Nach Angaben der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz ereignen sich 10 bis 15 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle in der europäischen Industrie bei Wartungsarbeiten. Viele Unfälle entstehen, weil die Risiken unterschätzt werden, die mit bestimmten Aufgaben zusammenhängen, wie dem Schmieren von Maschinen, dem Einstellen von Sensoren oder einer schnellen Reinigung.
Solche Tätigkeiten werden nicht immer als „Wartungsarbeiten“ betrachtet. Sie fallen nicht in den Anwendungsbereich von Lockout/Tagout-Programmen, obwohl die Mitarbeiter dabei ähnlichen Risiken ausgesetzt sind. Die Europäische Norm (EN) 17975 befasst sich mit den Risiken dieser Grauzonen, indem sie aufgabenbezogene Risikoanalysen als Ausgangspunkt verwendet.
„Die Norm EN 17975 verlangt nicht für jede Maschine oder Rohrleitung bei jedem Eingriff einen Null-Energie-Zustand“, so Mustafa Ekseri, EMEA-Sicherheitsexperte bei Brady, einem Anbieter von hochwertigen Lockout/Tagout-Lösungen.
„Wertvolle Zeit kann gespart werden, wenn nicht für jeden Wartungseingriff eine ganze Produktionslinie gestoppt werden muss - natürlich unter der Voraussetzung, dass die Sicherheit dabei gewährleistet ist. Zu diesem Zweck empfiehlt die Norm EN 17975 einen mehrschichtigen Ansatz, der auf Risiken im Zusammenhang mit bestimmten Aufgaben an bestimmten Maschinen und Rohrleitungen basiert. Diese Risiken müssen in einer Risikoanalyse aufgezeigt werden. Ist keine Risikoanalyse vorhanden, bleibt der Null-Energie-Zustand der Maschine der maßgebliche Sicherheitsstandard. In diesem Sinne baut die Norm EN 17975 auf der ISO 14118 auf, indem sie mehr Möglichkeiten zur Compliance mit europäischen Arbeitsschutzvorschriften bietet. Die betroffenen Tätigkeiten können anhand von EN 17007 und EN 13306 definiert werden und sind auch in EN 17975 aufgeführt.“
Empfehlungen zur Risikoanalyse
Die Sicherheit bei Wartungsarbeiten an Maschinen und Rohrleitungen kann nur gewährleistet werden, wenn die entsprechenden Risiken bekannt sind. Daher benötigt die Industrie gründliche aufgabenbezogene Risikoanalysen. Empfehlungen sind in anderen Normen zu finden.
„Die Norm ISO 12100, die in erster Linie als Vorgabe für Maschinenbauer gedacht ist, um die Sicherheit am Arbeitsplatz ihrer Kunden zu berücksichtigen, kann als Grundlage für Risikoanalysen für Maschineneingriffe herangezogen werden. Die ISO 31000 bietet Leitlinien für das allgemeine Risikomanagement. Sie umfasst acht Grundsätze, ein Rahmenwerk und einen Prozess.“
„Die Norm EN 17975 empfiehlt sechs Schritte zur Risikoanalyse bei jedem Maschineneingriff – von der Identifizierung der Aufgabe bis hin zu einer Feedbackschleife für die kontinuierliche Verbesserung. Das beinhaltet eine gründliche Bestandsaufnahme und Identifizierung der Energiequellen. Die Norm verlangt auch eine Aktualisierung der Risikoanalyse vor der Anwendung von Standardbetriebsverfahren und während der Wartungsarbeiten. Darüber hinaus empfiehlt die EN 17975, dass Situationen, die von der standardmäßigen Risikobewertung abweichen und zusätzliche Risiken darstellen können, klar identifiziert werden.“
Aufgabenbezogene Isolierung
Die Norm EN 17975 verwendet einen aufgabenbasierten Risikoansatz, der bereits in der französischen Norm X60-400 umgesetzt wurde. Auf Grundlage einer Analyse des Aufgabenrisikos empfiehlt die Europäische Norm vier Arten von Risikokontrollprozessen:
Neutralisierung: Ein Prozess, der durch die Gestaltung der Steuerungssysteme ein Gerät abschaltet, damit eine Liste vorbestimmter Aufgaben sicher durchgeführt werden können.
Standardisolierung: Ein Prozess, der durch Verriegeln einer einfachen oder doppelten Isoliervorrichtung sämtliche Energien und Flüssigkeiten beseitigt, deren Vorhandensein, versehentliches Zurückbleiben oder unerwartetes Auftreten keine gefährlichen Folgen für Mitarbeiter, die Umwelt und Gegenstände hat.
Verstärkte Isolierung: Ein Prozess, der durch Trennung oder eine Kombination aus Vorrichtungen zum Isolieren und Öffnen (z. B. Ventil, Hahn) sämtliche Energien und Flüssigkeiten beseitigt, deren Vorhandensein, versehentliches Zurückbleiben oder unerwartetes Auftreten keine gefährlichen Folgen für Mitarbeiter, die Umwelt und Gegenstände hat.
Spezifische Vorgaben: Ein Prozess, mit dem organisatorische oder technische Maßnahmen implementiert werden, die sichere Beobachtungen, Diagnosen, Testaktivitäten und Einstellungen der in Betrieb befindlichen Ausrüstung ermöglichen, wobei Energien und Flüssigkeiten vorhanden sind.
