Gleichstromnetze für eine effizientere und flexiblere Industrie

AC bleibt das Rückgrat. DC bringt Flexibiltät.

ABB AG

Hybride AC/DC-Architekturen ergänzen die bestehende Wechselstromverteilung dort um DC-Strukturen, wo sich Energie effizienter erzeugen, speichern, verteilen oder rückspeisen lässt.

Bild: publish-industry, KI-based (Gemini)
28.10.2026

Die Elektrifizierung von Fertigungsprozessen, lokal erzeugte Energie und begrenzte Netzanschlüsse stellen die Industrie vor neue Fragen: Wie lässt sich zusätzliche elektrische Leistung für Produktionsprozesse bereitstellen, ohne den Netzanschluss zu erweitern? Wo entstehen vermeidbare Wandlungsverluste? Und wie lassen sich Photovoltaik, Speicher und rückspeisefähige Antriebe sinnvoll in die Energieverteilung einbinden? Gleichstromverteilung, eingebunden in eine hybride AC/DC-Architektur, kann darauf Antworten liefern, wenn sie konsequent aus den Anforderungen der jeweiligen Anwendung entwickelt wird.

Die Topologie von elektrischen Energieverteilsystemen in Industrieanlagen stammt aus einer Zeit, in der Erzeugung, Verteilung und Schutztechnik konsequent auf Wechselstrom ausgerichtet waren. Die Übertragung elektrischer Energie über große Entfernungen ließ sich technisch und wirtschaftlich lange Zeit nur mit Wechselstrom effizient realisieren. Diese Logik setzte sich als Technologiestandard durch, prägt die industrielle Energieverteilung bis heute und bildet weiterhin eine bewährte Grundlage für die Versorgung von Produktionsstätten, Anlagen und Gebäuden.

Gleichzeitig verarbeiten zahlreiche leistungselektronische Verbraucher elektrische Energie intern bereits auf Gleichstrombasis. Dazu zählen unter anderem Antriebssysteme, Robotik, Automatisierungstechnik, Batteriespeicher und Photovoltaikanlagen. Sowohl auf Verbraucherseite als auch auf Erzeugerseite erfolgt die Energiewandlung somit zunehmend über leistungselektronische Systeme. Bei drehzahlgeregelten Antrieben entsteht beispielsweise ein DC-Zwischenkreis; auch viele elektronische Komponenten benötigen Gleichspannung. Zwischen der AC-Verteilung, diesen Erzeugern und Verbrauchern liegen daher häufig mehrere Wandlungsstufen, deren Energieverluste sich bei hoher Auslastung summieren.

Besonders im Zusammenspiel mit lokaler Erzeugung und Speicherung entsteht so häufig eine Kaskade mehrerer Energieumwandlungen. Zusätzliche Umrichter, Filter und Verteilungen benötigen darüber hinaus Platz. Hybride AC/DC-Architekturen setzen genau an diesen Schnittstellen an: Sie ergänzen die bestehende Wechselstromverteilung dort um DC-Strukturen, wo sich Energie effizienter erzeugen, speichern, verteilen oder rückspeisen lässt. Gleichzeitig schaffen sie zusätzliche Freiheitsgrade für die Integration neuer Verbraucher, Speicher und Energiequellen sowie für die zukünftige Erweiterung der Energieinfrastruktur.

Die Diskussion über industrielle Gleichstromnetze ist dabei keineswegs neu. Neu sind jedoch die Rahmenbedingungen, die ihren Einsatz heute wirtschaftlich und technisch attraktiv machen. Treiber dieser Entwicklung sind vor allem die fortschreitende Elektrifizierung industrieller Prozesse, der zunehmende Einsatz elektrisch betriebener Flurförderzeuge und Nutzfahrzeuge, steigende Automatisierungsgrade sowie der Ausbau dezentraler Energieerzeugung. Gleichzeitig stoßen viele Standorte bei der verfügbaren Netzanschlussleistung an Grenzen. Netzengpässe, wie sie beispielsweise in den Niederlanden bereits zu beobachten sind, erhöhen zusätzlich den Druck, vorhandene Anschlusskapazitäten möglichst effizient zu nutzen. Unternehmen suchen daher nach Möglichkeiten, mehr Leistung aus der vorhandenen Infrastruktur bereitzustellen, Lastspitzen zu reduzieren und lokal erzeugte oder zurückgewonnene Energie effizienter zu nutzen.

Hybride Architekturen kombinieren die Stärken von AC und DC

Die Konsequenz daraus ist keine Ablösung des Wechselstromnetzes im Bestand. AC bleibt eine etablierte Ebene für die öffentliche und regionale Verteilung sowie für zahlreiche vorhandene Verbraucher im Werk. Innerhalb von Werken könnten jedoch künftig DC-Backbones einen wachsenden Anteil neuer Funktionen übernehmen. Der Ansatz ist somit vielmehr hybrid: Ein zentraler Umrichter koppelt das Werk an das

AC-Netz, während eine gemeinsame DC-Ebene hinter diesem Übergabepunkt diejenigen Quellen und Lasten verbindet, die intern ohnehin mit Gleichstrom arbeiten. So lässt sich die Einhaltung der Netzanforderungen an einem klar definierten Punkt bündeln. Gleichzeitig bleibt die Energiearchitektur innerhalb des Werks an die jeweiligen Prozesse anpassbar.

