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„Mit unserer Infrastruktur unterstützen wir die Anwendungen unserer Kunden. Wir werden aber nie die Experten für diese Prozesse selbst sein“, Joyce Mullen, Dell EMC

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Joyce Mullen von Dell über IT und OT „Die Welt wird eine Multi-Cloud-Umgebung sein“

26.10.2017

Joyce Mullen spricht im Interview mit A&D über die steigende Konvergenz von IT und OT, Kommunikationsschwierigkeiten von digitalen Systemen sowie über Dells neue Position im industriellen Bereich.

A&D:

Dell EMC kommt aus der IT-Welt und ist dort ein großer und bekannter Player. Sie bieten aber auch Lösungen für den industriellen Bereich an. Wo sehen Sie Unterschiede zwischen IT und OT?

Joyce Mullen:

Stellen Sie sich dies als ein Mengendiagramm vor: Wichtig ist die Schnittmenge der beiden Bereiche. Wenn wir an Informationstechnologie denken – wir bei Dell EMC haben ja eine lange Geschichte in diesem Bereich, und wir konzentrieren uns hier auf die Bedürfnisse der Kunden –, dann geht es normalerweise um Dinge wie IT-Sicherheit und Governance, Datenmanagement, Kosten pro Gigabyte und Ähnliches mehr. Und im Bereich Operational Technology (OT) reden wir über Supply Chain, Produktivität und Durchlaufzeiten. Das sind die wichtigen Fragen, wenn man eine Fabrik betreibt – ich habe übrigens schon selbst eine Produktion geleitet. Hier müssen Sie über Lagerumschlag, Betriebskapital, Rendite und so weiter nachdenken. Sie sehen also, die Themen, die Menschen in diesen beiden Bereichen bewegen, sind doch recht unterschiedlich. Aber dann gibt es da die Konvergenz zwischen den beiden Kreisen, und diese Überschneidung wird förmlich mit jeder Sekunde größer. Und genau hier liegt eine riesige Chance für uns als Anbieter von IT-Lösungen.

Seit wann beobachten Sie diese steigende Konvergenz von IT und OT in der Industrie?

Als vor einigen Jahren OT immer mehr zum Thema wurde – wir arbeiten wie gesagt schon lange mit Unternehmen wie ABB, Emerson oder Honeywell zusammen – waren die IT-Teams nur am Rande involviert. Heute sehen wir, wie immer mehr Kunden eine zusätzliche Ebene einfügen, beispielsweise in Form von Digital Officers, die die beiden Welten zusammenbringen sollen. Obwohl wir also mit diesen Kunden seit langem zusammenarbeiten, konnten wir als Marke Dell vor zehn Jahren im Produktionsumfeld noch nicht allzu viel beitragen. Da hieß es von Kundenseite eher: Verbessern Sie unseren Support oder helfen Sie uns, unsere Supply Chain effizienter zu gestalten. Aber das half uns nicht wirklich dabei, dieses Kundensegment wirksam zu unterstützen. Heute, wo IT und OT mehr und mehr zusammenwachsen, werden wird als Marke Dell EMC immer wichtiger. Die IT-Leute in den Unternehmen achten mittlerweile sehr genau darauf, was mit ihrem Netzwerk verbunden wird, und sie vertrauen eher auf IT-Lösungen von etablierten Playern wie Dell EMC oder auch Intel – von Partnern also, mit denen sie seit Jahren gute Erfahrungen machen. Nehmen Sie nur das Thema IT-Sicherheit als Beispiel – wenn es hier offene Fragen gibt, macht das IT-Verantwortliche ja zu Recht sehr nervös. Wir sind stark in dieser Kombination. Eines ist übrigens immer wieder besonders spannend zu beobachten: Wenn wir in diesen Unternehmen den Produktionsleiter mit dem CIO zusammenbringen, dann kennen beide sich oft kaum. Und sie sprechen häufig auch eine andere Sprache. Hier ist viel Übersetzungsarbeit nötig, die wir leisten können. Wir sind hier eine Art Vermittler und das ist uns sehr wichtig.

