„Über 30 Milliarden Geräte sind bereits im IoT vernetzt. In fünf Jahren sprechen wir von über 40 Milliarden Geräten, die knapp 80 Zettabyte Daten generieren werden“, sagt Matthias Rebellius, Mitglied des Vorstands und CEO Smart Infrastructure bei Siemens.

Bild: Siemens

Chancen für Unternehmen „Zentrale Energiesysteme werden abgelöst“

30.11.2020

Urbane Lebensräume werden von Jahr zu Jahr gefragter. Matthias Rebellius von Siemens zeigt auf, welche Chancen sich für Unternehmen bieten und welche Rolle Daten spielen.

Erst einmal herzlichen Glückwunsch zur neuen Position Herr Rebellius. Wie waren Ihre ersten Tage im Amt?

Vielen Dank. Meine ersten Tage und Wochen waren vor allem von einem vollen Terminkalender und vielen Gesprächen mit Kunden und Partnern sowie Kolleginnen und Kollegen bei Smart Infrastructure und in den Regionen bestimmt. Es ist eine sehr spannende Zeit, da wir, unter der Führung von Roland Busch, ein neues Kapitel bei Siemens aufschlagen.

Herr Rebellius, was sind Ihre genauen Aufgabenbereiche?

Als neues Mitglied im Siemens-Vorstand leite ich weiterhin die Siemens Schweiz und betreue nun zudem die Geschäfte unseres Unternehmens in Indien, Kanada, Großbritannien und Irland, in den Vereinigten Arabischen Emirate, in der Region ASEAN, der Türkei und Australien. Zusätzlich verantworte ich die globale Supply-Chain-Organisation, und habe die Rolle des CEO von Siemens Smart Infrastructure übernommen. In dieser Funktion trage ich Verantwortung für die weltweiten Geschäfte von Siemens Smart Infrastructure und für unsere 72.000 Mitarbeitenden. Unser Ziel ist eine führende Position im Markt für intelligente Infrastrukturlösungen. Eine meiner Hauptaufgaben ist es, hierfür die strategischen Weichen zu stellen – und ganz entscheidend: unseren Mitarbeitenden ein motivierendes, produktives, und in diesen Tagen ganz besonders wichtig, sicheres und gesundes Arbeitsumfeld zu bieten.

Smart City beziehungsweise die intelligente Infrastruktur ist ein Thema mit Potenzial. Wo sehen Sie die Siemens Kernkompetenz in diesem Bereich?

Urbane Strukturen intelligenter, flexibler und nachhaltiger zu gestalten, ist von globaler Bedeutung. Warum? Bis 2050 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben – jede Woche wächst die Zahl der Städter um 1,5 Millionen Menschen. Das heißt immer mehr Menschen brauchen komfortable und sichere städtische Lebensräume und Arbeitsumgebungen, geeignete Verkehrskonzepte, eine zuverlässige Versorgung mit Wasser, Strom… Allein der weltweite Elektrizitätsbedarf wird sich bis 2050 verdoppeln! Der Handlungsbedarf also ist enorm – und kann nur mithilfe digitaler Konzepte realisiert werden. Wir helfen unseren Kunden diese tiefgreifende digitale Transformation erfolgreich zu meistern. Bei Smart Infrastructure hat Siemens seine Kompetenzen bei Stromnetzen, in der Elektrifizierung und Gebäudetechnik gebündelt – und das ist unsere zentrale Stärke: langjähriges Knowhow auf Seiten des Energieangebots und -verbrauchs, gepaart mit tiefem Domänenwissen und einem zukunftsweisenden Portfolio, von der Energieautomatisierung im Smart Grid über digitale Services für Gebäude, Industrien und Städte, bis hin zu Elektrifizierungslösungen mit intelligenter Schutz-, Schalt- und Sensortechnik.

Welche Ihrer Lösungen möchten Sie stärker forcieren?

Die dynamischste Entwicklung sehen wir derzeit am Grid Edge, wo Stromnetze, Verbraucher und Erzeuger aufeinandertreffen. Hier findet der größte Wandel statt. Ein einst zentralisiertes Energiesystem wird abgelöst von zunehmend verteilten, dezentralen Modellen, in denen Verbraucher ihre Energie selbst erzeugen, speichern und nutzen. In der Folge entstehen immer mehr verteilte Micro- und Nanogrids – etwa auf Industrie-Campussen, Inseln oder in Städten. Bei der Ladeinfrastruktur von Elektrofahrzeugen rechnen wir in den nächsten fünf Jahren mit einem Zuwachs von rund 30 Prozent. Diese Entwicklungen werden die Dekarbonisierung voranbringen, Netze jedoch vor neue Herausforderungen stellen. Diesen technologischen Wandel am Netzrand wollen wir aktiv mitgestalten – mit Technologien und Konzepten, die Stromerzeugung, -speicherung und -verbrauch intelligent koordinieren.

Was bedeutet intelligente Infrastruktur im Zusammenhang mit Gebäuden, Mobilitätslösungen und Energiemanagement?