Ein solcher gemeinsamer DC-Bus, also eine Gleichstromschiene, an die mehrere Erzeuger, Speicher und Verbraucher direkt angeschlossen sind, kann Industrieanlagen, CNC-Maschinen, Fördertechnik und automatisierte Intralogistik mit PV-Erzeugung, Batterie und Ladepunkten für Flurförderzeuge verbinden. Der Nutzen entsteht vor allem dort, wo hohe Antriebsdichte, Rekuperation, hohe Anforderungen an die Spannungsqualität und kritische Prozesse zusammenkommen. Anwendungs-fälle sind etwa Karosseriebau, Maschinenbau, Papier- und Metallverarbeitung sowie automatisierte Hochregallogistik. Bremsenergie kann innerhalb der DC-Ebene genutzt werden, statt über zusätzliche Wandlungsstufen zurück ins AC-Netz eingespeist zu werden. Sie kann andere Verbraucher auf der gemeinsamen Gleichstromebene versorgen oder in einen DC-gekoppelten Speicher fließen. Dieser Speicher kann zugleich Leistungsspitzen am Netzanschluss abfedern.

DC-Netze für leistungsdichte Anwendungen

Ist der grundsätzliche Nutzen einer DC-Ebene identifiziert, stellt sich die nächste Planungsfrage: Welche Spannungsebene eignet sich für die jeweilige Anwendung? Die passende DC-Spannungsebene richtet sich nach Leistung, Leitungslängen, Schutzkonzept und den angeschlossenen Verbrauchern. Für besonders leistungsdichte Anwendungen wie Batteriespeicher, leistungsstarke Ladeinfrastruktur und KI-Rechenzentren kommen zunehmend DC-Spannungsebenen im Bereich von 700 bis 800 V zum Einsatz.. Bei gleicher Leistung sinkt der Strom und damit auch Leitungsverluste, erforderliche Leiterquerschnitte und Platzbedarf. Die konkrete Ausgestaltung solcher Spannungsebenen wird auch durch die weitere Entwicklung von Standards und Normen beeinflusst.

ABB adressiert solche Architekturen mit dem kürzlich vorgestellten Infinitus DC-Portfolio für Umwandlung, Schutz und Verteilung. Das speziell für KI-Rechenzentren entwickelte Portfolio verfolgt einen Source-to-Rack-Ansatz, der die gesamte Energieversorgung vom Netzeingang über Umwandlung, Schutz und Verteilung bis zum Server-Rack umfasst. Damit zeigt ABB beispielhaft, wie sich Gleichstromarchitekturen über einzelne Komponenten hinaus als integriertes System auslegen lassen. Prinzipien wie die Reduzierung von Wandlungsstufen sowie die enge Verzahnung von Umwandlung, Schutz und Verteilung sind dabei auch in anderen leistungsdichten DC-Anwendungen relevant.

Wirtschaftlichkeit aus dem Gesamtsystem

Ob eine DC-Ebene wirtschaftlich ist, entscheidet sich nicht an einem einzelnen Wirkungsgradwert. Zu betrachten sind Lastprofile, Betriebszeiten, Rekuperationspotenziale, verfügbare Anschlussleistung, Platzbedarf und der Ersatz- oder Erweiterungszeitpunkt der elektrischen Infrastruktur. Besonders in Automatisierungsanwendungen mit häufigen Brems- und Beschleunigungsvorgängen entstehen erhebliche rückspeisefähige Energiemengen.

Für Neubauten lässt sich die Architektur von Beginn an auf diese Energieflüsse ausrichten. Im Bestand ist ein schrittweises Vorgehen plausibler. Attraktiv wird eine Umstellung insbesondere dann, wenn elektrische Verteilungen, Antriebsgruppen oder Speicher ohnehin ersetzt werden müssen. Ein abgegrenztes Teilnetz, etwa für eine neue Fertigungslinie oder einen Logistikbereich, schafft einen überschaubaren Einstieg. Die bestehende AC-Versorgung kann parallel weiterlaufen. So lassen sich Betriebs- und Verfügbarkeitsrisiken begrenzen, während Betreiber Erfahrungen mit Planung, Inbetriebnahme und Instandhaltung von DC-Systemen aufbauen.

Schutz entscheidet über die Architektur

Entscheidend für die praktische Umsetzung ist die sichere Beherrschung von Fehlerfällen. Die technische Kernaufgabe ist somit der Schutz. Im Wechselstromnetz erleichtert der natürliche Stromnulldurchgang das Löschen eines Lichtbogens.

