Dem Ziel einer einheitlichen Gerätekonfiguration in der Automation hat sich das PACTware Consortium vor über 20 Jahren verschrieben. Im Februar 2022 ist die sechste Version der gleichnamigen hersteller- und feldbusunabhängigen Software gelauncht worden.

Bild: Vega

„Wir sind am Puls der Zeit“ Herstellerunabhängige offene Automatisierung

07.09.2022

Eine einheitliche Gerätekonfiguration in der Automation – wird dieser Ansatz in der Industrie schon gelebt? Die P&A hat diese Frage zum Anlass genommen, um mit Holger Sack, Vorstandsvorsitzender des PACTware Consortiums, nicht nur über die neue Version, sondern auch über den aktuellen Stand bezüglich offener Automatisierung zu sprechen.

Seit etlichen Jahren spricht die Indus­trie von herstellerunabhängiger offener Automation; das Thema nimmt immer mehr an Fahrt auf. Wie ist Ihre Einschätzung: Wird dieser Ansatz schon in der Industrie gelebt?

Die Intention unseres Konsortiums ist es genau diesem Bedarf - eine hersteller­unabhängige und offene Automatisierung - gerecht zu werden. Das bedeutet: Wir bei PACTware leben diesen Ansatz. Wenn wir aber den Markt als Ganzes betrachten, ist zu beobachten, dass nicht alle Hersteller so weit sind. Aber je mehr die Anwender ihren Fokus auf eine offene Automation richten, desto mehr wird sich der Markt hierfür öffnen. Der nächste Schritt wird sein, diesen offenen Ansatz auch auf alle Gerätetreiber zu übertragen.

Woran liegt es, dass sich einige Unternehmen hier noch so schwertun?

Für Unternehmen bedeutet dieser Ansatz zunächst einmal mehr Aufwand. Bleiben wir bei der schon angesprochenen einheitlichen Treiberplattformen: Zum einen bedarf es einer geeigneten Plattform, zum anderen muss diese betrieben werden. Es muss sich somit wirtschaftlich rechnen. Außerdem gibt es technologische Herausforderungen: Wie binde ich mich als Gerätehersteller? Wie können kleine und mittelständische Unternehmen eine offene Automatisierung bestmöglich umsetzen?

Welche Branchen treiben eine hersteller­unabhängige Automation mehr voran als andere?

In den Themen Standardisierung und Vereinheitlichung ist zwar die chemische Industrie weit voraus, an sich lässt sich hier aber kein branchenspezifischer Treiber benennen. Sobald der Anwender mehrere Geräte, vielleicht auch von unterschiedlichen Herstellern, betreibt, sind die Anforderungen gleich – unabhängig vom Industriezweig.

Welchen Mehrwert bietet eine herstellerunabhängige Automation für den Anwender?

Der Anwender spart mit einer herstellerunabhängigen Automation viel Zeit und Aufwand bei der Inbetriebnahme seiner Anlage. So müssen beispielsweise keine speziellen Mitarbeiterschulungen vorgenommen werden. Außerdem entfallen langwierige Überlegungen, welche Notwendigkeiten für die Inbetriebnahme eines neuen Geräts geschaffen werden müssen.

Das Konsortium wurde 2001 gegründet. Mittlerweile gehören 24 Unternehmen PACTware an. Wie kann ich mir die Arbeit des Konsortiums vorstellen?

Unser Konsortium ist in verschiedene Arbeitsgruppen strukturiert: Das Entwicklungsteam treibt das Produkt voran, das Produktmanager-Team erarbeitet die Definition hierfür. Die Tätigkeit unseres Marketingteams ist in den vergangenen Jahren leider etwas eingeschlafen, diese möchten wir nun aber wieder aufleben lassen. Die Teams treffen sich regelmäßig – der Vorstand vierteljährlich, die anderen mindestens monatlich.

PACTware steht nur den Mitgliedsunternehmen zur Verfügung. Welche Anforderungen müssen Firmen erfüllen, um dem Konsortium beitreten zu können?

In unserem Konsortium gibt es zwei Mitgliedsstufen: Wir haben Vollmitglieder, die ein Mitbestimmungsrecht sowie die Rechte an dem Source Code besitzen. Die zweite Möglichkeit ist eine OEM-Mitgliedschaft. In unseren Statuten sind unsere Lizenzbedingungen festgehalten, die jedes Mitglied unterschreiben muss. Alle unsere Mitglieder sind beispielsweise verpflichtet, Neuentwicklungen der Software zu testen. Das ist ein Qualitätsmerkmal, auf das wir sehr stolz sind.

