Dr.-Ing. Franziska Sondej, Fraunhofer IFF

Gemeinsam statt einsam: Regionale Energie-Cluster für die Industrie

Dr.-Ing. Franziska Sondej forscht und arbeitet am Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) in Magdeburg und ist Initiatorin der Initiative SETUp – Systemische und nachhaltige Energietransformation für energieintensive Unternehmen in Sachsen-Anhalt. Die promovierte Ingenieurin ist Expertin für die Transformation der energieintensiven Industrie. Ihr Fokus liegt auf der Entwicklung ganzheitlicher, systemischer Ansätze für regionale Energie-Cluster. Mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Technologie, Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit unterstützt sie Unternehmen dabei, den Weg zur Klimaneutralität technologisch und wirtschaftlich tragfähig zu gestalten.

05.11.2026

Die Transformation zur Klimaneutralität ist für die energieintensive Industrie eine generationenübergreifende Aufgabe. Doch statt isolierter Einzelmaßnahmen brauchen wir einen systemischen Ansatz. Wie regionale Energie-Cluster den industriellen Wandel beschleunigen, Kosten senken und Investitionssicherheit schaffen.

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Die Diskussion über die industrielle Transformation dreht sich oft um Einzelthemen wie Energiepreise, Wasserstoff, Regulierung oder Technologien. Getrennt betrachtet gerät das Gesamtsystem aus dem Blick. Die Frage ist nicht nur, welche Technologien wir nutzen, sondern wie das Gesamtsystem diese Wende tragen kann. Die Herausforderung liegt nicht im Mangel an Technologien, sondern in der fehlenden Synchronisierung von Industrie, Infrastruktur und Politik.

Zwei Systemlogiken stehen sich wie unpassende Zahnräder gegenüber: Die externe Logik politischer Vorgaben und unentwickelter Infrastruktur trifft auf die industrielle Realität rund um die Uhr laufender Prozesse. Solange sich beide Seiten nicht synchron bewegen, entstehen Unsicherheiten, Fehlinvestitionen und Verzögerungen. Technologische Weichenstellungen binden Kapital für Jahrzehnte. Betriebe erfüllen Pflichten durch Audits oder Energiemanagementsysteme, doch ohne systemische Einbindung bleibt dies wirkungsloses Stückwerk. Synergien verpuffen, Investitionen verfehlen ihren Nutzen.

Um diesem Dilemma zu begegnen, haben wir die Situation in Sachsen-Anhalt analysiert. Rund um Magdeburg arbeiten wir im Rahmen der SETUp-Initiative (Systemische und nachhaltige Energietransformation für energieintensive Unternehmen) eng mit sieben Partnerunternehmen zusammen, die als Standort-Einzelkämpfer agieren. Diese Betriebe stehen stellvertretend für viele Standorte. Ihr Jahresverbrauch liegt bei 300 GWh Strom und 1.600 GWh Erdgas; sie stoßen 700.000 Tonnen CO₂ aus und sichern knapp 3.000 Arbeitsplätze. Obwohl sie hochmotiviert sind, stoßen sie an Grenzen. Operative Optimierungen sind machbar, doch tiefgreifende Schritte wie eine Teilelektrifizierung bergen hohe Risiken. Die Abhängigkeit von externer Infrastruktur bremst den Fortschritt. Genau hier setzt unsere Initiative an, um Bedarfe, Optionen und Technologien zu synchronisieren.

Die Dimensionen zeigt unser Rechenmodell: Würden alle elektrifizierbaren Prozesse dieser sieben Unternehmen umgestellt und der Rest über grünen Wasserstoff abgedeckt, führte dies zu einer Verachtfachung des Strombedarfs. Bezogen auf die Erzeugung im Land bräuchten allein diese sieben Betriebe 60 Prozent der Photovoltaik- und 25 Prozent der Windkraft-Leistung Sachsen-Anhalts. Der Energiebedarf wächst schneller als die Infrastruktur – eine Dimensionierungskrise. Am Beispiel eines modernisierten Glasschmelzofens mit Elektroboosting und Wasserstoffbetrieb wird klar: Neben Umbau und Schulungen muss infrastrukturell etwa ein neues Umspannwerk von Anfang an mitgedacht werden.

Wir müssen weg von der Einzelbetrachtung hin zu regionalen Verbünden. Das Werk bleibt im Mittelpunkt, seine Transformation muss aber mit Energieversorgern, Netzbetreibern und Nachbarn synchronisiert werden. Das erfordert regionale Infrastrukturen für Strom und Wasserstoff; unvermeidbare CO₂-Ströme können perspektivisch stofflich genutzt werden. Drei Schritte sind entscheidend: Erstens das eigene Werk durch einen Scan der Kreisläufe und Lastprofile verstehen. Zweitens technische Optionen, regionale Wechselwirkungen und Infrastrukturanschlüsse bewerten. Drittens Investitions- und Infrastrukturentscheidungen zu einer belastbaren Transformationsstrategie synchronisieren.

Aus diesen Erkenntnissen haben wir der Landesregierung von Sachsen-Anhalt ein Positionspapier mit Handlungsempfehlungen übergeben. Ein wichtiger Hebel liegt bei Speichern und Flexibilisierung. Kernprozesse erlauben kaum Flexibilität; Nebenprozesse bieten oft nur einstellige Prozentbereiche. Deshalb müssen Speicher, Netzausbau und industrielle Lasten gemeinsam geplant werden. Langwierige Genehmigungs- und Anschlussprozesse bremsen die Umsetzung. Zudem dürfen wir KMU nicht vergessen. Unsere Initiative setzt die Schwelle bewusst niedriger an – bei 10 GWh Strom und 20 bis 30 GWh Gas pro Jahr –, um den Mittelstand einzubinden. Unser Ziel ist es, dieses Pilotprojekt als Leuchtturm zu etablieren und den Austausch über Ländergrenzen hinweg auszuweiten.

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