Jens Roseneck ist Executive Vice President bei Actemium Deutschland. Der Diplom-Ingenieur und Wirtschaftsingenieur beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit dem Energieanlagenbau. Er kennt die technischen Herausforderungen und weiß, dass der Erfolg der Energiewende von mehreren Faktoren abhängt.

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Jens Roseneck, Actemium Energiewende – wie weiter?

27.10.2022

Für eine erfolgreiche Energiewende reicht die Transformation auf erneuerbare Energien allein nicht aus – das ist nur der erste Teil. Das Ziel erreichen wir als Gesellschaft nur, wenn wir auch den zweiten Teil umsetzen: von der Digitalisierung der Netze für ein intelligentes Lastmanagement über Energiespeicher bis hin zur Sektorenkopplung.

Der Energiebedarf Deutschlands wächst stetig: Prognosen gehen von einer Verdopplung bis 2040 aus. Währenddessen lag laut Umweltbundesamt 2021 der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix bei rund 41 Prozent. Angesichts des Plans der Bundesregierung, bis 2040 die Treibhausgasemissionen um rund 70 Prozent (im Vergleich zu 1990) zu reduzieren, bleibt noch viel zu tun. Konventionelle Kraftwerke sind daher sehr schnell durch eine im Idealfall emissionsfreie Energieerzeugung zu ersetzen. Dabei ist das nur der erste Teil der Energiewende. Der zweite Teil umfasst die Erneuerung und Erweiterung der Strominfrastruktur. Dazu gehören die Digitalisierung der Stromnetze und ein intelligentes Lastmanagement, die Sektorenkopplung und schließlich Power-to-X-Speicherlösungen – ohne flächendeckende Umsetzung dieser wichtigen Punkte werden wir unsere ambitionierten Ziele nicht erreichen.

Zunächst: Eine sichere und zuverlässige Stromversorgung muss grundlastfähig sein. Dabei erfolgt die Stromerzeugung bei Erneuerbaren zumeist dezentral und ist stark volatil. Um trotzdem die Grundlastfähigkeit sicherzustellen, müssen die Netze konsequent digitalisiert werden und damit das Lastmanagement flexibel und intelligent steuerbar sein: Das schließt die Prozesse der Einspeisung in das Hochspannungsnetz über große Offshore-Windparks genauso wie die in das Mittel- und Niederspannungsnetz über dezentrale Anlagen und am Ende die Lastabnahme mit ein. Zugleich ermöglicht die Digitalisierung die Fernüberwachung und -steuerung genauso wie Lösungen im Bereich Predictive Maintenance und Personensicherheit – das sorgt für die nötige Effizienz und Zuverlässigkeit von Anlagen.

Ein weiterer Eckpfeiler für die zukünftige Sicherstellung der Grundlast werden Kurz- und Langzeitstromspeicher sein: von Pumpspeichern über Batterien bis hin zu Power-to-X-Anlagen, deren Bedeutung zunehmend wächst. So werden Lösungen wie Power-to-Liquid, -Chemicals und insbesondere Power-to-Gas eine entscheidende Rolle für eine zuverlässige Stromversorgung spielen, um Energie effizient zu speichern und bei Bedarf wieder freizusetzen und ins Netz einzuspeisen. Hierbei besteht zudem ein direkter Zusammenhang zum dritten unabdingbaren Punkt des zweiten Teils der Energiewende: die Sektorenkopplung von elektrischer Energie, Verkehr und Wärme.

Die Gesamtbetrachtung der Energiewirtschaft und der Industrie sowie ihre intelligente Kopplung sorgt nicht nur für eine effizientere Energienutzung und verbessert damit die Versorgungssicherheit. Auch trägt sie entscheidend zur Dekarbonisierung aller Wirtschaftssektoren bei. Denn indem überschüssige Energie mittels Power-to-X-Ansätzen umgewandelt und gespeichert wird, entstehen große Synergieeffekte, um die kreislauftechnische Nutzung von Energie deutlich sinnvoller als bisher zu gestalten.

In diesem Wechselspiel wird der Industrie eine tragende Rolle zuteil: Sie muss den Druck zur Veränderung austarieren – sowohl von außen aus der Gesellschaft, etwa in Form gesetzlicher Regelungen, als auch von innen bedingt durch wirtschaftliche Interessen sowie die Anforderungen der eigenen Mitarbeitenden. Der Fokus muss auf Klimaneutralität in Verbindung mit Versorgungssicherheit und einer nachhaltigen Produktion liegen. Die Industrie ist schließlich Erzeuger und Verbraucher in einem. Damit einher gehen veränderte Anforderungen mit Blick auf eine flexible Steuerung mit intelligentem Lastmanagement von Erzeugung, Verbrauch und Speicherung. Als Lösungsanbieter setzen wir dabei auf die Nutzung offener Standards, um keine Insellösungen beim Kunden zu implementieren. So stellen wir immer die Vernetzung von Systemen in den Vordergrund – und halten dabei das Potenzial für weitere Skalierungen offen.

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