„Alle vier Risikokontrollprozesse erfordern eine Bestandsaufnahme der Energien und Flüssigkeiten pro Maschine mit den jeweiligen Auswirkungen auf Personen, Eigentum und Umwelt, eine Zuordnung der Isoliervorrichtungen und ein Identifikationsblatt der Energien, Flüssigkeiten, Komponenten und Lockout-Vorrichtungen. Außerdem sind eine Übersicht und entsprechende Prozesse für eine gemeinsame Risikobewertung erforderlich. Die Norm EN 17975 beschreibt das Ziel, die Anwendungsbedingungen, die Art der Tätigkeiten und andere relevante Faktoren für jeden der vier Risikokontrollprozesse.“
Leitfaden für Lockout/Tagout
Die Compliance mit der Norm EN 17975 erfordert menschliche, organisatorische und technische Faktoren, der in der Norm beschrieben werden.
Die EN 17975 nennt neun Schritte zur Durchführung von verstärkten und standardmäßigen Isolierungen durch Lockout/Tagout von Energien und Flüssigkeiten. Die Schritte beinhalten: Trennen von Energien und Flüssigkeiten, Isolieren, Lockout, Tagout, Kennzeichnen, Verteilen von Energien, Testen, Eindämmen und Inspektion. Der Schritt „Testen“ in der Norm EN 17975 ist in der Branche bereits als „Tryout“ im Rahmen des Konzepts „Lockout/Tagout/Tryout“ oder „LoToTo“ bekannt. Dies ist ein wichtiger Schritt, um sicherzustellen, dass die Maßnahmen korrekt umgesetzt wurden und weiterhin wirksam sind.
„Brady-Sicherheitsexperten können Unternehmen in der Industrie bei der Umsetzung von Isolierungen helfen, indem sie maschinen- und aufgabenspezifische Prozeduren erstellen. Diese können alle neun Schritte der Norm EN 17975 umfassen und müssen auf den Risikobewertungen für die Aufgaben im Unternehmen beruhen. Darüber hinaus können wir die richtigen Lockout/Tagout-Vorrichtungen für die Compliance mit Prozeduren anbieten, eine praktische Vorführung durch Lockout einer bestimmten Maschine präsentieren und Schulungen für die relevanten Mitarbeiter durchführen. Alternativ kann eine Lückenanalyse (Gap Analysis) durchgeführt werden, in der die Schritte bestimmt werden, die erforderlich sind, um ausgehend vom aktuellen Zustand ein normenkonformes, optimales Lockout/Tagout-Programm zu implementieren.“
Auswirkungen auf bestehende Sicherheitsprogramme
Die Norm EN 17975 ist keine gesetzliche Vorschrift. „Die Norm unterstützt jedoch die Compliance mit EU-Gesetzen zur Arbeitssicherheit ganz erheblich. Sie legt eine klare Erwartung für jeden Maschineneingriff fest: Wenn keine Risikoanalyse für die jeweilige Aufgabe verfügbar ist, muss die Maschine einen Null-Energie-Zustand aufweisen.“
„Da viele Sicherheitsprogramme bereits eine vollständige Trennung der Maschine von jeder Energiequelle für jede Aufgabe vorsehen, ist es wahrscheinlich, dass sich die neue Norm auf bestehende Lockout/Tagout-Programme auswirken wird. Je nach Risikoanalyse ist ein Null-Energie-Zustand einer Maschine nicht für jede Art von Eingriff erforderlich.“
„Umgekehrt kann sich aber nach einer gründlichen Risikoanalyse herausstellen, dass Aufgaben, die bisher als geringfügig und sicher galten, doch mehr Risiken bergen. Das bedeutet, dass für eine einzige Maschine mehrere Lockout/Tagout-Prozeduren gelten können. Die richtige Prozedur kann zum Beispiel in einer Arbeitsgenehmigung enthalten sein oder über einen QR-Code mitgeteilt werden.“
„Einige Formen der automatisierten Sicherheit sind ohne eine zugrunde liegende Risikoanalyse möglicherweise nicht für jede Aufgabe ausreichend. Ein Beispiel dafür ist ein Sicherheitskäfig, der mit Sensoren ausgestattet ist, die bewegliche Maschinenteile deaktivieren, sobald jemand den Käfig betritt. Wird dadurch eine eventuell vorhandene Restenergie beseitigt, die ein Risiko darstellen könnte? Werden die Gravitationsenergie und andere potenzielle Energiequellen berücksichtigt? Das Ziel der Norm EN 17975 ist es, Unfälle zu verhindern und ein falsches Sicherheitsgefühl zu vermeiden, das keinen echten Schutz bietet.“
Mit der Europäischen Norm 17975 kann sich die Industrie in Europa nun auf einen gemeinsamen Standard für die Compliance mit EU- und nationalen Sicherheitsvorschriften verlassen, die Risikokontrollprozesse für Energien und Flüssigkeiten bei Wartungsarbeiten beinhalten.
Die Norm wird oder wurde von den nationalen Normungsorganisationen der folgenden Länder umgesetzt: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Nordmazedonien, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Schweiz, Serbien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Türkei, Ungarn, Vereinigtes Königreich und Zypern.