Mit welchen Organisationen arbeitet PACTware zusammen?

Unser Konsortium ist Mitglied der FDT-Group. Viele unserer Mitgliedsfirmen sind wiederum aktiv in der Namur tätig. Folglich fließt der Input der Namur auch in unsere Entwicklung mit ein. Dies trifft aber auch auf die anderen Industriebereiche, die für uns interessant sind, zu: Wir belegen mit unserem Produkt nicht nur das große Feld der Prozessautomation, unsere Software wird auch in der Fabrikautomation genutzt.

Im Februar wurde die sechste Version von PACTware auf den Markt gebracht. Inwiefern unterscheidet sich diese von den Vorgängern?

Wir haben mit der Version 6.0 ein neues Bedienkonzept realisiert und auch die grafische Benutzeroberfläche neu konzipiert. Wir wollten intuitiver, einfacher und verständlicher werden. In den Vorgängerversionen konnte der Nutzer viele Funktionen über verschiedene Wege erreichen. Dies haben wir mit der neuen Version vereinfacht: Jede Funktion ist nur über einen bestimmten Weg erreichbar; Features, die zusammengehören, wurden zusammengefasst. Die gesamte Oberfläche ist nun außerdem per Touch bedienbar. Auch auf der technologischen Ebene ist viel passiert. Einige Features werden aber erst in den nächsten Monaten ergänzt. Dies betrifft den schon angesprochenen Upload-Manager für einheitliche Gerätetreiber sowie das Einbinden von FDI-Packages. Außerdem haben wir mit 6.0 Vorbereitungen für die Spezifikation 3.0 der FDT-Group getroffen – die Umsetzung erfolgt ebenfalls noch dieses Jahr.

PACTware basiert auf der FDT+DTM-Technologie. Können Sie dies ausführen?

Die Field Device Technology (FDT) ist die Schnittstellendefinition zwischen Feldgerät, Device Type Manager (DTM) und PACTware. Es definiert den Datenaustausch zwischen den Komponenten unabhängig von der Feldbus-Kommunikation. So wie der Druckertreiber in der Office-Welt, sorgt in der FDT-Welt ein eigener Treiber des Feldgeräts, der DTM, für die gute Kommunikation zwischen Systemebene und Feldgeräten. Der DTM fasst alle Funktionen und Daten des Geräts zusammen. Diese Technologie treiben wir, gemeinsam mit der FDT-Group, seit mehr als 20 Jahren voran. Der nächste Schritt ist, wie schon erwähnt, die Erweiterung um die FDI-Technologie. FDI-Packages basieren auf einer anderen Technologie als FDT+DTM, aber wir haben mit Version 6.0 eine Möglichkeit gefunden, diese unseren Anwendern dennoch zur Verfügung zu stellen.

Inwiefern unterscheidet sich PACTware von anderen herstellerunabhängigen Softwaren?

Es gibt zwar viele große Hersteller, deren Frames nach einer ähnlichen Technologie wie PACTware arbeiten. Aber ein breites Angebot an unabhängigen Softwares gibt es nicht. Unser großer Pluspunkt ist, dass wir als Verbund von mehr als 20 Firmen PACTware sehr ausgiebig vor einem Launch testen. Wir haben ebenfalls schon sehr früh auf einheitliche Komponenten gesetzt. Die Anwender müssen das Rad also nicht neu erfinden – mit PACTware setzen sie auf eine Technologie, die sehr sicher sowie zukunftssicher ist.

Sie haben bereits Ihre Ziele für dieses Jahr angesprochen. Werfen wir einen Blick in die langfristige Zukunft. Welche Ziele hat sich PACTware gesetzt?

Wir beobachten weiterhin den Technologiemarkt – PACTware ist nicht nur ein herstellerunabhängiges, sondern auch ein feldbusunabhängiges Produkt. So wurde beispielsweise mit Ethernet-APL ein Standard entwickelt, von dem ich mir persönlich einen großen Schub für die Automation verspreche. Auch das Zusammenwachsen von Fabrik- und Prozessautomation sowie die drahtlosen Technologien beobachten wir sehr sorgfältig, um auch hier weiterhin am Puls der Zeit zu bleiben.

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