Nicht nur Menschen sprechen unterschiedliche Sprachen, auch digitale Systeme haben Kommunikationsschwierigkeiten. Kann Dell EMC helfen, die Technologien der IT und OT zusammenzubringen?

Definitiv. Ich denke aber auch, wir sollten nicht nur die Technologien zusammenbringen, sondern vielmehr unsere Erfahrung aus der IT nutzen, um die Entwicklungen im OT-Bereich zu beschleunigen. Ein gutes Beispiel für diese Möglichkeiten ist die Virtualisierung; Cloud ist ein weiteres. Beides sind recht fremd klingende Begriffe auf der OT-Seite eines Unternehmens, das von proprietären Systemen und individuellen Lösungen dominiert wird. Doch gerade diese Technologien können die Effizienz dieser Umgebungen stark verbessern.

Wenn wir über Standards sprechen: Im Produktionsumfeld gibt es viele spezielle Protokolle wie beispielsweise Profinet. Wie geht Dell EMC hiermit um? Setzen Sie auf die wichtigsten Protokolle im Feld, auf OPC UA oder gibt es eine ganz andere Strategie?

Wenn man sich die Protokolle in diesem Umfeld ansieht, ist es ein wenig wie im Wilden Westen, weil es schlicht so viele Standards gibt. Wir dachten zunächst, wir sollten einen übergreifenden Standard etablieren, mussten uns aber sehr schnell eingestehen, dass dies angesichts der Tiefe und Breite des Problems so nicht funktionieren wird. Wir haben erkannt, dass wir hier einen anderen Weg finden müssen – und dieser andere Weg heißt Open Source. Seitdem arbeiten wir mit der Linux Foundation zusammen an dem Open-Source-Softwareprojekt EdgeX Foundry. Dieses Projekt, das die Linux Foundation erst vor wenigen Monaten vorgestellt hat, hat zum Ziel, ein gemeinsames Framework und eine entsprechende Referenzplattform für Edge Computing bereitzustellen und die Open-Source-Entwicklung von all den Treibern und Protokollen in der OT-Welt zu unterstützen. Die dauerhafte Interoperabilität der von der Community in EdgeX entwickelten Software stellt ein Zertifizierungsprogramm sicher. Was auch immer Entwickler schreiben, können sie in EdgeX entwickeln. Das wird sicher bei vielen Protokollproblemen helfen. EdgeX Foundry wurde von einer Community von mehr als 50 Unternehmen initiiert, darunter neben uns auch AMD, Analog Devices, Foghorn oder VMware. Deswegen sind wir sicher, dass dies die Lösung ist, auf die man setzen sollte.

Wo sehen Sie Dell EMC generell im industriellen Bereich? Stehen Sie primär für Edge Computing, für Gateways oder für einen Wegbereiter der Cloud?

Unsere Strategie ist klar, und sie ist in den letzten 18 Monaten sogar noch klarer geworden – auch durch den Zusammenschluss mit EMC. Wir sehen uns als den Anbieter von IT-Infrastruktur schlechthin, der alles aus einer Hand bietet – von der Hardware über die Software bis hin zu den IT-Services. Unser Fokus liegt also auf Infrastruktur. Wir sind nicht die App-Entwickler, aber wir wissen, dass die Applikationen, die die Welt verändern, auf irgendetwas laufen müssen, und ihre Daten müssen sicher gespeichert werden. Wir sind sozusagen diejenigen, die den Goldgräbern die Spitzhacke verkaufen. Unsere Rolle ist, dafür zu sorgen, dass die Infrastruktur eine extrem hohe Qualität hat und jederzeit verfügbar ist. Maximal verlässlich und höchst effizient – das definiert unsere Position im Bereich der Operational Technology. Wir sind fest davon überzeugt, Kunden in diesem Bereich die bestmögliche Infrastruktur liefern zu können. Damit unterstützen wir ihre Anwendungen und ihre Prozesse. Aber wir werden nie die Experten für diese Prozesse selbst sein.

