Physical AI für kritische Energieinfrastruktur

Humanoide Roboter im Stromnetze

E.ON, EnviaM und Neura entwickeln Physical AI für Inspektionen und die Überwachung von Anlagen. Damit sollen Fachkräfte bei potenziell gefährlichen, körperlich belastenden und repetitiven Tätigkeiten entlastet werden.

Bild: NEURA Robotics
06.11.2026

Stromnetze müssen nicht nur ausgebaut und modernisiert, sondern auch laufend überwacht werden. E.ON, EnviaM und Neura Robotics wollen dafür Physical AI nutzen und im Netzbetrieb erproben. Welche Aufgaben werden die Roboter zuerst übernehmen?

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Im Zuge des Umbaus der Energieversorgung müssen Stromleitungen und Anlagen ausgebaut, modernisiert und kontinuierlich überwacht werden. Mithilfe von Physical AI sollen Fachkräfte bei Inspektionen sowie bei körperlich belastenden oder potenziell gefährlichen Tätigkeiten unterstützt werden. Neura Robotics, E.ON und EnviaM gehen eine Partnerschaft ein, um Physical AI für die kritische Energieinfrastruktur zu entwickeln und schrittweise in die Praxis umzusetzen.

Mithilfe des Neuraverse, der offenen Physical-AI-Plattform von Neura, wollen die Partner gemeinsam konkrete Anwendungen für den Netzbetrieb erschließen: von der Inspektion und Überwachung technischer Anlagen bis zur Unterstützung bei potenziell gefährlichen, körperlich belastenden oder repetitiven Tätigkeiten. Zunächst werden im TUM RoboGym powered by Neura, einem der weltweit größten wissenschaftlichen Trainingszentren für Robotik in München, geeignete Fähigkeiten trainiert und erprobt. Anschließend testet Mitnetz Strom, Pilotpartner und Netztochter der EnviaM-Gruppe, erste Anwendungen im realen Netzbetrieb.

Physical AI in den Netzbetrieb bringen

„Physical AI und kognitive Robotik werden die Energiebranche nachhaltig verändern. Entscheidend ist dabei, technologischen Fortschritt mit dem Erfahrungswissen der Menschen zusammenzubringen, die unsere Energieinfrastruktur täglich betreiben. Genau dort setzen wir an: mit Physical AI, die diese Menschen unterstützt und ihnen neue Möglichkeiten eröffnet“, sagt David Reger, Gründer und CEO von Neura Robotics. „Mit E.ON und enviaM wollen wir dieses Wissen über das Neuraverse für intelligente Maschinen nutzbar machen. Roboter sollen im Neura Gym lernen und ihre Fähigkeiten anschließend dort einsetzen, wo sie Menschen entlasten und die Sicherheit erhöhen können. Unser gemeinsames Ziel geht über einen einzelnen Robotereinsatz hinaus: Wir wollen eine skalierbare Grundlage für Physical AI in der kritischen Infrastruktur schaffen, entwickelt und trainiert in Europa.“

„Die Energiewende braucht starke Netze und starke Netze brauchen Innovationen. Gemeinsam mit EnviaM und Neura Robotics zeigen wir, wie Innovation konkret im Netzbetrieb ankommt – und wie digitale Technologien Sicherheit erhöhen, Prozesse effizienter machen und die Energieinfrastruktur intelligenter und widerstandsfähiger gestalten“, sagt Stefan Padberg, Senior Vice President Innovation bei E.ON.

„Auf unseren Stromnetzen lastet mehr denn je: Mit der Elektrifizierung und dem Umbau der Energieversorgung müssen Leitungen und Anlagen ausgebaut, modernisiert und laufend überwacht werden. Mit dieser Kooperation bringen wir Zukunftstechnologie dorthin, wo sie echten Mehrwert schafft – in den praktischen Netzbetrieb“, sagt Stephan Lowis, Vorstandsvorsitzender in der EnviaM-Gruppe. „Unsere Mitarbeitenden leisten täglich anspruchsvolle und verantwortungsvolle Arbeit. Humanoide Roboter können sie gezielt entlasten, insbesondere bei körperlich belastenden Tätigkeiten oder solchen mit besonderen Sicherheitsanforderungen. Sie übernehmen Routinen und Einsätze in potenziell gefährlichen Bereichen, damit sich Fachkräfte auf die Aufgaben konzentrieren können, für die es ihre Erfahrung braucht. Die ersten praktischen Erfahrungen werden im Laufe des Jahres 2027 erwartet.“

Vom RoboGym über das Neuraverse in den Netzbetrieb

Um Fähigkeiten für den Netzbetrieb gemeinsam zu entwickeln, tritt E.ON dem „TUM RoboGym powered by Neura“ bei. Dieses hat Neura Robotics gemeinsam mit der Technischen Universität München (TUM) im Oktober 2026 am LabCampus am Flughafen München eröffnet. Auf einer Fläche von mehr als 2.300 m2 bringt das Zentrum Forschung, Robotertraining und industrielle Anwendung zusammen. Unternehmen aus mehr als zehn Branchen trainieren dort bereits konkrete Abläufe; mit E.ON kommt nun auch die Energiewirtschaft hinzu.