Der fortschreitende Klimawandel bleibt das beherrschende Thema unserer Gesellschaft. Und gerade Städte sind gefordert, eine schnelle Dekarbonisierung voranzutreiben. Die wird nur über eine intelligente Vernetzung dezentraler Energiesysteme, nachhaltiger Mobilitätslösungen und smarten, verbrauchsoptimierten Gebäuden gelingen. In den letzten Jahren wurde einiges unternommen, die einzelnen Segmente smarter und damit effizienter zu machen. Gebäude etwa werden mehr und mehr automatisiert. Dezentrale Netze werden zunehmend automatisch gesteuert, was die Stromversorgung flexibler und widerstandsfähiger macht. Und immer mehr Städte stellen ihren öffentlichen Nahverkehr nach und nach auf E-Mobilität um, Nürnberg und Leipzig zum Beispiel. Ein Großteil städtischer Infrastrukturen aber steht noch am Anfang einer komplett digitalisierten, elektrifizierten und intelligenten Infrastruktur. Geht es bislang vor allem darum, Infrastrukturen und einzelne Verbraucher mit digitalen Technologien auszustatten, gilt es nun, das enorme Potenzial der Digitalisierung auszuschöpfen.

Welche Rolle spielt hierbei das Internet of Things (IoT)?

Echten Mehrwert bringt die Digitalisierung dann, wenn Daten in spezifisches Wissen umgewandelt werden. Möglich wird das mithilfe cloudbasierter IoT-Anwendungen, indem Sensordaten von unterschiedlichen Geräten auf zentralen Plattformen zusammengeführt und analysiert werden. Für Gebäude bieten wir schon heute ein umfassendes Ökosystem an IoT-Anwendungen, mit denen sich Performance, Energieeffizienz und Komfort nachhaltig verbessern lassen. Durch die zunehmende Verknüpfung unterschiedlicher Objektdaten werden passive Gebäude so nach und nach zu lernfähigen, adaptiven Umgebungen. Dasselbe gilt für Energiesysteme. Mit digitalen, IoT-basierten Lösungen können Smart Grids intelligenter und flexibler auf Veränderungen im Netz reagieren. Das erhöht die Versorgungssicherheit, Netzstabilität und Effizienz. Unser Ansatz ist, Energiesysteme, Gebäude und Industrien intelligent zu verbinden, das heißt Informationen von unterschiedlichen Akteuren, also beispielsweise von Energieversorgern, Verkehrsbetrieben, aus Industrie und Gebäuden zusammenzuführen – so entstehen smarte Infrastrukturen.

Daten sind nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Smarten City Gold wert. Wie gehen Sie damit um?

Daten bestimmen heute so gut wie alles, ob privat oder beruflich, in Industrie oder eben in Städten. Über 30 Milliarden Geräte sind bereits im IoT vernetzt. In fünf Jahren sprechen wir von über 40 Milliarden Geräten, die knapp 80 Zettabyte Daten generieren werden. Das sind 80 Trilliarden Bytes – ein Datenvolumen von unvorstellbaren Umfang. Sensoren und deren Signale werden zu Neuronen des „städtischen Gehirns“. Damit daraus Intelligenz entstehen kann, werden drei Technologien entscheidend sein: erstens IoT-Plattformen für das Datenmanagement, zweitens künstliche Intelligenz zur Datenanalyse und softwarebasierten Entscheidungsfindung, drittens Cybersecurity-Lösungen für einen zuverlässigen Datenschutz. Letzteres ist gerade für städtische Anwendung ein Muss. Bei Siemens Smart Infrastructure decken wir diese Anforderungen heute schon ab: Im Wiener Stadtteil Aspern etwa haben wir im Rahmen eines Forschungsprojekts erfolgreich den Grundstein für die intelligente, energieautarke Stadt der Zukunft gelegt. Mit dem Stromnetz Hamburg sind wir dabei, eine intelligente, dezentrale Lösung für digitale Ortsnetze zu entwickeln. Cybersecurity gehört zudem zur Kernkompetenz von Siemens – als Gründungsmitglied der Initiative „Charter of Trust“ arbeiten wir mit unseren Partnern an verbindlichen Regeln und Standards für IT-Sicherheit und Datenschutz.

Eine letzte Frage: Wie sieht die Stadt der Zukunft für Sie aus?

Die Stadt von morgen wird schlauer, komfortabler, grüner, sparsamer – und durchgängig digital sein. Und zwar ab dem Moment der Planung. Es wird virtuelle Zwillinge geben, mit denen sich ganze Infrastrukturen digital simulieren und steuern lassen. Mithilfe von KI-Technologien wird es möglich sein, Informationen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander zu vergleichen, Nutzungsmuster zu bestimmen und die Energieeffizienz massiv zu erhöhen. Alle Akteure der Smart City werden über IoT miteinander vernetzt sein, Daten und Informationen teilen. Gebäude werden lernen zu sprechen, mit dem Stromnetz genauso wie mit ihren Betreibern und Nutzern, und sich flexibel an veränderte Anforderungen anpassen. Wie schnell das nötig werden kann, lehrt uns die globale Pandemie – war es bis vor kurzem Ziel, Menschen in Gebäuden zusammenzubringen, geht es aktuell um Büros mit ausreichendem Raum zur Einhaltung des nötigen Abstands. Was wir nicht vergessen dürfen: Bei technologischen Entwicklungen muss der Mensch im Mittelpunkt stehen.

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