Wie wichtig ist Edge Computing, um die Infrastruktur, von der Sie sprechen, so verlässlich und effizient zu machen?

Die Edge ist der Ort, an dem künftig ein erheblicher Teil der eigentlichen Rechenleistung stattfinden wird. Wenn bis 2025, wie einige Analysten sagen, 25 bis 50 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sind, können deren Aktivitäten nicht in Echtzeit in die Cloud transportiert werden. Dies ist rein physikalisch nicht möglich. Bei 44 Zettabyte wird die Bandbreite dafür schlicht nicht ausreichen, auch nicht nach der Einführung von 5G. Deshalb ist Edge Computing für uns so wichtig geworden, und ich denke, unsere Kunden sehen das aus vielen Gründen ganz ähnlich. In Bereichen etwa, in denen es auf Sicherheit ankommt, kann eine Sekunde Latenzzeit jemanden buchstäblich das Leben kosten. So werden Latenzprobleme das Thema Edge Computing vorantreiben, das Bandbreitenthema wird Edge Computing vorantreiben und sogar Datenschutzthemen werden Edge Computing weiter befeuern. Menschen und Unternehmen wollen nicht all ihre Daten im Netz speichern, und oft ist das auch nicht effizient.

Sie bieten Embedded-Systeme für die Industrie schon eine ganze Weile an. Wie ist die Marktakzeptanz bislang? War der Start schwieriger als Sie dachten?

Es ist immer schwieriger als ich denke (lacht). Aber im Ernst, es war vielleicht etwas schwieriger als ich es erwartet hatte. In jedem neuen Markt, in dem man sich bewegt, lernt man viel über seine Kunden, über ihre Anforderungen, Spezifikationen und Kostenpunkte. Wir haben uns sehr bewusst dazu entschieden, in diesem Segment erst einmal klein anzufangen. Und ganz so neu sind wir hier übrigens gar nicht, weil viele unserer Kunden unsere Systeme in diesem Bereich schon seit Jahren einsetzen. Wir haben jedoch noch keine Produkte, die wirklich für dieses Umfeld entwickelt wurden. Unsere 4.000 OEM-Kunden haben uns sehr dabei geholfen, in diesen Bereichen schnell akzeptiert zu werden. Weil sie OEM-Kunden sind, haben die meisten von ihnen eine Produktion und brauchen dafür vermutlich Rechenpower in irgendeiner Form. Wir konnten also auf diesen langjährigen Beziehungen aufbauen.

Unterschiedliche Standzeiten und Zyklen in Industrie und IT sind wichtige Punkte. Langzeitverfügbarkeit wäre ein weiterer. Wie erfüllen Sie hier die Erwartungen Ihrer industriellen Kunden?

Im Bereich OEM haben wir viel dazugelernt, zum Beispiel von Herstellern medizinischer Geräte oder von Dienstleistern und Zulieferern der industriellen Produktion. Zunächst einmal: Niemand, der Software schreibt, mag Veränderungen bei der Hardware. Denn egal wie sehr wir versuchen, Soft- und Hardware zu entkoppeln, es bleiben immer einige Abhängigkeiten bei den Treibern und Ähnlichem. Daher bieten wir seit vielen Jahren etwas an, das wir ,Extended Life’ nennen. Die Idee dahinter ist, unsere Kunden ein Stück weit von Intels Takt zu entkoppeln – denn viele von ihnen scheuen davor zurück, alle zweieinhalb Jahre alles von Grund auf zu ändern, wenn sich für sie ein Wechsel auf die nächste Generation einfach nicht rechnet. Die gute Nachricht hier ist, dass wir diese Zeitspanne gerade erweitert haben. Bislang konnten wir Kunden ein zusätzliches Jahr bieten. Mit dem Start unserer 14. Server-Generation erhöhen wir dies auf 18 Monate. Und das bedeutet – abhängig natürlich von Intels Chipsatz-Timing –, dass Kunden in einigen Fällen sogar eine gesamte Generation überspringen können. Denn das wünschen sich viele Kunden.