Im Mittelpunkt stehen zunächst ausgewählte Aufgaben wie Inspektionen, das Monitoring kritischer Anlagen einschließlich Umspannwerken und die Unterstützung bei der Objektsicherung. Auch Tätigkeiten in potenziell gefährlichen Einsatzumgebungen sollen als Anwendungsfelder geprüft werden. Die Fähigkeiten werden zunächst unter kontrollierten Bedingungen entwickelt und anschließend gemeinsam mit Mitnetz Strom im realen Netzbetrieb erprobt.

Gemeinsam eine neue Infrastruktur für Physical AI aufbauen

Zum Auftakt der Partnerschaft identifizieren interdisziplinäre Teams von E.ON, Mitnetz Strom und Neura zunächst konkrete Einsatzfelder im Netzbetrieb. Die Fachkräfte bringen ihre Erfahrungen und Anforderungen ein. Neura entwickelt gemeinsam mit ihnen die dafür nötigen robotischen Fähigkeiten und stellt die Trainings- und Softwareinfrastruktur über das „Neura Gym“ und das „Neuraverse“ bereit. Die Erkenntnisse aus den Tests fließen in die weitere Entwicklung der Fähigkeiten und der Plattform ein. Damit schaffen die Partner einen Ansatz, der über eine einzelne Demonstration hinausgeht und langfristig wiederholbare und skalierbare Anwendungen von Physical AI in der Energieinfrastruktur ermöglichen soll.

Drei Wege zu physischer Erfahrung

Wie lernt ein Roboter, eine Anlage zu inspizieren, die bisher nur erfahrene Fachkräfte kennen? Das Neura Gym verbindet dafür drei Wege zu physischer Erfahrung:

  • Menschliche Demonstrationen: Fachkräfte aus dem Netzbetrieb zeigen ihre Arbeitsabläufe. Sensorisierte Datenanzüge, Motion-Capture-Systeme und Teleoperation machen ihr Erfahrungswissen für das Training nutzbar.

  • Reale Roboterdaten: Roboter führen die Aufgaben aus. Ihre Sensoren erfassen Bewegungen, Kontakte und die Ergebnisse ihrer Aktionen.

  • Simulation und Data Amplifier: Virtuelle Trainingsumgebungen erweitern reale Erfahrungen um zusätzliche Varianten und Situationen. Die Fähigkeiten werden anschließend an realen Robotern überprüft.

Neuron AI und multimodale Wahrnehmung

Gelernt wird mit Neuron AI, dem multimodalen Foundation Model von Neura für Physical AI. Es kombiniert 3D-Sehen, Tastsinn, Hören, Eigenzustand und Sprache mit einem Gedächtnis. Das kann bei Inspektionsaufgaben den Unterschied machen: Ein Roboter erfasst nicht nur, was er sieht, sondern auch, was er hört und spürt. Anlagen im Netzbetrieb sind für Menschen gebaut und verfügen über Treppen, Türen, Schaltschränke und Werkzeuge. Humanoide Roboter wie Neuras 4NE1 können sich in dieser Umgebung bewegen, ohne dass sie dafür umgebaut werden muss. Damit erreichen sie Bereiche, die für konventionelle Maschinen bisher nicht zugänglich waren.

Neuraverse verbindet Training und Einsatz

Die zentrale Verbindung zwischen Training und späterem Einsatz bildet Neuraverse, die offene Physical-AI-Plattform von Neura. Sie vernetzt Roboter, KI-Modelle, Entwickler und Industriepartner und ermöglicht die Verwaltung, Bereitstellung und schrittweise Weiterentwicklung trainierter Fähigkeiten. So soll aus einer einzelnen, im Neura Gym trainierten Anwendung perspektivisch eine wiederverwendbare Fähigkeit für geeignete Roboter und weitere Einsatzorte entstehen. Dabei behalten E.ON und enviaM zu jedem Zeitpunkt die Kontrolle über ihre Daten und Fähigkeiten und entscheiden selbst, ob und mit wem diese geteilt werden.

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