Mit einer besseren Bewertung gefährlicher Chemikalien sollen die Risiken für Mensch und Umwelt sinken – ohne dafür Versuche an Tieren durchführen zu müssen.

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EU-Partnerschaft PARC Für weniger Risiken und Tierversuche in der Chemie

10.06.2022

Wie können die EU und ihre Mitglieder dafür sorgen, dass Mensch und Umwelt weniger gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind? Mit welchen alternativen Methoden zu Tierversuchen lassen sich chemische Risiken bewerten? Mit diesen Fragen befasst sich die kürzlich gegründete Partnerschaft PARC: „European Partnership for the Assessment of Risk from Chemicals“.

PARC wurde am 1. Mai 2022 gegründet und vereint fast 200 Forschungseinrichtungen und Gesundheitsbehörden aus insgesamt 28 Ländern. Für einen Förderzeitraum von sieben Jahren erhält die Partnerschaft eine Finanzierung von rund 400 Millionen Euro von der Europäischen Kommission und den beteiligten Partnerländern. Koordiniert wird sie von der französischen Agentur für Lebensmittelsicherheit, Umwelt- und Arbeitsschutz (ANSES).

Zu den PARC-Mitgliedern zählt unter anderem die Universität Konstanz. Hier unterstützen Forschende das Programm mit tierversuchsfreien methodischen Ansätzen (New Approach Methods, NAM), die sich bei der Risikobewertung und regulatorischen Toxikologie anwenden lassen.

Wissen sammeln ohne Tierexperimente

Am 14. Oktober 2020 hat die Europäische Kommission eine EU-Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit verabschiedet. Eine der vorgesehenen Maßnahmen laut offizieller Pressemitteilung ist „die Erstellung einer EU-Forschungs- und Innovationagenda für Chemikalien, um die Wissenslücken über die Wirkung von Chemikalien zu schließen, Innovationen zu fördern und nach und nach auf Tierversuche zu verzichten.“ Hier setzt der Teilbereich von PARC an, an dem sich Forschende der Universität Konstanz schwerpunktmäßig beteiligen.

Durch die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Marcel Leist, Professor für In-vitro-Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz und Co-Direktor des Center for Alternatives to Animal Testing in Europe (CAAT-Europe), werden in Konstanz auf NAM basierende Testbatterien entwickelt und eingesetzt. Diese sind in der Lage, die toxikologischen Eigenschaften von Medikamenten und Lebensmittelbestandteilen zu erfassen. Im Rahmen von PARC sollen diese Methoden weiter verfeinert werden, um ihre Anwendung im regulatorischen Umfeld zu ermöglichen – also dort, wo die Daten Auswirkungen auf den Marktzugang von Chemikalien und auf die Festlegung von Grenzwerten für die sichere Exposition gegenüber der allgemeinen Bevölkerung oder in verschiedenen Arbeitsumgebungen haben.

Der Schwerpunkt der Konstanzer Methoden liegt auf den potenziell toxischen Wirkungen von Chemikalien auf das Nervensystem (Neurotoxizität) und auf die Gesundheit von Ungeborenen (Entwicklungstoxizität). „Wir werden mehrere Fallstudien durchführen, die die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit der NAM für die Bereitstellung von Daten für Regulierungsbehörden zeigen werden“, sagt Leist.

Erste Erfolge

Die an der Universität Konstanz entwickelten, tierversuchsfreien Methoden wurden bereits in der Vergangenheit von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der US-Umweltschutzbehörde (EPA) genutzt. Die derzeit verfügbare Testbatterie erfasst mehrere verschiedene Aspekte der Neurotoxizität: So werden beispielsweise Informationen darüber gewonnen, ob Giftstoffe die Bildung eines neuronalen Netzwerks hemmen oder ob sie eher verschiedene Funktionen eines bereits gebildeten Netzwerks beeinträchtigen.

Leist erläutert: „Im Rahmen von PARC werden wir diese Testbatterie weiterhin nutzen, um Daten über die Gefahren von Verbindungen zu sammeln, die in der Europäischen Union von besonders hoher Bedeutung sind. Einige dieser Chemikalien stehen in Verdacht, das Hormonsystem negativ zu beeinflussen oder die Genexpression im Gehirn zu verändern. Um auf derartige Effekte zu testen, müssen neue Testsysteme entwickelt und implementiert werden.“

Sämtliche Methoden des Projekts sollen auf der Verwendung menschlicher Zellen anstelle von Tierversuchen beruhen. Da mit den neuen Methoden deutlich mehr Tests durchgeführt werden können als mit herkömmlichen Ansätzen, lassen sich auch Gemische von Umweltchemikalien untersuchen. Damit leistet PARC auch einen Beitrag zum „Zero Pollution Action Plan“ des Green Deal.

Nutzen für die Industrie

Die Projektergebnisse können auch für weitere Endnutzer zum Beispiel aus der Industrie von Nutzen sein. Das liegt daran, dass die In-vitro-Methoden schnell, zuverlässig und kosteneffizient sind. „Die regulatorische Umsetzung der Tests wird also für verschiedene Interessengruppen von großem Nutzen sein, sei es durch die Reduktion von Tierversuchen, die Identifizierung und Regulierung gefährlicher Substanzen oder – in letzter Instanz – die weitreichenden Vorteile für die öffentliche Gesundheit, die sich daraus ergeben“, sagt Leist.

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