Ist Virtualisierung ein weiterer Weg, um die Industrie weniger abhängig von der Langzeitverfügbarkeit der Hardware zu machen?

Die wirkliche Antwort liegt im Anwendungsdesign. Zur Unternehmensfamilie von Dell Technologies gehört das Unternehmen Pivotal. Es ist darauf spezialisiert, Unternehmen bei der Entwicklung von Applikationen zu helfen, die nativ in der Cloud laufen. So gestaltete Software lässt sich sauberer von der Hardware entkoppeln. Diese Strategie wird das Problem lösen.

Apropos Cloud: Aktuell zeichnet sich der Trend ab, Private Clouds zu nutzen. Wie stehen Sie dazu?

Wir sind fest davon überzeugt – und ich glaube auch, darüber herrscht mittlerweile Einigkeit –, dass die Reise in Richtung Multi-Cloud-Umgebung geht. In den meisten Unternehmen wird es eine Kombination aus Edge Computing, Private Cloud, Public Cloud und Hybrid Cloud geben. Um noch einmal auf die Anwendungen zurückzukommen, so ist es wirklich wichtig, dass diese Anwendungen Cloud-native sind, sodass sie in allen genannten Umgebungen laufen können.

Was ist der Hauptnutzen, den die Cloud der Industrie bringt?

Die größten Vorteile liegen in meinen Augen bei den Kosten und der Verfügbarkeit – die Reduzierung von Administrations- und Support-Kosten, weil man Dinge schneller zur Verfügung stellen kann. Es ist einfach für einen Entwickler, nur seine Kreditkartendaten einzugeben, und nach gerade einmal zehn Minuten läuft etwas auf Amazon. Das ist auch ein verbesserter Prozess. Wir lieben das, und diese Cloud-basierten Möglichkeiten muss es auch in der Private Cloud geben. Es muss dieselbe Nutzer-Erfahrung sein – nur ist es eben sicherer, weshalb eine Private Cloud sinnvoll ist.

Sicherheit und Datenschutz sind, wie Sie bereits sagten, wichtige Themen im industriellen Umfeld. Welche speziellen Lösungen hat Dell EMC hier zu bieten?

IT-Sicherheit ist in der Tat ein wichtiges Thema und wir könnten stundenlang darüber sprechen. Wir glauben, Security entsteht sozusagen durch eine Kombination aus Wassergräben und Sprengfallen sowie einer intensiven Überwachung. Ich glaube auch, dass die digitale Transformation es uns ermöglicht, Daten als ein Hauptelement der Security zu nutzen. Bei Dell EMC verfügen wir über ein großes Security-Portfolio: SecureWorks etwa bietet Sicherheitslösungen zur Entwicklung und Vermeidung von Cyberattacken. RSA, seit vielen Jahren ein etablierter Anbieter von Security-Lösungen, bietet Security Appliances. VMware bietet mit AirWatch, ein mächtiges Security-Management-Tool, und mit NSX haben wir ein weiteres exzellentes Sicherheits-Tool von VMware. Es spannt ein eigenes Netzwerk für jede einzelne Transaktion auf. Nach dieser Übertragung verschwindet das Netz wieder. Und was verschwunden ist, kann man nicht mehr hacken. Außerdem arbeiten wir eng mit verschiedenen Forschern im Bereich Blockchain und an vielen weiteren Software-definierten Sicherheitslösungen.

Bildergalerie

  • „Die Edge ist der Ort, an dem künftig ein erheblicher Teil der eigentlichen Rechenleistung stattfinden wird“, Joyce Mullen, Dell EMC

  • „Die Antwort liegt im Anwendungsdesign. Wir müssen Applikationen entwickeln, die nativ in der Cloud laufen“, Joyce Mullen, Dell EMC

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