Seit 30 Jahren bin ich in der Würth-Gruppe tätig und freue mich täglich, für ein eigentümergeführtes Familienunternehmen arbeiten zu dürfen. Im Kern ist Würth Händler und kein produzierendes Industrieunternehmen. Doch unsere breite Aufstellung und der enge Kontakt zu Tausenden Kunden in ganz Europa verschaffen uns einen tiefen Einblick in unterschiedlichste Marktsegmente. Wir sehen, was an der Basis passiert, wo der Schuh drückt und welche Strömungen unsere Wirtschaft bewegen.
In den aktuellen Debatten dominieren Krisen. Seit sechs Jahren befinden wir uns gefühlt in einem dauerhaften Ausnahmezustand: geopolitische Konflikte wie der Krieg in der Ukraine, Spannungen zwischen den USA, China und Taiwan, neue Unsicherheiten im Nahen Osten, explodierende Energiepreise und steigende Arbeitskosten. Das sind reale Herausforderungen. Doch führt uns diese Dauerbelastung zwangsläufig in die Deindustrialisierung?
Prof. Reinhold Würth hat kürzlich im Geschäftsbericht der Würth-Gruppe, angelehnt an ein Triptychon des Malers Giovanni Segantini, ein bemerkenswertes Essay über das Werden, das Sein und das Vergehen verfasst. Darin zieht er eine Parallele zum Römischen Reich: Auf blühenden Wohlstand folgten Leichtlebigkeit, Strukturverlust und schließlich der Untergang. Wo stehen Europa und Deutschland heute? Haben wir uns im Wohlstand eingerichtet? Verschiebt sich die Diskussion um Work-Life-Balance in eine Richtung, die unsere Zukunft gefährdet? Sind wir noch im Werden, bereits dabei, Chancen zu verspielen, oder stehen wir an der Schwelle zum Vergehen?
Ein Unternehmen und ein Wirtschaftsstandort dürfen nicht saturiert sein. Wir müssen Neugier, Zuversicht und den unbedingten Willen zum Gestalten bewahren. Europa besitzt dafür ein unschätzbares Pfund: ein gemeinsames Wertekonstrukt. Rechtsstaatlichkeit, die Achtung der Menschenwürde und stabile demokratische Systeme sind Stärken, die in den täglichen Auseinandersetzungen zu oft untergehen. Kein europäischer Staat und kein Unternehmen kann die globalen Herausforderungen allein bewältigen. Die Zeit des extremen Gegeneinanders ist vorbei. Wir müssen Allianzen schmieden und aus ehemaligen Konkurrenten Verbündete machen. Wenn wir die Fäden der Wertschöpfungsketten enger verweben, entsteht ein resilienter Stoff, der auch starken Stürmen standhält. Das können Unternehmer selbst anstoßen – dafür braucht es nicht immer die Politik.
Zudem sollten wir unsere Standortvorteile besser nutzen: unser Bildungssystem mit dualer Ausbildung und dualem Studium, das praxisnahe Fachkräfte hervorbringt, ebenso wie die exzellente Grundlagenforschung an Universitäten und Instituten wie der Fraunhofer-Gesellschaft. Unsere Schwäche besteht darin, Forschungsergebnisse noch zu langsam in marktfähige Produkte zu übersetzen.
Hier liegt eine große Chance der Technologie. Künstliche Intelligenz müssen wir nicht in Form von Large Language Models neu erfinden, um mit den USA oder China zu konkurrieren. Unsere Chance liegt darin, KI mit Robotik zur Physical AI zu verbinden. In industriellen und prozesssicheren Anwendungen können wir weltweit führend werden. Europa darf nicht zu einem reinen Konsumstandort verkommen, an dem kaum noch reale Wertschöpfung stattfindet.
Für diesen Wandel brauchen wir eine verständliche Kommunikation und klare, visuelle Bilder einer gemeinsamen Vision. Ein Sinnbild dafür sind die riesigen Sequoias, die Mammutbäume: Als Flachwurzler müssten sie beim ersten Sturm umkippen. Doch sie überleben Jahrhunderte und wachsen über 100 Meter in die Höhe, weil ihre Wurzeln unterirdisch miteinander vernetzt sind und sich gegenseitig Halt geben. Genau dieses Netzwerk braucht auch die europäische Wirtschaft. Wir stehen am Beginn eines Aufbruchs – wenn wir bereit sind, gemeinsam zu handeln.