DC-Netze in Bestandswerken

„Ein DC-Konzept kann kontrolliert wachsen“

Dr. Thorsten Strassel, Solution Portfolio Manager Emerging DC Applications bei ABB Elektrifizierung.

Bild: ABB
28.10.2026

Wie lassen sich Gleichstromnetze sicher planen und Schritt für Schritt in bestehende Werke integrieren? Dr. Thorsten Strassel, Solution Portfolio Manager Emerging DC Applications bei ABB Elektrifizierung, erklärt, welche Architektur- und Schutzentscheidungen früh anstehen – und warum Standards den Weg für eine breite Anwendung ebnen.

Nach welchen Kriterien sollten Planer AC-, DC- und hybride Varianten vergleichen?

Am Anfang steht eine Lastflussanalyse, die Produktion, Logistik und gegebenenfalls auch Gebäude als getrennte Teilnetze betrachtet. Sie zeigt, wo Energie erzeugt, gespeichert, umgewandelt und verbraucht wird. Auf dieser Grundlage lassen sich Wandlungsstufen, Speicherintegration, Verfügbarkeit, Skalierbarkeit sowie Platz- und Materialbedarf bewerten. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Komponenten auf der Lastseite verfügbar sind. So entsteht kein pauschales Ja oder Nein zu DC, sondern ein belastbarer Architekturent-scheid. Während sich bei Neubauten ein DC-Backbone anbieten kann, erleichtert in Bestandsanlagen häufig eine hybride AC/DC-Struktur den Übergang.

Welche Entscheidungen dürfen nicht bis in die Detailplanung verschoben werden?

Einige Grundsatzentscheidungen müssen früh getroffen werden: Dazu gehören die Spannungsebene, das Erdungskonzept, die Sektoreinteilung und die Schutzkoordination. Sie bestimmen, welche Isolationsanforde-rungen gelten, wie Leitungen dimensioniert werden, welche Geräte eingesetzt werden können und wie gut sich die Anlage später erweitern lässt. Hinzu kommen Kurzschlusssimulationen mit verifizierten Quel-len- und Gerätemodellen, EMV-Aspekte sowie die Einbindung in Energie- und Leitsysteme. Für den späte-ren Betrieb ist zudem entscheidend, Spannung, Strom, Leistung und Energieflussrichtung kontinuierlich zu erfassen.

Wie gelingt der Einstieg in bestehenden Werken?

Die gute Nachricht ist: Man muss nicht eine komplette Anlage auf einmal auf Gleichstrom umstellen. In der Praxis bewährt sich vielmehr ein klar abgegrenztes DC-Teilnetz, in dem passende Quellen und Verbraucher zusammenkommen. Der Parallelbetrieb mit der vorhandenen AC-Verteilung senkt Umbau- und Verfügbar-keitsrisiken und ermöglicht es, Schritt für Schritt Erfahrungen mit der neuen Architektur zu sammeln. Maschinenhersteller, Instandhaltung und Betreiber sollten früh eingebunden werden, denn Auslegung, Prüfprozesse und Fehlersuche unterscheiden sich in wichtigen Punkten von der AC-Welt. So kann ein DC-Konzept kontrolliert wachsen und der spätere Ausbau beherrschbar bleiben.

Und welche Rolle spielen dabei Standardisierung und Zusammenarbeit in Brancheninitiativen für die Verbreitung von DC-Netzen?

DC-Netze werden sich in der Industrie nur dann breit etablieren, wenn Komponenten unterschiedlicher Hersteller sicher zusammenwirken und Planer auf belastbare, wiederholbare Konzepte zurückgreifen können. Deshalb engagiert sich ABB unter anderem in Gremien und Initiativen wie der Open Direct Current Alliance (ODCA), Current/OS und OCP. Dort arbeiten Industrieunternehmen, Forschung und Technologieanbieter daran, gemeinsame Anforderungen an Systemarchitekturen, Schnittstellen, Schutzkonzepte und die digitale Einbindung von DC-Netzen zu entwickeln. Das schafft die Grundlage dafür, DC nicht als Insellösung zu betrachten, sondern als integrierten Baustein einer offenen, hybriden Energieverteilung. Für Betreiber bedeutet das mehr Planungs- und Investitionssicherheit – insbesondere bei der Erweiterung bestehender Anlagen sowie bei der Verbindung von Erzeugung, Speichern, Ladeinfrastruktur und industriellen Verbrauchern.

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