Gleichzeitig können Batterie- und Konvertersysteme sehr schnelle Stromanstiege verursachen. Die Schutztechnik muss Fehler daher nicht nur zuverlässig erkennen, sondern den Strom auch rasch begrenzen und die Fehlerzone bidirektional abschalten. Klassische DC-Leistungsschalter sind für viele Teilnetze weiterhin die richtige Lösung. Bei hohen prospektiven Kurzschlussströmen, geringer Netzinduktivität und hohen Anforderungen an die Restverfügbarkeit kommen jedoch halbleiterbasierte Komponenten ins Spiel. Sie reagieren innerhalb kürzester Zeit und begrenzen den Durchlassstrom, bevor sich ein Fehler auf die Netzspannung außerhalb der betroffenen Zone auswirkt – und das deutlich schneller als mechanische Schaltgeräte. Ein Beispiel: Der IEC zertifizierte halbleiterbasierte Leistungsschalter SACE Infinitus ist exakt für diesen Zweck bis 1.000 V DC ausgelegt.

Schutz, Netzarchitektur und Betriebsführung müssen gemeinsam geplant und digital verknüpft werden. Dazu gehören die Einteilung in Schutzbereiche, die Abstimmung von Quellen, Leitungen und Schaltgeräten sowie die Auslegung für Kurzschluss- und Fehlerfälle. Ebenso wichtig sind digitale Modelle, mit denen sich Fehlerkoordination und das Verhalten leistungselektronischer Quellen simulieren lassen. Die Mess-, Schutz- und Schaltgeräte bilden dabei die Verbindung zwischen physischer Energieverteilung und digitaler Betriebsführung: Sie erfassen Zustände, stellen Informationen über geeignete Kommunikationsschnittstellen bereit und ermöglichen gezielte Schalthandlungen. Für den Betrieb benötigen Energie- und Leitsysteme Daten über Spannung, Strom, Leistung, Energieflussrichtung und Schaltzustände. Erst diese Transparenz ermöglicht es, Speicher, Erzeugung und Lasten im laufenden Betrieb sinnvoll zu führen. Entscheidend ist dabei, dass Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung nicht als getrennte Schichten geplant werden, sondern als integriertes System: DC-fähige Schutztechnik, leistungselektronische Konverter und digitale Energiemanagement-Plattformen müssen in Auslegung, Kommunikationsarchitektur und Betrieb aufeinander abgestimmt sein.

Nächste Schritte: Standards und Kompetenzaufbau

Die Technik allein bestimmt jedoch nicht das Tempo der Einführung. Es gibt zwei wesentliche Hürden: uneinheitliche Standards und fehlende DC-spezifische Erfahrung in Planung, Schutzkoordination, Integration und Inbetriebnahme. Um diese Herausforderungen zu adressieren, engagieren sich Industrieunternehmen, Forschungseinrichtungen und Technologieanbieter zunehmend in Initiativen zur Standardisierung industrieller DC-Anwendungen. Ziel ist es, gemeinsame Anforderungen an Systemarchitekturen, Schutzkonzepte, Schnittstellen und Interoperabilität zu definieren und damit die Grundlage für skalierbare DC-Lösungen zu schaffen.

Offene Schnittstellen und abgestimmte Anforderungen helfen, Quellen, Speicher, Konverter und Schutzgeräte verschiedener Hersteller in einer Erweiterungsarchitektur zusammenzuführen. Für Planer heißt das, in Ausschreibungen neben Leistung und Spannung auch Schutzfunktionen, Kommunikationsschnittstellen, Interoperabilität und Anforderungen an Kurzschlussschutz und Schutzkoordination festzulegen.

Gleichstrom wird damit in der Industrie zur zusätzlichen Systemebene für Anwendungen mit hohem Automatisierungsgrad und vielen DC-nativen Komponenten. Entscheidend ist eine belastbare Auslegung für das konkrete Werk. Besonders dort, wo lokal erzeugte Energie, Speicher und rückspeisefähige Antriebe aufeinandertreffen, ermöglicht eine gemeinsame DC-Ebene die direktere Nutzung von Energieflüssen. Das kann Wandlungsverluste reduzieren, Lastspitzen am Netzanschluss begrenzen und die Integration zusätzlicher Verbraucher erleichtern.

Bildergalerie

  • Infinitus: Das branchenweit erste Gleichstromportfolio, das die gesamte Stromversorgung vom Netzeingang bis zum Server-Rack abdeckt (Source-to-Rack) und eine flexible Systemarchitektur ermöglicht.

    Infinitus: Das branchenweit erste Gleichstromportfolio, das die gesamte Stromversorgung vom Netzeingang bis zum Server-Rack abdeckt (Source-to-Rack) und eine flexible Systemarchitektur ermöglicht.

    Bild: ABB

  • Ein Match für die DC-Energieverteilung: Der nach IEC 60947-2 zertifizierte halbleiterbasierte Leistungsschalter SACE Infinitus.

    Ein Match für die DC-Energieverteilung: Der nach IEC 60947-2 zertifizierte halbleiterbasierte Leistungsschalter SACE Infinitus.

    Bild: ABB

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