalierung absichern: Skalierung braucht Lastmanagement sowie Reserveflächen, um wachsende Flotten ohne operative Reibungsverluste zu laden. Gaisburg zeigt damit eine praxistaugliche Blaupause, wie Verkehrsbetriebe Infrastruktur, Technik und Betrieb zu einer robusten Ladeplattform zusammenführen können.