Fünf bis zehn Jahre in die Zukunft zu blicken – das ist eine undankbare Aufgabe, denn wir leben in einer Zeit immenser Unwägbarkeiten und Unsicherheiten. Vor dem Hintergrund der Umbrüche in der Weltpolitik lässt sich nur in wahrscheinlichen Szenarien nach vorne schauen. Wir sprechen hierzulande seit der russischen Invasion in der Ukraine 2022 gerne von der Zeitenwende, als wäre diese ein völlig unerwartetes Schockerlebnis im Sinne eines „schwarzen Schwans“. Ich betrachte dies als verspätete deutsche Erkenntnis einer tektonischen Verschiebung, die wir seit beinahe zwei Jahrzehnten erleben.
Wir befinden uns in einer neuen Realität, dominiert von drei globalen Trends: der brutalen Rückkehr der Geopolitik und des Krieges auf den europäischen Kontinent, der geoökonomischen Zeitenwende und dem unerbittlichen Systemwettbewerb zwischen Autokratien und Demokratien. China und andere Schwellenländer sind rasant aufgestiegen, während Europa stagnierte. Amerika hat relativ an Macht verloren; dennoch steht die US-Wirtschaft erstaunlich gut da. Die ökonomische Triade aus Europa, Amerika und Japan generierte zur Jahrtausendwende noch etwa 75 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Heute liegt der Anteil der westlichen Industrienationen bei rund 40 Prozent, die wirtschaftliche Musik spielt im Indopazifik. Russland und China verfolgen offen das Ziel, die westliche, insbesondere amerikanische Hegemonie zu brechen.
Diese veränderte Beschaffenheit des internationalen Systems bedeutet für Europa und besonders für die exportabhängige Bundesrepublik, dass alte Gewissheiten zerstört wurden. Wir glaubten an dauerhaft billige Energie aus Russland, betrieben aus Kostengründen das Outsourcing unserer Produktion und überließen das Schürfen kritischer Rohstoffe anderen, insbesondere China. Im Kant’schen Sinne glaubten wir, wirtschaftliche Verflechtung sei stets ein positives Nullsummenspiel und befördere Demokratien. Doch unsere einseitigen Abhängigkeiten sind zu massiven Verwundbarkeiten geworden. Wir erleben das Zeitalter der Geoökonomie: Wirtschaftliche Instrumente werden als politische Waffen eingesetzt, der globale Handel ist zunehmend von Protektionismus und Nationalismus geprägt. Dieser Trend macht auch vor Europa nicht halt, wo mittlerweile in elf von 27 EU-Mitgliedsstaaten rechtspopulistische Parteien mitregieren.
Für die europäische Industrie bedeutet dies, dass wir uns auf strategische Autonomie und konsequentes De-Risking besinnen müssen. Wir dürfen nicht in Schockstarre verharren, sondern müssen unsere ökonomischen Instrumente pragmatischer nutzen. Den transatlantischen Handel und unsere globalen Beziehungen können wir nicht kappen, aber Abhängigkeiten müssen sinken. Ein entscheidender Faktor bleiben die USA. Europa genießt für die Amerikaner nicht mehr oberste strategische Priorität; ihr zentrales Interesse ist China. Europa muss deshalb die konventionelle Verteidigung in seiner Nachbarschaft selbst übernehmen und planen, als hätten wir die Amerikaner bald nicht mehr vollumfänglich an unserer Seite.
Wenn militärische Experten vor einer möglichen Bedrohung des NATO-Territoriums in vier bis fünf Jahren warnen, dürfen wir nicht hoffen, Russland sei durch die geringen Geländegewinne in der Ukraine ohnehin zu geschwächt. Wir brauchen gemeinsame europäische Entwicklungen, Beschaffungen und Ausbildungsstrukturen in der Verteidigungsindustrie. In einer Übergangsphase werden wir wohl noch Systeme in den USA kaufen, aber eigene Fähigkeiten bei Offensivdrohnen, Cyber-Technologien und künstlicher Intelligenz ausbauen. In Europa mangelt es weniger an Geld als an Umsetzung und der Überwindung nationaler Egoismen. Ich glaube nicht an eine europäische Armee, wohl aber an flexible Koalitionen, in denen Frankreich, Großbritannien, Polen und Deutschland vorangehen. Deutschland braucht einen Mentalitätswandel: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen technologische Souveränität, Resilienz und Verteidigungsfähigkeit robust aufstellen.