Kann eine klimaneutrale Fabrik überhaupt gelingen? Und was muss die Politik tun?

Bild: Bosch-Gruppe; Deneff; HL-STUDIOS; Schneider Electric; iStock, Petmal

Umfrage: Green Production in der Praxis Ist die Zero-Emission-Fabrik nur ein Wunschtraum?

02.09.2019

Immer mehr Industrieunternehmen machen beim Klimaschutz ernst und fahren Ihre CO2-Emissionen sukzessive zurück, idealerweise auf Null. Dies schließt häufig den Ausgleich über externe Kompensationsmaßnahmen ein. Aber kann eine klimaneutrale Fabrik auch vor Ort ohne dieses Element gelingen? Und was muss die Politik tun?

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  • Torsten Kallweit, Leiter Umwelt-, Arbeits- und Brandschutz sowie Nachhaltigkeit, Bosch: Dies ist kein Wunschtraum aber ambitioniert und herausfordernd. Die konkrete Umsetzung ist stark von den Gegebenheiten der jeweiligen Fabrik abhängig. Allerdings ist die Zeit für lange Ankündigungen mit Blick auf die aktuellen CO2-Emissionen weltweit vorbei. Bosch ist das erste große Industrieunternehmen, das die CO2-Neutralstellung bis 2020 vollständig realisiert. Wir arbeiten hart und konsequent an diesem Ziel. Wenn Bosch vorangeht, hoffen wir, dass andere nachziehen. Gesamtgesellschaftlich müssen Lösungen gefunden werden, die das gute Zusammenleben künftiger Generationen ermöglichen. Gleichzeitig dürfen wir weder Wohlstand noch den jeweiligen Industriestandort gefährden. Derzeit stehen hierzulande viele Vorschläge zur Bepreisung von CO2 zur Diskussion. Um die Klimaziele zu erreichen, ist es richtig, alle Instrumente auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Dies muss faktenbasiert und auf Basis anerkannter Studien erfolgen.

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  • Claire Range, Managerin Energieeffizienz in der Industrie, Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz: Diverse Vorreiterunternehmen, wie das Berliner Unternehmen Florida Eis, zeigen bereits heute, dass eine klimaneutrale Produktion in vielen Bereichen wirtschaftlich möglich ist. Energieeffizienz kann für Industrieunternehmen auch einen Einstieg in die Digitalisierung bieten, was Handlungsfelder wie die zielgenauere Steuerung von Maschinen und Anlagen sowie Predictive Maintenance eröffnet. Vielfach lassen sich so Prozesse optimieren, die Produktqualität verbessern und Personalkosten reduzieren. Wichtig ist, dass wir jetzt endlich loslegen. Mit der im Koalitionsvertrag angekündigten Energieeffizienzstrategie besteht die Chance dazu, die Kurswende einzuleiten. Nichtsdestotrotz sollten Unternehmen aber nicht auf die Politik warten, sondern bereits jetzt auf energieeffiziente Technologien umsteigen, denn die Politik geht im Bereich der Energieeffizienz in der Industrie sehr zögerlich vor.

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  • Andreas Matthé, CEO der Business Unit Low Voltage Products, Siemens, Smart Infrastructure: Es wird möglich sein, die Produktion durch eine intelligent dezentralisierte Energieversorgung nahezu CO2-neutral zu machen – natürlich unter der Voraussetzung, dass die Produktion eine gewisse Flexibilität im Energiebezug zulässt. Für unsere Unternehmenstätigkeit bei Siemens haben wir im September 2015 das globale „CO2-Neutral“-Programm gestartet. Basierend auf einem positiven Geschäftsszenario wollen wir den CO2-Fußabdruck unserer eigenen Betriebe bis zum Jahr 2020 gegenüber 2014 halbieren und bis 2030 klimaneutral sein. Klimaschutz und Energieeffizienz sind heute einer der wichtigsten Bausteine im Industriebetrieb. Der zentrale Schlüssel ist dabei die Digitalisierung. Werden Energiedaten systematisch erfasst und analysiert, lassen sich etwa Lastspitzen oder Energiefresser identifizieren und Standby-Verbräuche über intelligente Steuer- und Regelfunktionen vermeiden.

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  • Jürgen Siefert, Vice President Industrial Automation DACH, Schneider Electric: Dies ist tatsächlich umsetzbar. Wer heute eine Produktionsanlage auf der grünen Wiese errichtet, wird allein aus wirtschaftlichen Gründen eine grüne Produktion planen. Denn Energieeffizienz und geschlossene Kreislaufwirtschaft garantieren Wettbewerbsvorteile. Dies funktioniert natürlich auch bei bestehenden Standorten. Wir bei Schneider Electric haben uns dazu verpflichtet, die Energiezufuhr für unsere weltweiten Produktionsstätten bis 2030 auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzustellen. Der Anfang ist mit neun Standorten bereits gemacht. Wichtig ist hier, die Industriebetriebe mit den politischen Klimaschutzzielen nicht alleine zu lassen. Vorgaben müssen mit konkreten Maßnahmen zur Einhaltung unterfüttert sein. Schon heute ermöglichen Digitalisierung und Automatisierung ein erhebliches Maß an CO2-Einsparung. Eine noch konsequentere Implementierung ließe sich durch politische Vorgaben erreichen und ist sehr wünschenswert.

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