Ich beobachte die wirtschaftliche Entwicklung seit Jahrzehnten als Unternehmer und Berater, doch die aktuelle Dynamik im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) ist beispiellos. Wir müssen uns klarmachen: KI ist eine sogenannte General Purpose Technology (GPT), eine Basistechnologie, die ähnlich wie die Dampfmaschine oder die Elektrizität ganze Wertschöpfungsketten und Gesellschaftsstrukturen radikal transformiert. In meiner täglichen Arbeit mit Interimsmanagern, die tiefen Einblick in hunderte Unternehmen haben, wird eines deutlich: Die Schicksalsfrage für die deutsche Industrie stellt sich jetzt. Wir stehen an einem Punkt, an dem wir entscheiden, ob wir Gestalter bleiben oder zum Museum der Industriegeschichte werden.
Wenn wir auf den Global AI Index (GAI) blicken, rangiert Deutschland derzeit auf Platz sieben. Das klingt solide, ist aber trügerisch. Die USA investierten allein im letzten Jahr über 60 Milliarden Dollar in KI, während wir in Deutschland bei verschwindend geringen 1,8 Milliarden Dollar liegen. Auch in der Forschung, die unsere Zukunft bestimmt, hat China uns längst überholt; fast eine Million Forschungsarbeiten pro Jahr kommen mittlerweile von dort. Wir leben in Deutschland von unseren Köpfen, nicht von Bodenschätzen, und wenn wir den Anschluss bei der Ausbildung und der Rechenkapazität verlieren, gefährden wir unser gesamtes Wohlstandsmodell.
In der Praxis der Real World AI (RWAI) sehen wir bereits heute, wie Predictive Maintenance (PM), automatisierte Qualitätskontrollen und eine KI-gestützte Produktionsplanung die Kosten senken und Marktanteile verschieben. Doch der Wandel betrifft nicht nur die Fabrikhalle. Ganze Geschäftsmodelle ändern sich, weil sich das Verhalten der Kunden durch KI-Anwendungen wie Chatbots oder personalisierte Angebote in Echtzeit wandelt. Unternehmen müssen sich fragen, wie sie KI smart in ihre gesamte Wertschöpfungskette integrieren können, statt nur punktuelle Tools einzusetzen.
Ein riesiges Hemmnis ist dabei oft die interne Bürokratie – ich nenne sie gerne Firmokratie. Wir sind zu langsam und oft zu sehr darauf fixiert, das Bestehende zu bewahren, anstatt die Innovationskraft für das Zukünftige zu bündeln. Besonders im Mittelstand herrscht oft noch die Einstellung, man brauche das alles nicht. Dabei liegt gerade im Vertrieb ein enormer Hebel für schnelle Erfolge. Wer Mailings und Kundenansprachen durch generative KI verbessert, sieht sofort eine Wirkung in der Auftragslage und entwickelt ein besseres Gespür für den Markt.
Ein zentraler Punkt meiner Analyse ist die Rolle der Menschen. Die technologische Lösung ist nur ein Teil der Gleichung. Ohne die entsprechende Kompetenz und Akzeptanz der Belegschaft wird jede Strategie scheitern. Human Resources (HR) muss daher eine völlig neue Bedeutung im Unternehmen bekommen, quasi Kabinettsrang erhalten. Es geht um lebenslanges Lernen und darum, als Arbeitgeber attraktiv für Digital Natives (DN) zu sein. Wenn Führungskräfte keine Ahnung von KI haben, werden sie zwangsläufig falsche Entscheidungen treffen. Wir brauchen junge Talente in Führungspositionen, die mit diesen Technologien aufgewachsen sind. Natürlich gibt es berechtigte Sorgen, etwa beim Schutz von geistigem Eigentum oder der Abhängigkeit von großen Plattformbetreibern. Meine Antwort darauf ist klar: Wir müssen unseren Kern, unsere Kernkompetenz, schützen – vielleicht durch gekapselte KI-Systeme für sensibles Know-how. Aber wir dürfen nicht aus Angst vor Abhängigkeit den Fortschritt blockieren. Es ist besser, eine Lösung günstig einzukaufen, als teuer etwas zu entwickeln, das der Wettbewerb in sechs Monaten ohnehin egalisiert hat.
Mut zum ständigen Hinterfragen ist die wichtigste Eigenschaft im KI-Zeitalter. Wir müssen die Dynamik annehmen und immer einen Schritt voraus sein, anstatt uns in langwierigen Einführungsprozessen zu verlieren. Die KI ist entweder der Motor für unseren nächsten Aufschwung oder der Totengräber unserer Industrie – die Entscheidung treffen wir durch unser heutiges Handeln in den Etagen des Managements.