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Kommentar über disruptive Geschäftsmodelle „Da kann ich nicht sagen, ich bleibe in einer Nische“

05.09.2018

Geht es um Industrie 4.0 und Digitalisierung wird schnell von disruptiven Geschäftsmodellen gesprochen. Unternehmen müssen querdenken und sich neuen Ideen öffnen, die abseits ihrer Kernkompetenz liegen. Prof Dr.-Ing. Günther Schuh vertritt die Ansicht, dass es vor allem darum geht einen existenziellen oder latenten Bedarf komfortabel, schnell und günstig abdecken zu können.

Funktionierende Geschäftsmodelle fragen nicht nach der Größe der Erfinderunternehmen oder dem Disruptionsgrad zu deren bisherigem Geschäft. Sie funktionieren, wenn sie einen existierenden oder einen latenten Bedarf möglichst komfortabel, schnell und günstig decken können. Komfortabel und schnell sind neue Leistungsangebote dann, wenn jedes Detail sicher funktioniert, wenn Prozessketten geschlossen werden können und ganze Ökosysteme „easy to use“ sind. Günstig wird ein Leistungsangebot, wenn Suchen und Warten sowie Investitionen vermieden und die Auslastungen erhöht werden können.

Natürlich lohnt es sich, nach disruptiven Geschäftsmodellen zu suchen, die man groß denken aber klein anfangen kann so wie bei Facebook. Viele Ideen haben aber leider nur eine Chance, disruptiv im Markt zu wirken, wenn man sie relativ groß und umfassend anfängt, so wie etwa Amazon mit dem Buchhandel. Entscheidend ist nicht der Grad der digitalen Vernetzung oder die Organisation der Produktion oder des Backends, sondern „die Stimme der Kunden“ in dem Sinne zu hören, dass man sich ohne Befragung der Kunden vorstellen kann, was bestimmte Kundengruppen begeistern könnte.

Ein konsequentes Vorgehen können sich nur wenige leisten

Das muss man dann so groß angehen, wie es für einen Durchbruch notwendig ist. Da kann ich nicht sagen, ich bleibe in einer Nische, weil ich mir nicht mehr zutraue und mein Risiko klein halten will. Leider können sich nur wenige ein derart konsequentes Vorgehen leisten, weil dazu das Eigenkapital bei uns fehlt. Wir denken erst gar keine großen Disruptionen wie Amazon, weil wir schon vorab wissen, dass wir das notwendige Wagniskapital in der Größenordnung nicht auftreiben können. Das gilt übrigens für große etablierte Unternehmen genauso wie für potente Startups.

Wir sollten uns aber gerade jetzt trauen, auch große Ideen für disruptive Geschäftsmodelle anzugehen. Wenn die Idee für uns alleine zu groß ist, sollten wir uns mit denen zusammenschließen, die dazu etwas beitragen können. Kollaboratives Zusammenarbeiten kann nämlich in der Welt keiner so gut wie wir. Das notwendige Eigenkapital lässt sich dann auch auftreiben, zur Not erstmal im Ausland, solange unser Private Equity Markt solche Größenordnungen noch nicht hergibt.

Prof. Günther Schuh war einer der Speaker auf dem IDUSTRY.forward Summit 2018:

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  • Prof. Dr.-Ing. Günther Schuh ist Geschäftsführender Direktor des Werkzeugmaschinenlabors WZL der RWTH Aachen und CEO von e.Go Mobile. Bekannt wurde er durch die Entwicklung des E-Transporters für die deutsche Post sowie durch die Entwicklung des Kleinwagens e.GO Life.

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